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Jagdunfall in Fentingen: Aus 569 Metern in die Wange
Lokales 3 Min. 12.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Jagdunfall in Fentingen: Aus 569 Metern in die Wange

Als die Frau von der Kugel getroffen wurde, sass sie mit Freunden auf dieser Terrasse.

Jagdunfall in Fentingen: Aus 569 Metern in die Wange

Als die Frau von der Kugel getroffen wurde, sass sie mit Freunden auf dieser Terrasse.
Foto:Pierre Matgé
Lokales 3 Min. 12.03.2019 Aus unserem online-Archiv

Jagdunfall in Fentingen: Aus 569 Metern in die Wange

Im September 2016 wird eine Frau auf der Terrasse einer Wohnung in Fentingen von einer Kugel getroffen. Ein Jäger muss sich nun wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten.

(SH) - 24. September 2016. Eine Frau verbringt den Spätsommer bei Freunden in Fentingen auf der Terrasse, will eigentlich mit ihnen auf das lokale Oktoberfest. Dorthin wird sie nicht kommen: Am späten Nachmittag wird sie auf der Terrasse von einer Kugel ins Gesicht getroffen. Das Projektil durchbohrt ihre Wange und zersplittert ihren Unterkiefer. Mehrere chirurgische Eingriffe sind nötig, um die Kugel zu entfernen und den Unterkiefer wiederherzustellen. Dabei hatte die Frau noch Glück, denn wäre sie ein paar Zentimeter höher in der Schläfe oder tiefer im Halsbereich getroffen worden, hätte der Schuss durchaus tödlich sein können, so ein Rechtsmediziner.

Der Blickpunkt des Jägers beim Schuss in Richtung Fentingen. Hinter den Hecken und Bäumen am Friedhof liegen Wohnhäuser.
Der Blickpunkt des Jägers beim Schuss in Richtung Fentingen. Hinter den Hecken und Bäumen am Friedhof liegen Wohnhäuser.
Foto: Pierre Matgé

Auf der Suche nach dem möglichen Täter schließt die Polizei schnell auf eine Gruppe von fünf Jägern, von denen sich einer nun wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten muss. Wie die ballistischen Untersuchungen ergeben haben, wurde die Kugel aus seiner Waffe abgefeuert – „zweifelsfrei“, wie ein Ermittler erklärte.

Erfahrener Jäger

Die Jäger machten zum Zeitpunkt der Tat auf einem Maisfeld nahe dem Friedhof von Fentingen Jagd auf Wildschweine. Der dort ansässige Bauer hatte sie darum gebeten. Der nun angeklagte Mann soll einem Ermittler zufolge in einer Entfernung von 569 Metern zur Terrasse (Luftlinie) zwei Schüsse in Richtung eines Tieres abgegeben, das Wildschwein jedoch nicht getroffen haben.

Nach dem ersten Schuss soll es gestaubt haben – ein Zeichen dafür, dass die Kugel in den Boden schlug, so wie dies den Jägern vorgeschrieben wird. Beim zweiten Schuss soll etwas weniger Staub aufgewirbelt worden sein. Der 51-jährige Beschuldigte selbst bestätigte, dass eine Kugel den Boden berührt hatte. Was anschließend passiert sei, wisse er nicht. Es tue ihm aber leid.


Links der Stuhl, in dem das Opfer von Fentingen saß, rechts die Dachgeschosswohnung, in der sich das Drama von Bereldingen abspielte. Während im Fall der verlorenen Kugel der beschuldigte Jäger Rechtsmittel gegen eine Anklageerhebung eingelegt hat, sind die Ermittlungen zum mutmaßlichen Doppelmord noch nicht abgeschlossen. Der tatverdächtige Polizist befindet sich weiter in U-Haft.
Die Kugel und das Gift
Eine verirrte Kugel in Fentingen und ein mutmaßlicher Doppelmord in Bereldingen: Die zwei Fälle an einem Wochenende schockieren das Land im Herbst 2016. Der Stand der Dinge zwei Jahre danach.

Bei dem Mann handelt es sich um einen erfahrenen Jäger. Seine Prüfung hatte er bereits 1985 abgelegt. Jagdschein und Waffe waren in Ordnung. Wie der Ermittler weiter erklärte, sei die Siedlung vom Parkplatz aus, an dem sich die Jäger getroffen hatten, zu sehen gewesen. „Von dort, wo er stand, als er den Schuss abgegeben hatte, konnte er das Dorf allerdings nicht sehen“, fügte er hinzu.

Bedenken müsse man auch, dass die Kugel auf den 569 Metern genau zwischen zwei Häusern durchgeflogen sei. Das Terrain zwischen dem Standort des Jägers und der Terrasse ist wohl weitestgehend, allerdings auch nicht ganz flach. Dies könnte einen Einfluss auf die Schusslinie gehabt haben.

Ein weiterer Beteiligter betonte, vor der Jagd sei auf diese Spezifität hingewiesen worden. Es sei allerdings nicht Usus, die kompletten Verhaltensregeln durchzugehen. Er selbst habe erst von dem Vorfall erfahren, als sich die Jäger nach getaner Arbeit zu ihren Wagen begaben. „Dort stand die Polizei und sagte uns, dass eine Frau angeschossen worden war. Es war ein Schock für mich.“

Kraft und Gefühl fehlen

Das Opfer befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus. Noch am Tattag wird die Frau nach Belgien in eine spezialisierte Klinik gefahren. „Ich hatte zunächst gar nicht richtig mitbekommen, was passiert war“, erinnerte sich die Frau an den Vorfall. Die Sanitäter hätten ihr erst gesagt, dass sie von einer Kugel getroffen worden war.

Die Kugel war in flachem Winkel zwischen diesen beiden Wohnhäusern durchgeflogen.
Die Kugel war in flachem Winkel zwischen diesen beiden Wohnhäusern durchgeflogen.
Foto: Pierre Matgé

Mehrmals wurde sie operiert, um Metall- und Knochensplitter zu entfernen und den Kiefer wiederherzustellen. Fünfeinhalb Monate konnte die Frau nicht arbeiten, monatelang keine feste Nahrung zu sich nehmen. Sie nahm zwölf Kilogramm ab.

Auch heute leidet sie noch unter den Folgen des Vorfalls. Kauen kann sie nur auf der linken Seite, allerdings auch nicht alles. Zum Zerkleinern von verschiedenen Nahrungsmitteln fehlt ihr immer noch die Kraft im Kiefer. Ihre Unterlippe ist taub, ebenso wie der Bereich bis zum Kinn.

Doch auch psychisch hat der Unfall Spuren hinterlassen. In den Wald hinter ihrem Haus traut sich die Belgierin nicht mehr, da dort auch Jagden stattfinden. „Ich bin mir bewusst, dass der Mann es nicht absichtlich getan hat“, erklärte sie dennoch und betonte, dass sie hoffe, dass er alle möglichen Vorrichtungen getroffen habe, um den Unfall zu vermeiden.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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