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Ich weiß etwas, was du nicht weißt
Lokales 3 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Ich weiß etwas, was du nicht weißt

Am Donnerstagnachmittag warnten die Patientenvertreter vor dem "gläsernen Patienten".

Ich weiß etwas, was du nicht weißt

Am Donnerstagnachmittag warnten die Patientenvertreter vor dem "gläsernen Patienten".
Foto: Shutterstock
Lokales 3 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

Ich weiß etwas, was du nicht weißt

Ihr Orthopäde weiß von Ihren Magenleiden? Ein Pfleger hat Zugriff auf Ihre Blutwerte? Und Ihr Arzt kennt Ihre Akte besser als sie selbst? Was bisher Gott sei Dank nur blanke Horrorvorstellungen sind, könnte im schlimmsten Fall ab 2012 Wirklichkeit werden, wenn die Gesundheitsreform mit sogenannten Referenzärzten und elektronischen Patientenakten das Gesundheitswesen fundamental verändert.

(ak) - Als die Patientenvertretung am Donnerstagnachmittag zur Pressekonferenz lud, standen gleich mehrere brisante Themen rund um die Gesundheitsreform und ihre Konsequenzen auf der Tagesordnung. Der Präsident der "Patiente Vertriedung", René Pizzaferri, betonte dabei, dass man nicht über bereits existierende Probleme spreche, sondern über solche, die möglicherweise erst in den nächsten Monaten oder gar Jahren spürbar werden könnten.

Eine Pressekonferenz gegen den "Hätten-wir-das-gewusst"-Effekt

Ein besonderer Dorn im Auge war den Patientenvertretern zunächst die automatisch erstellte, elektronische Patientenakte DSP ("Dossier de Soins Partagé"). Für den Patienten bestehe dabei lediglich die Möglichkeit eines Opt-out-Verfahrens, das heißt, der nachträglichen Annullierung seiner Akte.

Die "Patiente Vertriedung" warnte weiterhin vor der Tatsache, dass die elektronische Akte von sämtlichen in Luxemburg tätigen Ärzten und generell vom gesamten medizinischen und paramedizinischen Personal eingesehen werden könne. Auch hier sei bislang nur die Möglichkeit eines Blacklist-Verfahrens vorgesehen, bei dem der Patient diejenigen Personen festlegt, die keine Einsicht in seine Akte erhalten sollen. Allein aufgrund der Tatsache aber, dass beständig neues (para)medizinisches Personal hinzukäme, sei dieses Verfahren auf lange Sicht automatisch mit dem Kontrollverlust über die eigenen Daten verbunden.

Étienne Ehmann forderte stattdessen das wesentlich transparentere, übersichtlichere und sicherere Verfahren einer Whitelist, bei dem der Patient nur die wenigen Personen festlegt, denen er Einsicht in seine Akte gewährt, und nicht die Tausenden, denen er sie verwehrt. Diese Liste von Ärzten des Vertrauens müsste zudem zu jedem Zeitpunkt bearbeitet werden können.

Einen weiteren Kritikpunkt sahen die Patientenvertreter im bisher fehlenden Rückverfolgungsverfahren: Der Patient könne nach bisherigem Stand der Dinge nicht nachvollziehen, wer wann auf seine Daten zugegriffen hat.

Erwiesenermaßen wertvolle Behandlungen müssen selbstverständlich bleiben

Auch das Modell "Referenzarzt" sieht die Patientenvertretung kritisch. Der von Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo als "Berater und Begleiter durch das Gesundheitssystem" angedachte Vertrauensarzt kann ab 2012 von den Patienten auf freiwilliger Basis bestimmt werden. Die Patientenvertretung jedoch befürchtet, dass der Referenzarzt vor allem dafür sorgen soll, dass bestimmte Budgetvorhaben eingehalten und nur noch sogenannte best-practice Behandlungen durchgeführt werden.

Étienne Ehmann warnte deshalb vor einem Abdriften in ein Gatekeeper-Modell (engl.: Torwächter), bei dem der Referenzarzt über den Zugang zu medizinischen Leistungen entscheidet. Dies führe unweigerlich zu einem Zwei-Klassen-System, in dem sich nur noch Zusatzversicherte bestimmte Behandlungen leisten könnten.

Ehmann betonte allerdings, dass die Gesundheitsreform nicht zwangsläufig zu Verschlechterungen führen müsse. So begrüßte er beispielsweise das Projekt einer "Maternité" mit fast 70 Prozent Ein-Bett-Zimmern. Da die Vorteile dieser so genannten Mutter-Kind-Zimmer allerdings wissenschaftlich belegt seien, forderte Ehmann, die Kosten für Letztere sollten anders als bisher vorgesehen von der Gesundheitskasse übernommen werden.

Die Patientenvertretung sieht darin eine von vielen Möglichkeiten, die gewaltigen Überschüsse von 79,7 Millionen Euro (2010) in den CNS-Kassen sinnvoll zu nutzen. Als Alternativen schlug Ehmann die Annullierung der Beitragserhöhungen oder das Abschaffen der Selbstbeteiligung in Höhe von 2,50 Euro beim Besuch einer Poliklinik vor. An eine Verbesserung der Rückzahlung verschiedener medizinischer Dienstleistungen und/oder an die Schaffung neuer Dienstleistungen sei ebenfalls zu denken.

„Wir haben keine Kristallkugel“

Wie sich die Situation der Patienten 2012 tatsächlich verändern werde, wisse man zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht, so die Patientenvertretung abschließend. Die Möglichkeit einer Verbesserung der Lage des Patienten sei ebenso gegeben wie die einer Verschlechterung. Zum jetzigen Zeitpunkt wolle man lediglich vor Problemen warnen, die sich in den nächsten Monaten und Jahren ergeben könnten, falls sich an bisherigen Vorhaben nichts ändert.