Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Ich werde dafür sorgen, dass die Armen genauso reich sein werden wie wir ...“: Learning by doing
Lokales 5 Min. 22.07.2017

„Ich werde dafür sorgen, dass die Armen genauso reich sein werden wie wir ...“: Learning by doing

Robert Baden-Powell: „Fünf Prozent Gutes steckt selbst im schlechtesten Charakter. Es kommt nur darauf an, es aufzudecken und zu 80 oder 90 Prozent zu entwickeln.“

„Ich werde dafür sorgen, dass die Armen genauso reich sein werden wie wir ...“: Learning by doing

Robert Baden-Powell: „Fünf Prozent Gutes steckt selbst im schlechtesten Charakter. Es kommt nur darauf an, es aufzudecken und zu 80 oder 90 Prozent zu entwickeln.“
Lokales 5 Min. 22.07.2017

„Ich werde dafür sorgen, dass die Armen genauso reich sein werden wie wir ...“: Learning by doing

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
„Ich hatte heute keine Zeit, in meine Kirche, den Dschungel, zu gehen. So musste ich am Gottesdienst in der Garnisonskirche teilnehmen“, schrieb Robert Baden-Powell, der Gründer der PfadfinderInnen-Bewegung, mit dessen Spiritualität sich Jean-Marie Weber auseinandersetzt.


Go urban“ heißt das große Pfadfinderlager der „Lëtzebuerger Guiden a Scouten“. Neue Wege der Freiheit finden, das war immer Ziel der Pfadfinderbewegung. Wie kam ein Kriegsheld des Burenkrieges dazu, diese noch immer viele Jugendliche begeisternde Bewegung zu gründen? Ohne Konversion ging das nicht. Was aber bezweckte Robert Stephenson Baden-Powell?

Noch heute gibt es solche, die ihm unterstellen eine militärische Erziehung anvisiert zu haben. „Das sei absurd“, antwortet er in einem seiner Bücher über Afrika. Seine Erfahrungen beim Militär haben sicherlich dazu beigetragen, diese Bewegung zu konzipieren. Aber es gab viele andere Motive, biografischer und gesellschaftlicher Art, die sich in dieser Gründung verknoteten. Ähnlich wie andere Reformpädagogen gab es eine gewisse Angst vor der intellektuell und ästhetisch schockierenden Moderne, vor allem auch der Industrialisierung mitsamt ihrer zerstörerischen Wirkung auf das familiäre und gesellschaftliche Zusammenleben. Weitere Motive waren: die Menschen des Empire zu ertüchtigen, Autorität neu zu begründen, Schule und Kirche zu reformieren.

Das klingt alles ziemlich konservativ. Dabei kam er aus einem offenen Elternhaus, der Vater war der erste Theologieprofessor, der (seinen Freund) Darwin unterstützte, seine Mutter stand der christlich sozialistischen Bewegung nahe.

Sein ganzes Leben hindurch gab es ein Motto, das immer wieder in seinen zahlreichen Schriften aufgegriffen wird: „Gutes tun.“ Schon der achtjährige Robert beschrieb in einem Text, wie die Armut ihm zur moralischen Aufforderung wurde: „Ich werde dafür sorgen, dass die Armen genauso reich sein werden wie wir ... Man soll Gott täglich darum bitten, sooft man kann. Aber Beten allein nützt nichts, man muss auch das Gute tun.“

Gut sein wollen als zentrales Element

Dieses gut sein wollen ist zentral für seinen Bezug zum Leben, den Mitmenschen und zur Welt. Im Laufe seines komplexen Lebens dekliniert sich dieser Leitsatz immer wieder anders. Denken wir an seine Slogans wie „good turn“, „be prepared“, Friedenspfadfinder, „die Welt besser zu verlassen als man sie vorgefunden hat“.

Auch das Pfadfindergesetz und das Pfadfinderversprechen stehen in diesem Geist. Dazu passt auch das hohe Zutrauen in den Menschen. So schreibt er: „Fünf Prozent Gutes steckt selbst im schlechtesten Charakter. Es kommt nur darauf an, es aufzudecken und zu 80 oder 90 Prozent zu entwickeln.“ Er verstand den Menschen als Wesen, das Versprechen geben kann und sich auf die Zukunft hin transzendiert. So entwickeln sich Vertrauenswürdigkeit und Ehre.

Bei allen Ritualen und hierarchischer Organisation der Pfadfinderbewegung ging es Baden-Powell um die Entwicklung der Autonomie der Einzelnen, damit diese zu sich finden und Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen können. Das Motto „Ask the boy/girl“ ist ihm von großer Bedeutung. Später sprach man von Partizipation. Es ging ihm darum, die Jugendlichen zu unterstützen, ihre Entwicklung selbst zu gestalten.

So fragte er sich: „Kann man nicht ein Mittel finden, das besser mit dem neuzeitlichen Geist der Freiheit übereinstimmt, etwas in der Richtung der wahren Erziehung durch die Entwicklung eines eifrigen Wunsches nach Vervollkommnung aus dem einzelnen selbst heraus, an Stelle der veralteten mechanischen Massen-Instruktion.“

Dschungel und Kirche

Ganz optimistisch sprach er davon, dass „Gott uns in die Welt gesetzt hat, um das Leben zu genießen.“ Voraussetzung dazu ist, dass man sich für den Nebenmenschen einsetzt. Das christliche Liebesgebot ist ihm so zentral, dass er es auch von den Pfadfindern anderer Religionen fordert. Diese Bemerkung scheint mir auch in unserem heutigen pluralistischen Kontext hermeneutisch äußerst gewagt, aber interessant und herausfordernd zu sein.

Ganz im Geiste der damaligen Zeit fand er Gott im Sublimen der Natur. In diesem Sinn notierte er einmal in sein Tagebuch: „Ich hatte heute keine Zeit, in meine Kirche, den Dschungel, zu gehen. So musste ich am Gottesdienst in der Garnisonskirche teilnehmen.“

Das ist kein Beweis für die Existenz Gottes, aber noch heute gilt, dass wir als Mensch verarmen, wenn wir uns nicht von der Schönheit und dem Enigmatischen der Welt berühren lassen. Baden-Powell versteht den Bezug zu Gott als komplex. Menschen reicht Wissen nicht aus. Ohne Glauben in die Zukunft geht es nicht. Andererseits ist der Mensch nur Mensch als freies Wesen.

Und so übernimmt und übersetzt Baden-Powell für die Pfadfinder auch 
den berühmten Satz der ignatianischen Tradition: „Nimm an /glaube, dass der Erfolg deiner Unternehmungen gänzlich von dir selbst abhängt und keinesfalls von Gott; aber handele dennoch so, als ob Gott allein alles tun wird und du selbst nichts.“

„Der Junge „hasst es, wenn man ihm sagt, dass er etwas – und wie er es tun soll. Er will es viel lieber selber probieren, wenn ihm auch dabei Schnitzer unterlaufen; und gerade durch diese Fehlgriffe gewinnt ja ein Junge Erfahrung und bildet dabei seinen Charakter.“ „Learning by doing“ nennt er diese Methode. Das gilt im Übrigen auch für den religiösen Bereich. Die 
Jugendlichen sollen ausprobieren können, was ihrem Leben Orientierung geben kann.

Deshalb sagte Baden-Powell: 'Die Religion kommt nicht zum Pfadfindertum hinzu. Sie ist Teil davon.' In dem mehrdeutigen Begriff des Good turn, der tagtäglichen Guten Tat drücken sich Kreativität, Spontaneität verbunden mit Risiko und nicht ohne Humor aus."

Es geht um Offenheit, d.h. die Bereitschaft, sich zu überschreiten auf das immer neu aufscheinende absolut Andere, das erschrecken aber auch in Freiheit transzendieren lässt. Für Baden-Powell war Gott kein „Big Other“, der den Menschen ideologisch einengt und zur Unterwerfung zwingt, sondern zur „broad minded love“ herausfordert. Somit kann man sagen, dass das Pfadfindertum durch und durch spirituell ist. Es geht um das Üben und Experimentieren einer Lebensform, bei der Selbstverwirklichung mit der Liebe zum Mitmenschen artikuliert wird. Diese offene Spiritualität sollte sich in unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Diskurse einschreiben können.

Gelebte Spiritualität

Deshalb sagte Baden-Powell: „Die Religion kommt nicht zum Pfadfindertum hinzu. Sie ist Teil davon.“ Das fördert eine freie und kreative Entfaltung des Pfadfinders wie auch der gelebten Spiritualität. In seinem mehrdeutigen Begriff des „Good turn“, der tagtäglichen „Guten Tat“ drückt sich diese Kreativität, Spontaneität verbunden mit Risiko und nicht ohne Humor aus.

Es ging Baden-Powell darum, Jugendlichen zu helfen, ihren Blick zu schärfen, ihren Willen und ihre Widerstandskraft zu entwickeln, damit sie nicht in selbst verschuldete Unmündigkeit geraten. Jugendliche sollten persönliche Entscheidungen in komplexen Situationen treffen können.

Seinen Pfad finden, heißt letzten Endes, seine Wahrheit und seinen Lebenssinn finden, sich positionieren können und „sein Kanu selbst steuern“. Viele Laien und Kapläne standen bei den LGS (Lëtzebuerger Guiden a Scouten) im Dienst dieser ganzheitlichen Erziehung. Das machte diesen Verband auch so offen. Jede Zeit hat ihre geistigen Herausforderungen und Antworten. So wie mir scheint, stellen die LGS sich auch heute den geistigen Herausforderungen unserer Zeit.

Jean-Marie Weber, Hauptdozent an der Universität Luxemburg

Morgen findet der „Open day“ der „Lëtzebuerger Guiden a Scouten" von 12 bis 18 Uhr auf Kirchberg statt.

www.GoUrban.lu

Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.