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50 Tote in der Eifel am Freitagmorgen
Lokales 5 6 Min. 16.07.2021
Hochwasser

50 Tote in der Eifel am Freitagmorgen

Hochwasser

50 Tote in der Eifel am Freitagmorgen

Foto: Thomas Frey/dpa
Lokales 5 6 Min. 16.07.2021
Hochwasser

50 Tote in der Eifel am Freitagmorgen

Die Zahl der Toten im Landkreis Ahrweiler steigt weiter. Insgesamt sind im Westen Deutschlands am Donnerstag mindestens 80 Menschen gestorben.

(dpa) -  Bei verheerenden Unwettern in Rheinland-Pfalz sind mindestens 50 Menschen (Stand: Freitag, 7 Uhr) ums Leben gekommen. Innenminister Roger Lewentz (SPD) sagte noch am Donnerstagabend im SWR Fernsehen, nach bereits 19 bestätigten Todesfällen habe sich die Zahl der Toten um weitere neun erhöht. Dabei handelt es sich um Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Sinzig, wie eine Ministeriumssprecherin bestätigte. Die Fluten seien schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können. Der Einsatz an der Einrichtung lief am Abend noch.

Zuvor hatte Lewentz deutlich gemacht, dass angesichts der großen Zahl von rund 1.300 weiterhin vermissten Menschen in der betroffenen Region auch weitere Opfer zu befürchten seien. Ein stundenlanger Starkregen hatte in mehreren Regionen Flüsse über die Ufer treten lassen. Besonders hart getroffen wurde der Landkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler. Im 700-Einwohner-Ort Schuld bei Adenau wurde die Ahr zum reißenden Fluss und zerstörte mehrere Häuser. Dutzende Menschen wurden am Donnerstagnachmittag noch vermisst - es war unklar, ob sie sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.

Dutzende Menschen werden noch vermisst. Erheblich betroffen sind auch die Landkreise Bitburg-Prüm, Vulkaneifel und Trier-Saarburg. Vielfach mussten Kitas und Schulen geschlossen bleiben.

Besonders den kleinen Eifel-Ort Schuld traf es schwer. Das Dorf mit etwa 700 Einwohnern - nahe der Landesgrenze zu NRW - liegt in einer Schleife an der Ahr, die normalerweise ein kleiner Fluss ist. Nun hat sich die Ahr in ein reißendes Gewässer verwandelt.  

Im Dorf Schuld an der Ahr mit rund 700 Einwohnern stürzten sechs Häuser ein, etwa 40 Prozent der weiteren Wohngebäude wurden beschädigt, wie der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius (CDU), mitteilte. In Insul standen nach seinen Angaben etwa 30 Prozent der Häuser unter Wasser. Etliche Ahr-Brücken wurden zerstört - Rettungskräfte mussten daher weite Umwege fahren. „Das ist der schlimmste Katastrophenfall, den ich erlebt habe“, sagte Nisius.  

Auch im Eifelkreis Bitburg-Prüm wurden Menschen in ihren Häusern von den Wassermassen eingeschlossen. Die Bewohner von mehreren Gemeinden waren von Stromausfall und Einschränkungen der Trinkwasserversorgung betroffen.


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Nach dem erneuten Starkregen am vergangenen Samstag blieb die Zugstrecke 90 vorerst geschlossen. Mehr im Ticker.

Der Katastrophenfall sei ausgerufen worden. „So eine Katastrophe haben wir noch nicht gesehen. Es ist wirklich verheerend“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in Mainz. Es sei schwierig, die Vermissten zu erreichen, da das Mobilfunknetz zum Teil ausgefallen sei, sagte Dreyer.

Der gesamte Landkreis Ahrweiler sei von der Unwetterlage betroffen, sagte ein Sprecher. Mehrere Orte wurden demnach wegen des Hochwassers von der Außenwelt abgeschnitten.

Am Mittwochabend hatten die Behörden im Landkreis Ahrweiler extremen Starkregen gemeldet. Die Feuerwehr Koblenz half zusammen mit dem Technischen Hilfswerk Lahnstein und der Feuerwehr Mainz aus, um 800 Sandsäcke pro Stunde zu füllen. Diese wurden mit sechs Lkw in den Landkreis Ahrweiler gebracht.

Betroffene berichten

In Bad Neuenahr-Ahrweiler berichtet Rene Pfennig, dass er in der Nacht gegen 1.30 Uhr unterwegs gewesen sei, als plötzlich Kanaldeckel von Wasser hochgedrückt worden seien. Er sei schnell nach Hause gerannt. Sein Haus liege etwas oberhalb und sei vom Hochwasser nicht weiter betroffen gewesen. Andere in seiner Familie hatten weniger Glück. „Mein Vater hat sein ganzes Haus verloren“, berichtet Pfennig. Er habe sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen können.


"So schlimm war es noch nie"
Am späten Donnerstagvormittag spitzt sich die Situation rund um die Alzette in Hesperingen dramatisch zu.

Ein anderes Ehepaar konnte sich ebenfalls retten. In der Nacht sei plötzlich der Strom weg gewesen, berichtet Brigitte Linnertz von dem Moment, als die Flut kam. „Auf einmal war da ein Rauschen, als wenn ein Düsenjäger bei uns landet.“ Sie habe vor der Eingangstür die Wassermassen kommen sehen und sei dann mit ihrem Mann schnell aus dem Haus. „Wenn Du nämlich mal eingeschlossen bist, kommst Du nicht mehr raus“, sagt sie.

Zurück kann sie nicht - das Hochwasser habe fast alles zerstört, die frisch eingerichtete Küche, das neue Schlafzimmer. „Das ist ein einziges Desaster“, sagt die Frau. „Ich kann alles wegwerfen, fast alles.“ Am Nachmittag wartet sie noch mit ihrem Mann auf Hilfe, wo sie die folgende Nacht verbringen soll, ist noch unklar.

Allein in der Verbandsgemeinde Adenau suchen Hunderte Einsatzkräfte und mehrere Hubschrauber weiter nach Vermissten. Ob sie nur nicht erreichbar sind - das Mobilfunknetz war ja schwer gestört - bei Nachbarn oder Freunden untergekommen sind, womöglich im Urlaub sind oder von den Fluten mitgerissen wurden, ist unklar.

Die Zahl der Toten steigt auf mindestens 42

In Nordrhein-Westfalen bleibt die Lage ebenfalls weiter angespannt. Nach dem Abklingen des Starkregens kämpfen Feuerwehr und andere Einsatzkräfte an vielen Orten mit einer sich verschärfenden Hochwasserlage. Mindestens 24 Menschen starben.


Hochwasser nach Starkregen , Echternach , Evakuierung per Boot  ,  Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
Das Hochwasser in Luxemburg in Bildern
Starke Regenfälle haben in mehreren Orten in Luxemburg für Überschwemmungen gesorgt. Die "Wort"-Fotografen sind vor Ort im Einsatz.

Die Polizei Köln berichtete von 20 Toten in der Region. Neben zwei in Köln gefundenen Toten seien bislang aus Euskirchen 15 und aus Rheinbach drei Tote gemeldet worden, teilte die Polizei am Donnerstagnachmittag mit. Noch seien nicht alle gesichteten Leichen geborgen. „Aussagen zur Identität, Alter, Auffindeort und Todesumständen wird die Polizei zum Schutz der Angehörigen nicht veröffentlichen“, erklärten die Beamten.

Zuvor war bereits bekannt geworden, dass im Zusammenhang mit dem Unwetter auch in anderen Landesteilen Nordrhein-Westfalens Menschen starben. In Kamen (Kreis Unna) kam ein 77-Jähriger im einem unter Wasser stehenden Keller seines Hauses ums Leben. In Solingen starb ein 82 Jahre alter Mann nach einem Sturz ebenfalls im überfluteten Hauskeller. Zudem starben zwei Feuerleute. Ein 52 Jahre alter Feuerwehrmann kollabierte bei einem Unwettereinsatz im sauerländischen Werdohl und starb trotz Reanimationsversuchen. Wenige Stunden zuvor war in Altena im Sauerland ein Feuerwehrmann bei der Rettung eines Mannes ertrunken.


Inondation Luxembourg  14 juillet 2021 Grund, Place d'argent Pfaffental luxembourg le 14.07.2021 Photo Christophe Olinger
Grund, Clausen, Pfaffenthal überschwemmt
Die Hochwasserlage in der Hauptstadt ist angespannt, die tieferen Stadtteile stehen unter Wasser.

Viele Flüsse und Bäche in der Eifel, im Bergischen Land, im Rheinland und Sauerland führten am Donnerstag Hochwasser und waren am Mittwoch und in der Nacht zum Donnerstag über die Ufer getreten. Straßen wurden überschwemmt, Keller liefen voll.

Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist der Höhepunkt der extremen Niederschläge in Teilen Deutschlands überschritten. Der DWD-Meteorologe Marco Manitta erwartete am Donnerstag „eine Entspannung der Wetterlage“. Zwar könne es weiterhin „punktuellen Starkregen“ geben, dieser sei aber nicht mehr so verbreitet wie in der vergangenen Nacht, sagte Manitta der Deutschen Presse-Agentur. „Das Unwetterpotenzial sinkt deutlich.“

Die größten Niederschlagsmengen gab es Manitta zufolge in einem breiten Streifen vom Sauerland über das Bergische Land und die Eifel, den Großraum Köln/Bonn bis zur Grenze nach Luxemburg. Spitzenreiter war Rheinbach-Todenfeld (Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen) mit 158 Millimeter Wasser im Messzeitraum 24 Stunden - wobei das meiste davon in kürzerem Zeitraum vom Himmel fiel, wie der Experte erklärte.

Politiker reisen in betroffene Gebiete

Politiker machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. NRW-Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) machte sich in Altena und in Hagen ein Bild von der Lage. Rund 440 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk und 100 Kräfte der Bundeswehr waren allein in Hagen unterwegs, um der Wassermassen Herr zu werden. Eine Reise durch Süddeutschland hatte Laschet abgebrochen und auch seine Teilnahme an der CSU-Klausur im bayerischen Seeon abgesagt.

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) unterbrach wegen des Hochwassers seinen Urlaub. Noch am Donnerstag wolle sich der Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidat zusammen mit Dreyer ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet machen, wie das Ministerium in Berlin mitteilte. Auch die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock kehrt vorzeitig aus dem Urlaub zurück.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dankte den Helfern. „Ich bin erschüttert über die Katastrophe, die so viele Menschen in den Hochwasser​gebieten durchleiden müssen“, erklärte Merkel laut einem Tweet von Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag. „Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Toten und Vermissten. Den vielen unermüdlichen Helfern und Einsatzkräften danke ich von Herzen.“ EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Ländern Hilfe zu.

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