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Hochschulen: Papa, ich brauch Geld!
Viele Studenten sind enttäuscht von der blau-rot-grünen Sparpolitik.

Hochschulen: Papa, ich brauch Geld!

Foto: Marc Wilwert
Viele Studenten sind enttäuscht von der blau-rot-grünen Sparpolitik.
Lokales 5 Min. 15.04.2014

Hochschulen: Papa, ich brauch Geld!

Hochschulminister Claude Meisch plant das Budget für die finanzielle Unterstützung von Studenten drastisch zu kürzen. Unter dem Schlagwort der „sozialen Selektivität“ will er die Studienbeihilfen gerechter verteilen. Künftig sollen die Eltern wieder in die Pflicht genommen werden.

Von Martine Hemmer

Kaum hatte Hochschulminister Claude Meisch die neue Regelung zur Vergabe von Studienbeihilfen Ende Februar im Ministerrat vorgestellt, klingelte bei Maurice Sinner auch schon das Handy. Obwohl der 21-Jährige Medienkommunikation im ostdeutschen Chemnitz studiert, eine Universitätsstadt, in der er so ziemlich der einzige Luxemburger Student sein dürfte, ist er in seiner Heimat gut vernetzt. Mails und SMS gingen am Abend hin und her. Wenige Stunden später stand die Facebook-Seite „Cedies amplaz Täschegeld“. Innerhalb eines Monats kamen 2700 „Likes“ zusammen. Was aber beachtlicher ist, als die Zahl derer, die aus welchen Gründen auch immer auf den Button gedrückt haben, sind die vielen Kommentare und Beiträge auf der Seite. Obwohl die Initiatoren anfangs anonym blieben, hat sich mittlerweile herumgesprochen, wer als Administrator hinter der Aktion steckt: Maurice Sinner und seine Mitstreiter sind Mitglied des Film- und Theaterkollektivs Richtung 22, das sich der engagierten Kunst verschrieben hat.

Die Gruppe will sich in gesellschaftliche Diskussionen einmischen, auf kreative Weise, ohne notgedrungen in eine Partei einzutreten. Mit der Filmsatire „Ons Educatioun – de séchere Wee“, die in vielen regionalen Kinos lief, hatten die jungen Künstler bereits 2011 ein verknöchertes Bildungssystem seziert, das den Schüler auf Konformität trimmt und in dem eigenständiges Denken nur stört. Damals saß die CSV-LSAP-Koalition noch fest im Sattel und niemand dachte an Neuwahlen.

Viele junge Menschen störten sich jedoch an der auf Stabilität bedachten politischen Haltung der Elterngeneration, waren selbst aber die größten Nutznießer davon. Vielleicht liegt darin das Dilemma jener, die jetzt gegen die geplante Reform der Studienbeihilfen mobil machen. Sie sehnten den politischen Wechsel herbei, wollten, dass endlich was passiert. „Ich dachte, unter einer Dreierkoalition würde unsere Gesellschaft offener und gerechter“, erinnert sich Maurice Sinner. Dabei überhörten die Jungen in der Aufbruchsstimmung, dass das links-liberale Bündnis auch ankündigte, als erstes die Sozialleistungen auf den Prüfstand zu stellen und nicht länger das Füllhorn über den Bürgern auszuschütten. Maurice Sinner findet jedoch nicht, dass seine anfängliche Begeisterung blauäugig war, denn selbst von den wirtschaftsnahen Liberalen habe er mehr erwartet als eine reine Sparpolitik.

Katerstimmung nach den Neuwahlen

Er wehre sich zum Beispiel dagegen, dass Bildung und Kultur nur noch unter dem Aspekt der ökonomischen Verwertbarkeit betrachtet werden. Ursprünglich wollte Maurice Sinner zum Film. Er hatte in mehreren Schauspielschulen vorgesprochen und anschließend nach dem Abitur ein Praktikum als Kameraassistent am Set der Sitcom „Comeback“ absolviert. Seine Studienwahl bezeichnet er selbst als Vernunftentscheidung und Kompromisslösung. Chemnitz zähle auch nicht zu den vibrierendsten Städten Europas: „Es gibt dort vor allem Rentner und Studenten“, gesteht er schmunzelnd. Da beide Bevölkerungsgruppen einen unterschiedlichen Tagesrhythmus hätten, wirke die Stadt oft wie ausgestorben. „Doch ich mag die Menschen dort. Sie wissen, dass Chemnitz nicht den besten Ruf genießt und sind sich dafür nicht zu schade.“ Dafür entlohnt werden die Einwohner der sächsischen Industriestadt mit niedrigen Mieten. 238 Euro inklusive Nebenkosten zahlt Maurice Sinner für eine 30 Quadratmeter große Wohnung. Die Auswahl auf dem Wohnungsmarkt ist groß: „Für 300 Euro im Monat findet garantiert jeder sein Glück“, macht der Student Werbung für seine neue Heimat.

Cora May studiert in einer vergleichsweise günstigen Stadt, ist aber der Meinung, dass jeder Jugendliche, unabhängig davon, wie wohlhabend seine Eltern sind, das Recht haben sollte, sich frei zu entscheiden, wo er studieren möchte. „Wer nach Paris, Zürich oder London gehen möchte, sollte das im Prinzip tun können.“ Die angehende Sozialarbeiterin studiert in Lüttich, zahlt für ihre geräumige Wohnung in zentraler Lage 420 Euro Kaltmiete. Falls die Studienbeihilfen gekürzt würden, sei das für sie keine Katastrophe. „Aber ich werde meine Eltern bitten müssen, die eine oder andere Rechnung für mich zu bezahlen“.

Vollzeitjob Studium

Ein Nebenjob, um sich das nötige Geld selbst zu verdienen, sei im belgischen Hochschulsystem nur schwer zu stemmen. „Ich komme oft nach 19 Uhr von der Uni, danach muss ich noch lernen“, erzählt sie. Einer ihrer Dozenten habe einmal gesagt: „Etudier, c’est comme travailler.“ Cora May, die in Luxemburg bereits eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert hat, ist zurzeit Praktikantin in der HIV-Beratung des Roten Kreuzes. Sie ist fleißig und motiviert. Doch Leistung ist auch für sie nicht alles. „Als Student sollte man auch die Zeit haben, sich selbst zu finden. Fehler machen gehört auch dazu“, sagt sie. Eltern sollten ihrem Nachwuchs deshalb bei der Wahl des Studienfachs nicht reinreden können.

Cora May ist Mitglied im Komitee der Studentenvereinigung Acel, die zwar zunächst ein dreistufiges Modell unterstützte, doch jetzt, wo die konkreten Zahlen auf dem Tisch liegen, ebenfalls Position gegen den Gesetzesentwurf bezieht. Die Acel sieht vor allem die Autonomie des Studenten in Gefahr. Der Dachverband der ausländischen Studentenzirkel begrüßte zunächst die Einführung einer Mobilitätshilfe, bei der Studenten, die ins Ausland gehen, unterstützt werden. Ihre Vertreter haben aber erkannt, welch absurde Blüten das System vermutlich treiben wird. Ein Student, der von der Wemperhardt stammt und später nach der Eröffnung des Campus‘ in Belval studiert und wohnt, erhält keine Mobilitätsprämie. Grenzgänger aus Metz, die in Montpellier studieren ebenfalls nicht. Wer jedoch aus Wasserbillig kommt und nach Trier geht, bekommt die Sonderzahlung, vorausgesetzt er mietet dort eine Wohnung. Die Studienbeihilfen an das Einkommen der Eltern zu knüpfen, hält Cora May für falsch, weil es nicht dem Ziel dient, das Geld gerechter zu verteilen, sondern zu sparen.

Maurice Sinner erkennt in der Mobilitätsklausel sogar einen Trick, um die Kinder der Grenzgänger auf ganz legalem Weg schließlich doch von einem Teil der Studienbeihilfe auszuschließen: „Die meisten Franzosen, Belgier und Deutsche studieren im eigenen Land, für sie gibt es keine Mobilitätshilfe.“ Großzügig und gerecht, wie Minister Claude Meisch ankündigte, werden die Studienbeihilfen nach Meinung vieler Studenten in Zukunft nicht mehr ausfallen.

Dies ist die gekürzte Version eines Berichts, der im Télécran 15/2014 (5. bis 11. April) erschien.


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