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"Hells Angels"-Prozess: Bio-Milchpuder, Koks und Gras
Die mutmaßliche Kokainübergabe vor dem Bowling-Center in Arlon sei 
eine interne Clubangelegenheit gewesen, sagt Boban B.

"Hells Angels"-Prozess: Bio-Milchpuder, Koks und Gras

Foto: Pierre Matgé
Die mutmaßliche Kokainübergabe vor dem Bowling-Center in Arlon sei 
eine interne Clubangelegenheit gewesen, sagt Boban B.
Lokales 2 Min. 11.11.2017

"Hells Angels"-Prozess: Bio-Milchpuder, Koks und Gras

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Neben dem Antwerpener mutmaßlichen Zulieferer widerriefen im Prozess um einen umfangreichen Kokain- und Marihuanahandel auch andere Angeklagte ihre vorherigen Aussagen.

(str) - „Es geht nicht auf“, unterstrich Boban B. am Mittwoch im Prozess um einen umfangreichen Drogenhandel im Umfeld der „Hells Angels“. Die Rechnungen der Ermittler in Bezug auf den Umfang des ihm vorgeworfenen Drogenhandels seien nicht realistisch, bekräftigte der 32-jährige Hauptangeklagte, als ihm zum vorläufig letzten Mal im Prozess das Wort erteilt wurde.

„In Luxemburg gibt es keinen Absatzmarkt für 160 Kilo Marihuana und Kokain im Wert von Millionen Euro.“ Der Richter nahm seine Worte zur Kenntnis, verwies allerdings ohne Umschweife darauf, dass dieser Handel sich schließlich auch über mehrere Jahre erstreckte. Den Kokainhandel bestritt Boban B. gänzlich, mit Marihuana habe er wohl gehandelt, aber nicht in den ihm vorgeworfenen Mengen.

Zur mutmaßlichen Übergabe vor dem Bowling-Center in Arlon präzisierte er, dass es sich dabei um eine „Hells Angels“-interne Klubangelegenheit gehandelt habe. „Das ist auch der Grund, warum keiner etwas darüber sagen will“, betonte er. „Es ging nicht um Drogen.“ Mehr wollte er dazu nicht sagen.

Nur zu Besuch

Er habe überhaupt niemals Drogen verkauft, erklärte indes der mitangeklagte damalige „Hells Angels“-Anwärter Luca S. „Ich bin unschuldig“, bekräftigte er. Als er mit Boban B. nach Antwerpen gefahren sei, hätten sie die dortigen Höllenengel in deren Klubhaus besuchen wollen. Dort sei niemand gewesen, es habe geregnet, und deshalb sei man dann eben wieder zurück nach Luxemburg gefahren. Mit Drogen habe das nichts zu tun gehabt, so der 28-Jährige.

Halbe Portion

Patrick P. gab indes an, ausgestiegen zu sein, als seine Tochter zur Welt gekommen sei. Ohnehin habe er nur ein paar Mal Drogen weiterverkauft, vielleicht sechs oder sieben Mal, und dann auch jeweils nur 500 Gramm, kein ganzes Kilo.

Der Ausstieg aus den Drogengeschäften war zudem wohl auch nur von kurzer Dauer. „Wann ee keng Suen huet, muss een eppes man“, rechtfertigte er sich. Derzeit habe er sein Leben aber wieder im Griff.

Bio-Milchpuder statt Koks

Tags zuvor hatte der mutmaßliche Handlanger oder auch Geschäftspartner von Boban B., der 25-jährige Kevin K., umfangreiche Gedächtnislücken offenbart. Seine bisherigen Aussagen habe er lediglich getätigt, weil die Polizei ihn unter Druck gesetzt habe. Er habe sich dann gesagt, je mehr er erzähle, desto früher komme er aus dem Gefängnis. Außerdem habe er Bio-Milchpuder geliefert und kein Kokain.

Paulo D., Türsteher in hauptstädtischen Edellokalen, bestritt seinerseits jeden Kontakt zu Drogen. Dass er im Dossier als landbekannter Drogendealer geführt wird, sei eine falsche Behauptung. Ihm wird vorgeworfen, seinen BMW im Tausch gegen Drogen an Boban B. verkauft zu haben.

Erst Strafantrag, dann Plädoyers

Die Beweisaufnahme im Prozess ist nun so weit abgeschlossen. Am Dienstag wird die Staatsanwaltschaft ihre Strafanträge gegen die zehn Angeklagten stellen, bevor dann die Verteidiger die Anliegen ihrer Mandanten plädieren. Das ist recht ungewöhnlich, da im Luxemburger Justizwesen die Plädoyers der Verteidigung vor der Anklagerede der Staatsanwaltschaft stattfinden.

In diesem Fall hatte aber ein Anwalt den Antrag gestellt, die übliche Prozedur umzukehren, da es ihm angesichts der komplizierten Sachlage und des bisherigen Prozessverlaufs nicht möglich sei, zu wissen, was genau seinem Mandanten vorgeworfen wird.

Das Richtergremium gab dem Antrag entgegen der Einwände der Vertreterin der Staatsanwaltschaft statt. Die Plädoyers sollen in drei Verhandlungstagen bis Freitag abgeschlossen werden, so dass im Anschluss nur noch das Datum der Urteilsverkündung fixiert werden muss.


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