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Im Schatten von Fukushima
Lokales 23 6 Min. 01.09.2021
Übung in Cattenom

Im Schatten von Fukushima

Das Kernkraftwerk Cattenom liegt knapp zehn Kilometer hinter der französischen Grenze.
Übung in Cattenom

Im Schatten von Fukushima

Das Kernkraftwerk Cattenom liegt knapp zehn Kilometer hinter der französischen Grenze.
Foto: Steve Remesch
Lokales 23 6 Min. 01.09.2021
Übung in Cattenom

Im Schatten von Fukushima

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Cattenom probt den Ernstfall mit einer Sondereinsatztruppe für Nuklearkatastrophen.

Am 11. März 2011 bebt vor der japanischen Ostküste mitten im Meer die Erde. Die Magnitude von 9,1 ist bereits zerstörerisch, doch die Tsunami-Flutwelle, die kurze Zeit später das Festland treffen wird, stellt das noch weit in den Schatten. Mehr als 19.500 Menschen sterben, mehr als 2.500 gelten weiter als vermisst. 


A Geiger counter, measuring a radiation level of 0.106 microsievert per hour, is seen at a temporary housing complex that accommodates nuclear evacuees from Namie town, in Nihonmatsu, Fukushima prefecture, Japan, February 27, 2017. REUTERS/Toru Hanai          SEARCH "FUKUSHIMA RETURN" FOR THIS STORY. SEARCH "WIDER IMAGE" FOR ALL STORIES.
Was geschah 2011 in Fukushima?
Fragen und Antworten zum Unglück in Fukushima. Was geschah am 11. März 2011, wie viele Menschen waren betroffen, welche verheerenden Fehler wurden gemacht, wie viele Verantwortliche gibt es und wie steht es um den Atomausstieg in Japan. Außerdem: Zahlen die man nicht vergessen sollte.

Mitten im Zerstörungsgebiet und direkt an der Küstenlinie befindet sich das Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi, das durch die darauffolgende Nuklearkatastrophe in die Geschichte eingehen wird. Drei der sechs Reaktoren schalten sich wegen der Erdstöße gleich automatisch ab. 

Das Beben richtet erhebliche Schäden an und zerstört auch die externe Stromversorgung. Dazu kommt: Das Tsunami-Warnsystem der Anlage ist ausgeschaltet und die Sicherungsmauern zum Meer hin sind nur drei, anstatt wie vorgeschrieben fünf, Meter hoch. Die Reaktoren werden von Tsunamiwellen überschwemmt. Notstromversorgung und Kühlung fallen aus und es folgen Kernschmelzen und Wasserstoffexplosionen. 

Menschengemachte Katastrophe als Übungsvorlage 

Tagelang gelangen erhebliche Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre. Mangelnde Vorkehrungen und falsche Reaktionen machen aus dem Naturereignis im Rückblick eine menschengemachte Katastrophe. 

Es ist der gewaltigste Warnschuss für die weltweite Kernenergie seit Tschernobyl 25 Jahre zuvor. Die Dreifachkatastrophe setzt neue Maßstäbe in puncto Sicherheit, vor denen man sich auch im Kernkraftwerk Cattenom – in Frankreich, knapp zehn Kilometer von der Luxemburger Grenze, aber weit von Weltmeeren und im Prinzip auch von Erdbebengebieten entfernt – in Acht nimmt. 


Per Hubschrauber wird das technische Material vor Ort gebracht.
Schnelle Truppe für den schlimmsten Fall
Vom 15. bis zum 19. Mai läuft in Cattenom eine großangelegte Unfallübung. Getestet wird dabei die Reaktionsfähigkeit der französischen nuklearen Eingreiftruppe FARN.

Wie effizient die seit 2011 ergriffenen Maßnahmen (siehe Kasten unten) tatsächlich sind, wird seit gestern in Cattenom bei einer Katastrophensimulation geprüft. Zum dritten Mal seit der Gründung der schnellen Eingreiftruppe Force d’Action Rapide Nucléaire (FARN) des Betreibers Electricité de France (EDF). Und bei dieser Übung sind auch Pressevertreter zugelassen. 

Die Botschaft, die auf diesem Weg hinausgetragen werden soll, ist klar: Französische Nuklearzentralen sind sicher, robust und nachhaltig. Und wenn es doch zu dem kommen sollte, was die Verantwortlichen als „Aggression climatique“ bezeichnen, ist man gut vorbereitet – so der Tenor. Wie gut, das kann erst der Katastrophenfall beweisen, den es tunlichst zu vermeiden gilt. 

Das Szenario für die Übung ist eng an Fukushima angelehnt: Cattenoms Reaktor 3 wird durch ein Erdbeben schwer beschädigt, die Wasser- und Stromversorgung ist unterbrochen. Es gibt größere Lecks. Die Reaktorkühlung ist bedroht. Und auch Reaktor 2 ist getroffen, wenn auch weniger schwer. Im bildlichen Sinn brennt es demnach an mehr als einer Stelle. Und der Zugang zum Gelände ist zudem ausschließlich über Wasserweg, den Lac du Mirgenbach, möglich. 


Immer Ärger mit Greenpeace: Die Verantwortlichen der Zentrale in Cattenom wollen von Sicherheitsproblemen nichts wissen.
Cattenom-Direktor: "Es gibt kein Sicherheitsproblem"
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Während die erste Reaktion durch Ortskräfte erfolgt, kommt dann die nach Fukushima gegründete – und eigenen Angaben zufolge weltweit einzigartige – schnelle Eingreiftruppe FARN zum Einsatz. Diese setzt sich aus rund 300 EDF-Mitarbeitern aus dem Nuklearbereich und aus allen Spezialisierungsebenen zusammen. Die Mitglieder sind im Alltag zu 50 Prozent ihrem Arbeitsplatz zugeteilt und zu 50 Prozent der FARN. 

Nach einer dreiköpfigen Vorhut, die zwei Stunden nach einem Alarm mobilisiert ist, bricht jeweils eine Fahrzeugkolonne mit 14 Einsatzkräften aus den vier strategisch platzierten Einsatzzentren in Frankreich auf. Binnen 24 Stunden soll die erste Gruppe dann vor Ort im Einsatz sein – autark, mit eigenem Gerät, Logistik, Kommunikation und Versorgung. 

Reaktorsicherheit geht nur über Wasser-, Strom- und Luftzufuhr 

Zunächst gilt es, die Lage vor Ort zu bewerten. Dann wird 20 bis 30 Kilometer vom Einsatzort entfernt eine mobile Basis eingerichtet, von der aus der Einsatz koordiniert und ausgeführt wird. Zwölf Stunden nach der ersten Kolonne bricht eine zweite zur Ablösung auf. An der Übung in Cattenom sind 65 FARN-Einsatzkräfte beteiligt und 20 andere EDF-Mitarbeiter, um das Szenario abzuwickeln. 

„Vorrangig geht es darum, die Strom-, Wasser- und Pressluftversorgung der Reaktoren nach einem Unfall sicherzustellen. Dann darum, das auch dauerhaft und nachhaltig zu gewährleisten“, erklärt FARN-Übungsleiter Thierry Hugony. Denn alle drei Elemente braucht es, um die Kühlung eines Reaktors sicherzustellen – sprich, eine Kernschmelze zu verhindern. Dabei bleibt die Leitung des Kernkraftwerks stets bei dessen Direktion. Die FARN ist ausschließlich unterstützende Kraft mit spezialisierten Kräften und leistungsfähigem Material. 

Um die Übung zu erleichtern, liegt das Einsatzzentrum nur wenige Kilometer entfernt, am örtlichen Moselanleger. Statt einer Zeltstadt wurde nur das Kommandozelt aufgerichtet, mitsamt eigener Satellitenkommunikationsanlage. Aber ansonsten wird bei der Simulation dringlich auf realitätsgetreue Bedingungen geachtet. 

Die Zufahrt zum Einsatzort erfolgt ausschließlich auf dem Wasserweg, für Mensch und Material auf Booten und Flößen. Und auch der Nachschub etwa mit Treibstoff wird nur so überbrückt. Auf der Anlage werden Pumpen für Luft- und Wasserzufuhr aufgebaut. Die Schläuche führen zum Mirgenbachsee, könnten bei Bedarf aber auch über Kilometer bis zur Mosel vorgelegt werden. Zudem werden leistungsstarke Stromgeneratoren in Stellung gebracht, und, – was sich im Katastrophenfall durchaus als schwierig erweisen kann – dem Szenario entsprechend angeschlossen. 

„Das ist auch eines der wichtigsten Ziele der Übung“, bekräftigt der beigeordnete Direktor des Kernkraftwerks, Jérôme Le Saint. „Nicht nur das Material muss aufeinander abgestimmt sein, sondern auch die Einsatzkräfte und die Mitarbeiter der Anlage. Und beides funktioniert, soweit ich das bis jetzt beurteilen kann, sehr gut.“

Die Schaffung der FARN, im Bild deren Operationschef Thierry Hugony, ist eine der wichtigsten Neuerungen nach der Fukushima-Katastrophe.
Die Schaffung der FARN, im Bild deren Operationschef Thierry Hugony, ist eine der wichtigsten Neuerungen nach der Fukushima-Katastrophe.
Foto: Steve Remesch


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A Geiger counter, measuring a radiation level of 0.106 microsievert per hour, is seen at a temporary housing complex that accommodates nuclear evacuees from Namie town, in Nihonmatsu, Fukushima prefecture, Japan, February 27, 2017. REUTERS/Toru Hanai          SEARCH "FUKUSHIMA RETURN" FOR THIS STORY. SEARCH "WIDER IMAGE" FOR ALL STORIES.