Hintergrund zum Konzert der Söhne Mannheims

Naidoo und die Nazis

Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims dürften mit ihrer "ungebetenen Vorgruppe" nicht glücklich sein.
Foto: Serge Waldbillig

Von Michel Thiel und Tom Rüdell

Für den Samstag hat eine deutsche Neonazi-Gruppe unter Führung des Trierers Safet Babic zu einer Mahnwache für Horst Mahler beim Konzert der deutschen Band Söhne Mannheims in Esch/Alzette aufgerufen. Zwischenzeitlich forderte Babic auch noch "nationale Aktivisten" dazu auf, das Konzert zu besuchen, um dort "Solidarität mit Horst Mahler" zu zeigen. Aber wie hängt das zusammen?

Wer ist Safet Babic?

Safet Babic, geboren 1981, ist der stellvertretende Landesvorsitzende der rechtsextremen NPD in Rheinland-Pfalz. Babic lebt in Trier. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter aus Bosnien in seinen Geburtstort Hanau. 1997 erhielt Babic einen deutschen Pass.

War als Student U-Boot bei einer linken Hochschulgruppe: Safet Babic (36).
Foto: Screenshot youtube "444"

Seine Eigenbezeichnung als Antwort auf diesen nicht eben deutschnationalen Lebenslauf lautet „europäischer Befreiungsnationalist bosnischer Herkunft.“ Seiner Partei war das offenbar zunächst als Begründung nicht genug: Als er in die Jugendorganisation der NPD, die JN, eintrat, trat im Gegenzug der komplette sächsische Landesvorstand aus der JN aus. Begründung: „Wer die multikulturelle Gesellschaft bekämpft, kann selbst nicht multikulturell sein.“ Babic wurde daraufhin vom JN-Bundesgeschäftsführer ein „äußerst nordisches Aussehen bescheinigt“, letztlich durfte er bleiben.

2001 schmuggelte Babic sich an der Universität Trier, wo er ein Jurastudium aufgenommen hatte, in die linke Hochschulpolitik ein, er verschwieg seine NPD-Mitgliedschaft. Als er nach seiner Enttarnung trotzdem ins Studierendenparlament gewählt wurde, erhielt er erstmals bundesweite Medienaufmerksamkeit. Sein Jurastudium schloss er nicht ab, allerdings hat er einen Magisterabschluss in Politologie, mit dem er auch seine öffentlichen Statements zeichnet.

Seit 2009 saß er als Spitzenkandidat der Trierer NPD im Trierer Stadtrat. Das Mandat wurde ihm allerdings 2011 entzogen, weil er 2010 wegen schwerer Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Babic wurde außerdem 2016 wegen volksverhetzender Äußerungen bei einer Demonstration vor einem Asylbewerberheim zu einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

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Im Juli 2015 produzierte Babic mit drei Parteikollegen aus der Trierer NPD ein Ankündigungsvideo für eine Anti-Asyl-Demonstration in Trier-West, das aufgrund seiner unfreiwilligen Komik und amateurhaften Aufmachung binnen Stunden zum viralen Hit wurde. Es entstanden unzählige Parodien, darunter welche von Jan Böhmermann und Oliver Kalkofe. Die NPD löschte das Video schließlich.

Was ist der Nationale Widerstand Zweibrücken?

Hat ein Nachwuchsproblem: Der Nationale Widerstand Zweibrücken.
Foto: Screenshot Facebook NWZ

Die „Kameradschaft Nationaler Widerstand Zweibrücken“ (NWZ) ist eine Neonazigruppe aus Rheinland-Pfalz mit Verbindungen ins Saarland. Sie wurde nach eigenen Angaben 2003 gegründet und bezeichnet sich selbst als „die am längsten bestehende und aktivste Kameradschaft in Rheinland Pfalz.“ Dem NWZ werden Verbindungen zur 2016 vom deutschen Innenminister verbotenen Rechtsterrorismus-Organisation „Weiße Wölfe Terror Crew“ (WWT) nachgesagt. Die WWT hat ebenfalls aus Zweibrücken operiert, außerdem existieren Fotos, die NWZ-Mitglieder mit T-Shirts der verbotenen WWT zeigen.

Im Verfassungsschutzbericht des Landes Rheinland-Pfalz von 2015 wird die Mitgliederzahl des NWZ mit maximal zehn Personen angegeben. Konkrete Gefahr oder ein Gewaltpotenzial sei bei diesen nicht festzustellen. Der NWZ fällt hauptsächlich durch die Organisation von Demonstrationen, Mahnwachen wie der in Esch geplanten, oder Infoständen auf, dabei unterhält er auch Kontakte in andere Bundesländer.

Die Verbindung zwischen Safet Babic und dem NWZ ist nicht neu, auch auf den von Babic in Trier angemeldeten und durchgeführten Demonstrationen, zuletzt in Trier-West im August 2015, war der NWZ immer präsent.

Wer ist Horst Mahler?

Horst Mahler ist ein deutscher Publizist, ehemaliger Anwalt und mehrfach verurteilter Rechtsextremist. Während seiner Studienzeit in den 1960er-Jahren war er allerdings noch Linksextremist. Mahler war 1970 an der Gründung der linken Terrorgruppe Rote Armee Fraktion beteiligt, nachdem er als Anwalt bereits die späteren prominenten RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin verteidigt hatte.

Vom Links- zum Rechtsextremisten: Horst Mahler (81).
Foto: REUTERS

Mahler plante für die RAF mehrere Bankraube und die Gefangenenbefreiung von Andreas Baader im Jahr 1970 mit. Dafür wurde er zu insgesamt 14 Jahren Haft verurteilt, von denen er zehn bis 1980 absaß. Seit den späten 1990er-Jahren tritt Mahler als Rechtsextremist in Erscheinung. 2000 trat in die rechtsextreme NPD ein und 2003 wieder aus - die NPD war ihm nach eigener Aussage zu sehr "am Parlamentarismus ausgerichtet" und damit "wie dieser zum Scheitern verurteilt".

Mahler fällt seit Jahren vor allem wegen antisemitischer Äußerungen auf, inhaltlich steht er der so genannten "Reichsbürgerbewegung" nahe. Er leugnete zu verschiedenen Gelegenheiten den Holocaust, in Deutschland ein Straftatbestand. Seit 2009 ist Mahler wegen Volksverhetzung zu insgesamt zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Seit 2015 ist er wegen einer "gesundheitsbedingten Haftaussetzung" auf freiem Fuß. Am 19. April 2017 verkündete Mahler per online-Video, dass er plane, sich der weiteren Haft zu entziehen und ins Ausland zu fliehen. Am 15. Mai 2017 wurde er bei der Einreise nach Ungarn verhaftet nachdem er den ungarischen Premier Victor Orban um Asyl gebeten hatte, was ihm nicht gewährt wurde. Mahler sitzt derzeit in Ungarn in Abschiebehaft.

Warum bekommt Xavier Naidoo Sympathiebekundungen von Neonazis?

Der Leadsänger der "Söhne Mannheims" löste bereits in der Vergangenheit wiederholt Kontroversen aus, meist aufgrund seiner Liedtexte oder Aussagen in Interviews. Der Hauptvorwurf gegen Naidoo lautet, sich unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Systemkritik verschwörungstheoretischer, verfassungsfeindlicher und völkischer Motive und Erklärungsmuster zu bedienen und damit rechtspopulistischen Ideologien Vorschub zu leisten.

Fühlt sich missverstanden: Xavier Naidoo (46).
Foto: Serge Waldbillig

Am Tag der Deutschen Einheit 2014 tritt Naidoo in Berlin bei einer Mahnwache für den Frieden auf deren Organisatoren der neurechten "Querfront" zugeordnet werden. In den folgenden Jahren äußerte Naidoo mehrmals persönliche Ansichten, die dem ideologischen Kontext der so genannten "Reichsbürgerbewegung" zugeordnet werden können. Dort wird die Idee, Deutschland sei kein souveräner Staat, sondern ein besetztes Land propagiert und zum aktiven und teils bewaffneten Widerstand gegen rechtsstaatliche Strukturen aufgerufen.

Naidoo tritt mindestens einmal im Rahmen einer Veranstaltung der Reichsbürger auf und äußert dort die Ansicht, Medien und offizielle Experten würden im Bezug auf die Terrorattentate des 11. September 2001 die Unwahrheit verbreiten. Naidoo rechtfertige seine Kontakte zu derartigen Bewegungen, in dem er sagte, deren Mitglieder seien "Systemkritiker so wie ich".

Was ist so problematisch an dem Song "Marionetten" auf dem neuesten Album der "Söhne Mannheims"?

Im April 2017 veröffentlichte Xavier Naidoo mit den Söhnen Mannheims schließlich das Lied "Marionetten". Dessen Text wurde von vielen Beobachtern als antisemitisch, rechtspopulistisch und verschwörungstheorisch wahrgenommen. Der Songtext ist offensichtlich als systemkritische Auseinandersetzung mit so genannten "Eliten" aus Politik und Medien gedacht. Als besonders kritisch wurde dabei die Tatsache gewertet, dass Naidoo sich rechtspopulistisch besetzter Begriffe wie "Volksverräter" oder "Eliten" bedient, die genau so auch in rechtsradikalen Pamphleten oder Inhalten rechtspopulistischer Medien vorkommen.

Die letzte Strophe des Lieds, in welcher Naidoo scheinbar Politiker als "Volks-in-die-Fresse-Treter" diffamiert, enthält zudem Referenzen zum so genannten "Pizzagate" - einer angeblichen Pädophilen-Verschwörung im Umfeld der Demokratischen Partei in den USA, die während der rezenten Präsidentschaftswahlen von rechtspopulistischen Medien wie "Breitbart" propagiert wurde, um der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton zu schaden.

Laut der "Pizzagate"-Verschwörungstheorie soll in der Pizzeria "Comet Ping Pong" in Washington ein Pädophilen-Ring ansässig gewesen sein.
Foto: Wikimedia / CC4.0 / Farragutful

Die Strophe schließt ab mit folgenden Zeilen, die nach Ansicht verschiedener Beobachter als Aufruf zur Gewalt gegen Politiker und Ablehnung des Rechtsstaats interpretiert werden kann: "Wenn ich so ein'n in die Finger krieg', dann reiß' ich ihn in Fetzen und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen".

Radio Bremen kündigte in der Folge an, Konzerte von Xavier Naidoo und seiner Band in Zukunft nicht mehr senden zu wollen. Weitere Medien kündigten ebenfalls einen Boykott an.

Xavier Naidoo selbst sagte zu der Polemik, er lehne explizit eine "Instrumentalisierung seiner Musik durch politische Gruppierungen" ab. Der Text von „Marionetten“ sei zwar "zugespitzt", habe aber Anlass zu "Missverständnissen" gegeben. Er betont zudem dass er und die Söhne Mannheims "für eine offene, freiheitliche, liberale und demokratische Gesellschaft, in der viele Kulturen gemeinsam zusammenleben und in der es allen Menschen möglichst gut geht" stehen würden.

Wo ist die Verbindung zwischen Horst Mahler und den Söhnen Mannheims?

De facto gibt es keine Verbindung - zwar muss sich Xavier Naidoo tatsächlich nachsagen lassen, mit der Reichsbürgerszene zumindest zu flirten, und auch seine Texte lassen mitunter antisemitische und andere, nicht unbedingt positive, Interpretationen zu. Horst Mahlers kriminelle Karriere ist allerdings von gänzlich anderer Qualität, entsprechend auch sein Ansehen in der rechtsextremen Szene. Mahler und Naidoo sind auch nie zusammen aufgetreten.

Werden instrumentalisiert: Fans der Söhne Mannheims.
Foto: Serge Waldbillig

Die "Mahnwache für Horst Mahler" anlässlich eines Konzerts der Söhne Mannheims, zu einer Zeit als die Band gerade wegen des Songs "Marionetten" in der Presse ist,  entspricht aber voll dem von Safet Babic in Trier schon oft gezeigten Muster: In der Öffentlichkeit präsente, kontroverse Themen als Aufhänger zu nehmen, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen und dabei durch die Verknüpfung eine neue Inhaltsebene zu schaffen.

Babic will hier den Fall konstruieren, dass die Meinungsfreiheit in Gefahr sei, wofür Mahler (wegen Volksverhetzung verurteilt) ebenso wie Naidoo (wegen kontroverser Songtexte kritisiert) Beispiele seien. Dafür nutzt er die Aufmerksamkeit, die dem Konzert über die Kanäle der Band und der Rockhal sowieso entgegen gebracht wird.

UPDATE vom Freitagabend: Zwischenzeitlich hat sich das Management der Söhne Mannheims mit klaren Worten distanziert: „Nach diesem Aufruf werden wir alle uns möglichen Maßnahmen ergreifen, dass diese Leute das Konzert der Söhne Mannheims nicht für ihre Zwecke missbrauchen, denn eine solche Gesinnung lehnen wir strikt ab. Diese Instrumentalisierung wollen und werden wir nicht zulassen.“

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