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Interview Dr. Claude Schummer: Zweierlei Maß
Dr. Claude Schummer von der Ärztevereinigung AMMD ist skeptisch, was Homöopathie angeht.

Interview Dr. Claude Schummer: Zweierlei Maß

Foto: Guy Jallay
Dr. Claude Schummer von der Ärztevereinigung AMMD ist skeptisch, was Homöopathie angeht.
Lokales 2 Min. 25.04.2015

Interview Dr. Claude Schummer: Zweierlei Maß

Dr. Claude Schummer ist Generalsekretär der Vereinigung der Ärzte und Zahnärzte AMMD. Er steht der Homöopathie zwar skeptisch gegenüber, verteufeln will er die alternative Praxis dennoch nicht. Es bestehe eine Nachfrage und man könne keinen Schaden damit anrichten, so sein Fazit.

INTERVIEW: JACQUES GANSER

Dr. Schummer, was halten Sie denn eigentlich von Homöopathie?

Homöopathie ist ja eine alte Medizinpraktik, die oft bei eher kleineren Problemen eingesetzt wird. Meistens sind es Symptome, die von alleine auftauchen und auch von alleine wieder verschwinden. Homöopathie ist eine Behandlungsmethode, die nicht der klassischen Medikation entspricht. Diese müssen einen ganz hohen Standard an wissenschaftlichen Studien erfüllen und in sogenannten doppelten Blindstudien ihre Wirksamkeit nachweisen. Auf dieser Ebene hat die Homöopathie nie Studien liefern können. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass Homöopathie nicht schadet und viele Menschen daran glauben. Solange damit kleinere Probleme behandelt werden, ist dies für mich auch annehmbar.

Nun kann ja jeder das einnehmen, was er will. Die Fragestellung ist aber eine andere, wenn diese Medikamente von der Krankenkasse zurückerstattet werden.

Da werden in der Tat zweierlei Maß angewendet. In den 90er-Jahren wurden in Luxemburg viele Medikamente zurückerstattet, deren wissenschaftliche Wirkung nicht wirklich nachgewiesen werden konnte. Die Krankenkassen begannen dann, die Zurückerstattung solcher Medikamente zu verweigern. Die einzige Ausnahme, die gemacht wurde, waren eben homöopathische Präparate.

Die Krankenkassen verlangen also von uns Ärzten den Wirkungsnachweis, wenn wir ein Medikament verschreiben. Ausgerechnet für die homöopathischen Produkte, die den wissenschaftlichen Beweis schuldig bleiben, gilt dann aber eine Ausnahme.

Was sagen Sie denn zu der aktuellen Situation? AMMD und das „Collége medical“ standen dieser Lösung ja immer sehr kritisch gegenüber?

Es bleibt nach wie vor befremdlich, dass man uns auf der einen Seite auf die Finger schaut, wenn man Medikament verschreibt und auf der anderen Seite Geld bezahlt wird für Substanzen, die den Wirkungsnachweis schuldig bleiben. Für uns bleibt dies ein Dorn im Auge. Nicht der Umstand, dass Menschen darauf zurückgreifen, sondern dass die Krankenkasse dort mit zweierlei Maß handelt.

Verschreiben Sie eigentlich persönlich homöopathische Medikamente?

Ich bin kein Spezialist der Homöopathie. Viele Ärzte verschreiben diese Produkte, um ihre Patienten zu beruhigen oder bei leichten Schlafproblemen. Im Allgemeinen wird Homöopathie nur bei sehr leichten Beschwerden eingesetzt. Oder wie ich es einmal überspitzt sagte: Patienten, die fast nichts haben und sich das dann auch mit fast nichts behandeln lassen. Ich glaube, damit ist die Homöopathie zusammengefasst.

Der Vorteil dieser Behandlungsweise ist der, dass es Behandlungen sind, die keinen Schaden anrichten. Weil viele Menschen kleine Probleme haben, kann es auch ein Vorteil sein, etwas zu verschreiben, das nicht schadet.


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