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Hauptstadt nimmt zwielichtige "Kaffiszëmmeren" ins Visier: Gegen den Mietwucher
Vorbild Cessingen: Die Stadtverwaltung stellte am Donnerstag ein privates Wohnhaus mit möblierten Mietzimmern vor, die im krassen Gegensatz zu der harten Realität der „Kaffiszëmmeren“ stehen.

Hauptstadt nimmt zwielichtige "Kaffiszëmmeren" ins Visier: Gegen den Mietwucher

Foto: Guy Jallay
Vorbild Cessingen: Die Stadtverwaltung stellte am Donnerstag ein privates Wohnhaus mit möblierten Mietzimmern vor, die im krassen Gegensatz zu der harten Realität der „Kaffiszëmmeren“ stehen.
Lokales 3 Min. 24.09.2015

Hauptstadt nimmt zwielichtige "Kaffiszëmmeren" ins Visier: Gegen den Mietwucher

Die Hauptstadt will sich mit Kontrollen und Qualitätszertifikaten gegen die Vermietung von heruntergekommenen Einzelzimmern zu Wucherpreisen wehren. Dieses Label wurde allerdings binnen zwei Jahren knapp sieben Mal ausgestellt.

(str) - „Kaffiszëmmeren“ – ein Schlagwort, das Schlimmes befürchten lässt: Unterkünfte in erbärmlichem Zustand im Keller oder im Obergeschoss einer zwielichten Bar, die zu Wucherpreisen vermietet werden. Doch das Problem geht weit darüber hinaus.

Auch Privatleute versuchen, durch Vermietung von möblierten Zimmern schnelles Geld zu machen. Und das immer häufiger, so die Hauptstadtschöffin Vivane Loschetter am Donnerstag. „Das ist nicht menschenwürdig und absolut inakzeptabel, was manche Eigentümer und Bewirtschafter mit anderen Menschen machen“, ärgerte sich Loschetter. „Da werden 800 oder 900 Euro Miete für ein Zimmer verlangt, in dem wir uns nicht einmal eine Stunde aufhalten würden.“

Büßen statt abräumen

Seit 2010 geht die Stadtverwaltung aktiv gegen irreguläre Mietunterkünfte vor. Es gilt, die Rechte der Mieter durchzusetzen und Missetäter unter den Vermietern zu belangen. Der Traum vom schnellen Geld kann dann auf einmal sehr teuer werden.

„Wenn wir ein Gebäude schließen, weil die Vorschriften nicht eingehalten wurden, dann ist das stets mit hohen Unkosten verbunden“, unterstreicht Viviane Loschetter. Das können sehr schnell mal 10 000 Euro werden“. Aber auch strafrechtlich steht so einiges auf dem Spiel. Bei dem Pressetermin am Donnerstag wurde ausdrücklich auf den Fall einer Vermieterin hingewiesen, die kürzlich vor Gericht zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. 

279 Zimmer überprüft

Die Bilanz der Stadtverwaltung ist dann doch ernüchternd. Binnen fünf Jahren wurden 98 Gebäude mit insgesamt 279 Zimmern überprüft. Acht Gebäude wurden durch den Bürgermeister geschlossen. Sieben Gebäude wurden mit dem 2013 eingeführten Qualitätslabel der Stadtverwaltung ausgezeichnet: drei Restaurants, zwei Nachtclubs, ein Café und ein Wohngebäude.

Letzteres, ein Haus in der Rue de Cessange, stellte die Stadtverwaltung am Donnerstag als Vorzeigebeispiel vor. Die an der Fassade angebrachte Auszeichnung, ein grünes Vorhängeschild, wie man es aus Hotels kennt, mit einem purpurroten Punkt, weist darauf hin, dass die vermieteten möblierten Zimmer gesetzeskonform sind. Dazu gibt es eine Bewertungsskala für den Komfort – vergleichbar mit den Sternen im Hotelgewerbe. Je einen Schlüssel gibt es für die Bauweise, die Sauberkeit, die Ausstattung und die Hausverwaltung. 

Von den sieben Gebäuden aus 98, die nach einer Überprüfung mit der Plakette ausgezeichnet wurden, bekamen zwei gar keinen Schlüssel und zwei die volle Punktzahl, also vier Schlüssel. Das Label gilt für zwei Jahre. 

Betreiber verzichtet auf drei Mieter

Das Haus in der Rue de Cessange sei vorbildlich, meinte Stadtschöffin Loschetter. „Es gibt neun Zimmer, die an neun Personen vermietet werden“, betonte sie. Der Wohnfläche von 270 Quadratmetern entsprechend, könnten zwölf Personen untergebracht werden, doch darauf habe der Vermieter verzichtet. Zudem gebe es fünf Badezimmer und auf zwei Stockwerken jeweils eine Küche und ein Wohnzimmer.

Vier Schlüssel: Das Label bezeugt, dass die Mietzimmer gesetzeskonform sind und gewisse Wohnstandards erfüllen.
Vier Schlüssel: Das Label bezeugt, dass die Mietzimmer gesetzeskonform sind und gewisse Wohnstandards erfüllen.
Foto: Steve Remesch

„Es lebt sich gut hier, menschlich“, bemerkt Viviane Loschetter. Wohnen in der Hauptstadt zu einem fairen Preis. Doch was bedeutet „ein fairer Preis“. Auf Nachfrage erklärt ein Vertreter der Betreibergesellschaft, man vermiete zum Marktpreis: 750 Euro pro Zimmer, alle Kosten von der Reinigungskraft bis zum Internetzugang eingeschlossen.

Es bleibt die Feststellung, dass dies ein Beispiel von sieben Miethäusern mit Einzelzimmern ist, die ausgezeichnet wurden. „Wir sind uns bewusst, dass wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen können“, bekräftigte Viviane Loschetter. Dennoch ist es wichtig, eine Kontrolle darüber zu behalten. Es ist auch wichtig, diejenigen zu belohnen, die sich bemühen. Und trotzdem wird das Problem nicht kleiner – im Gegenteil.“

Kinder schliefen im Hausflur

Wenn die Gemeinde Gebäude schließe, sei das immer eine dramatische Situation für die Mieter. „Die können nichts dafür“, meinte Loschetter. Diese Menschen sind ohnehin oft in einer schlechten Lage. „Wir hatten in unseren Schulen Kinder, die nachts im Flur schlafen mussten“, erzählte sie.

Wenn Derartiges festgestellt werde, müsse die Stadtverwaltung die Bewohner anderweitig unterbringen. Derzeit stünden hierfür zwei Foyers zur Verfügung. Doch diese seien allerdings derart ausgelastet, dass man kurzfristig ein neues Heim eröffnen werde. Eine Warteliste gebe es jedoch nicht. „Jedem Menschen wird in dieser Situation eine Unterkunft vermittelt“, so Loschetter.


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