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Handeln, bevor es zu spät ist
Lokales 2 Min. 30.09.2021
Häusliche Gewalt

Handeln, bevor es zu spät ist

Michel Simonis, der Direktor der Croix Rouge, die Ministerin Taina Bofferding und Laurence Bouquet, Direktionsbeauftragte von Riicht Eraus.
Häusliche Gewalt

Handeln, bevor es zu spät ist

Michel Simonis, der Direktor der Croix Rouge, die Ministerin Taina Bofferding und Laurence Bouquet, Direktionsbeauftragte von Riicht Eraus.
Foto: Jean-Philippe Schmit
Lokales 2 Min. 30.09.2021
Häusliche Gewalt

Handeln, bevor es zu spät ist

Jean-Philippe SCHMIT
Jean-Philippe SCHMIT
Eine neue Kampagne des Ministeriums für Gleichstellung und der Croix-Rouge wendet sich an potenzielle Gewalttäter.

„Vielleicht musste es ja so weit kommen.“ Diesen Satz hört Laurence Bouquet, Direktionsbeauftragte von Riicht Eraus, öfters, wenn sie reumütigen Gewalttäter gegenüber sitzt. Dann war es meist bereits zu spät. 

Die Fälle von häuslicher Gewalt haben im Jahr 2020 leicht zugenommen. „943 Mal musste die Polizei einschreiten“, sagte die Gleichstellungsministerin Taina Bofferding (LSAP) bei der Vorstellung einer neuen Kampagne, die sich an Täter oder Täterinnen – bei jedem dritten Fall handelte es sich um eine Täterin - richtet. 278 Mal musste der Verursacher der Gewalt die Wohnung für zehn Tage verlassen, in fast jedem fünften Fall handelte es sich um einen Wiederholungstäter.

Streit in der Familie

Häusliche Gewalt kennt viele Formen. Dabei schlummert in jedem Einzelnen ein Gewalttäter. „Jeder von uns hat das Potenzial zur körperlichen oder verbalen Gewalt“, erklärt Laurence Bouquet. Oft sind es die Eltern, die untereinander streiten oder ihren Kindern Unrecht antun. „Es gibt aber auch junge Erwachsene, die ihren Eltern oder Geschwistern Schmerzen zufügen.“


„Das Risiko, dass die physische und psychologische Gewalt sich erhöht, ist gegeben“, sagt eine Psychologin.
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„Die Wohnung ist der Ort, an dem sich die Menschen am sichersten fühlen“, sagt Michel Simonis, der Generaldirektor der Croix-Rouge. „Es sollte kein Ort der Gewalt und Angst sein.“ Das Thema häusliche Gewalt müsse aus der Tabuzone heraus. „Ich hoffe, dass die Kampagne dazu beiträgt, dass sich die Leute trauen, über das Thema zu sprechen“, meint der Generaldirektor der Croix-Rouge. Die Kampagne richtet sich an Personen, die bei sich selbst ein erhöhtes Gewaltrisiko sehen oder bereits solche Taten begangen haben. „Jeder kann sich an Riicht Eraus wenden“, sagt die Direktorin. Manchmal stelle sich nach dem ersten Gespräch bereits heraus, dass gar kein Problem bestehe.

„Die Investition in die Täterarbeit schmälert nicht die Arbeit beim Opferschutz“, betont die Ministerin. Eine gute Täterarbeit sei aber der beste Opferschutz und eine Möglichkeit, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen. „Das gewalttätige Verhalten ist angelernt und man kann es wieder verlernen“, sagt die Ministerin.

Anlaufstelle für die Täter

Seit dem Jahr 2004 gibt es bei der Croix-Rouge eine Anlaufstelle für Täter von häuslicher Gewalt. Ursprünglich richtete sich das Angebot an verurteilte Gewalttäter. Seit 2013 sind Personen, die von der Polizei aus ihren Häusern weggewiesen wurden, verpflichtet, sich innerhalb von 14 Tagen bei Riicht Eraus zu melden. Das Angebot kann jedoch auch genutzt werden, ohne dass es im Vorfeld zu einem Polizeieinsatz gekommen ist. „Im Jahr 2020 gab es 1.819 Gespräche“, weiß Taina Bofferding.

Ein Teil der Personen, die Kontakt zu Riicht Eraus hatten, taten dies aus eigener Initiative. In Zukunft soll die Zahl der Personen, die sich freiwillig bei der Anlaufstelle melden, zunehmen. Die Organisatoren der Kampagne erhoffen sich so, künftig Straftaten verhindern zu können. „Es muss nicht immer so weit kommen, dass die Polizei einschreiten muss“, sagt Laurence Bouquet.

Personen, die eine Tendenz zu gewalttätigem Verhalten bei sich vermuten und sich der Anlaufstelle anvertrauen, können sich darauf verlassen, dass die Fälle mit Diskretion behandelt werden. „Wir verurteilen keine Personen, wir verurteilen die Taten“, sagt die Direktorin von Riicht Eraus und betont, dass es auch die Möglichkeit gibt, sich anonym bei Riicht Eraus zu melden. „Wir sind kein verkapptes Polizeibüro“, versichert Michel Simonis.

Mehr Informationen unter violence.lu.

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