Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Im Weinberg des Herrn
Lokales 4 Min. 14.05.2016 Aus unserem online-Archiv
Hype um Sozialenzykliken

Im Weinberg des Herrn

Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI.
Hype um Sozialenzykliken

Im Weinberg des Herrn

Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI.
Foto: Reuters
Lokales 4 Min. 14.05.2016 Aus unserem online-Archiv
Hype um Sozialenzykliken

Im Weinberg des Herrn

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Gleich zwei Jubiläen feiern Sozialenzykliken in diesem Jahr, vor allem die sogenannte Mutter aller Sozialenzykliken „Rerum novarum“ (Über die neuen Dinge), die Papst Leo XIII. am 15. Mai 1891 veröffentlichte.

Seit einigen Jahren feiern päpstliche Lehrschreiben zu wirtschaftlichen Fragen Hochkonjunktur. So ging es nicht nur der Umweltenzyklika von Papst Franziskus „Laudato si'“, sondern auch schon der Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. „Caritas in veritate“, die 2010 erschienen ist und die sich u. a. mit dem Thema Migranten befasste, noch bevor es zur aktuellen Brisanz gelangte.

Gleich zwei Jubiläen feiern Sozialenzykliken in diesem Jahr, einmal „Centesimus annus“ (Das 100. Jahr; 1991) von Papst Johannes Paul II. und vor allem die sogenannte Mutter aller Sozialenzykliken „Rerum novarum“ (Über die neuen Dinge), die Papst Leo XIII. am 15. Mai 1891 veröffentlichte.

In „Rerum novarum“ wird erstmals die Arbeiterfrage thematisiert, das Schreiben setzt neue Maßstäbe in der kirchlichen Soziallehre und begründet einen Schritt auf die moderne Welt zu, der bislang ausgeblieben war. Versklavung der Arbeiterschaft, Klassenkampf, Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Privateigentum nur im Zusammenhang mit einer Sozialverpflichtung, gerechte Löhne und staatlicher Schutz für Arbeitnehmer – die Stichwörter dieses Schreibens lassen die soziale Marktwirtschaft erahnen.

Als einer der Nestoren der sozialen Marktwirtschaft gilt der Jesuit Oskar von Nell-Breuning, der am 8. März 1890 in Trier geboren wurde und der sich als Vordenker und Kämpfer für eine gerechte Sozialordnung auszeichnete. Vieles von dem, was später in die Praxis umgesetzt wurde, hatte er schon lange angemahnt. Er war auch einer der Autoren der Sozialenzyklika von Papst Pius XI. „Quadragesimo anno“ (1931), in der es u. a. um die Sozialbindung des Eigentums geht und in der das Subsidiaritätsprinzip zum ersten Mal formuliert wurde.

Wenn auch dieser Grundsatz hier zum ersten Mal so benannt und definiert wurde, hatte er doch geistesgeschichtliche Vordenker wie etwa Aristoteles und Thomas von Aquin. Jedenfalls kann Oskar von Nell-Breuning somit als einer der wichtigsten Vertreter dieses Subsidiaritätsprinzips gelten. Bei diesem Prinzip darf die höhere Instanz (z. B. eine Regierung) nur die Aufgaben an sich ziehen, die die untere (z. B. die Familie oder der Einzelne) nicht gut bewältigen kann, erklärt Dr. Gerhard Beestermöller, Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der Luxemburg School for Religion and Society (LSRS) – Centre Jean XXIII.

Das Subsidiaritätsprinzip findet heutzutage nach wie vor Anwendung. Laut EU-Vertrag klärt es beispielsweise welche Zuständigkeiten, die EU zu übernehmen hat, und welche bei den Mitgliedsstaaten bleiben sollen, meint er weiter. Ob diese Grundregel in Zukunft für die Lösung sämtlicher globaler Ordnungsprobleme, die mit den neuen Konflikten (Umwelt, Terror usw.) einhergehen, ausreicht, stellt Gerhard 
Beestermöller in Frage. Das Subsidiaritätsprinzip hilft Kompetenzfragen zwischen „unten“ und „oben“ in hierarchisch strukturierten Systemen zu lösen. An seine Grenzen gelangt es dort, wo es um Kooperationen zwischen gleichrangigen Mitgliedern von vielleicht sogar instabilen Netzwerken geht, die es heute aber immer gibt.

Des Weiteren unterstreicht er, dass die Auslegung der Katholischen Soziallehre sehr unterschiedlich sein kann. Nell-Breuning oder Papst Franziskus lesen aus ihr eher die Verpflichtung heraus, soziale Gerechtigkeit herzustellen, während manche marktliberal denkenden Katholiken sich in ihrer Forderung nach Freisetzung der innovativen Kräfte des Einzelnen bestärkt sehen. Schließlich macht der Sozialethiker darauf aufmerksam, dass nach kirchlicher Lehre das Subsidiaritätsprinzip ausdrücklich für sämtliche gesellschaftlichen Tätigkeiten gelte. Desto erstaunlicher sei es, dass dieser Leitsatz in der Kirche bisher eher anfangshaft realisiert sei. Die Kirche sei bisher weiterhin stark hierarchisch strukturiert, obwohl sie doch genau dies bei anderen Institutionen kritisiere. Hier herrsche in der Kirche ein gewaltiger Nachholbedarf.

Sozialenzykliken von „Rerum novarum“ bis zur Umweltenzyklika von Papst Franziskus befassen sich mit den Problemen dieser Welt, aber ihre Inspiration und ihre Ausrichtungen sind auch spirituell und fußen in der Bibel, im Altem und im Neuen Testament. Und diese entscheidende Quelle der Inspiration ist nicht obsolet und ist immer noch wegweisend, wie es zum Beispiel „Laudato si'“ von Papst Franziskus belegt, der sich auf den in der Bibel eingeschriebenen Respekt der Schöpfung stützt, um das Thema Umwelt zurecht sozial auszulegen.


Jesus und der gerechte Lohn

Im Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Matthäus 20,1–16), das schlechthin als die Parabel zur Arbeit im neuen Testament steht, stellt Jesus – wie so oft – alle gängigen Auffassungen auf den Kopf. Hier erhalten alle Arbeiter denselben Lohn, obwohl nicht alle ihre Arbeit zur selben Zeit aufnehmen, (aber sehr wohl damit aufhören, dennoch geht es nicht darum, festzulegen, dass Menschen umsonst arbeiten sollen).

Die Maßstäbe der Gerechtigkeit, die Jesus setzt, richten sich offensichtlich nicht nach einem Leistungsprinzip, sondern nach den Bedürfnissen der Menschen: All diejenigen, die im Weinberg arbeiten wollen, brauchen diese Arbeit und deshalb erhalten sie auch alle am Ende des Tages denselben Lohn, – auch wenn manche früher angefangen haben zu arbeiten. Es geht hier um Solidarität, um Barmherzigkeit, man erfährt nicht, weshalb die einen früher vorstellig sind und die anderen später, nur dass alle Arbeit erhalten, es gibt außerdem genug Arbeit für alle.

Im Vordergrund steht, dass den Ersten nichts weggenommen wird, damit die Letzten dasselbe erhalten. Im Vordergrund steht weiter das Allgemeinwohl aller, ohne dass einige oder viele benachteiligt werden. Gerade angesichts der Finanzkrise, weiterer globaler Probleme und der verabsolutierten Hetzjagd nach immer mehr Geld usw. könnte dieses einfache Prinzip zur Verwirklichung von mehr sozialer und weltwirtschaftlicher Gerechtigkeit (z. B. auch bei den 
aktuellen TTIP-Verhandlungen) ermutigen.

Benedikt XVI. hatte sich bei seiner Wahl zum Papst als einen bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn bezeichnet und auch bei ihm kann dieser Satz über die theologische Bedeutung hinaus auf anderen Ebenen dekliniert werden.

Anne Chevalier


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Die Geschichte wiederholt sich, und doch wiederholt sie sich oftmals ganz anders. Als vor Monaten bekannt wurde, der Papst schreibe an einer Enzyklika über die Umwelt, schickten Energiekonzerne, Autohersteller, Chemie- und Agrarriesen ihre Emissäre aus wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Thinktanks nach Rom.