Haftstrafe gegen Ex-Magistraten gefordert

„Richter oder Lover?“

Vormundschaftsrichter hatte sexuelle Beziehung zu Schutzbefohlener


Für die Staatsanwaltschaft hat Sandro L. sein Amt als Vormundschaftsrichter missbraucht, als er Carole A. trotz ihrer einvernehmlichen sexuellen Beziehung weiter betreute.
Für die Staatsanwaltschaft hat Sandro L. sein Amt als Vormundschaftsrichter missbraucht, als er Carole A. trotz ihrer einvernehmlichen sexuellen Beziehung weiter betreute.
Foto: Marc Wilwert / LW-Archiv

(str) - Alkohol war das Problem von Carole A. Er  bestimmte nach einem traumatischen Erlebnis im Alter von 26 Jahren ihr Leben, und dazu kam noch ein Umfeld, das sie immer wieder finanziell ausbeutete. Das führte dazu, dass ihr Vater einen Vormundschaftsantrag stellte.

Die Bedingungen waren zunächst nicht erfüllt. Dennoch nahm sich der Vormundschaftsrichter des Gerichtsbezirks Luxemburg ihres Falls an. Sandro L. erließ zunächst eine sogenannte „Mesure de sauvegarde“, die u. a. verhindern sollte, dass sie ihren Besitz unter dem Einfluss ihrer Alkoholsucht verkaufen sollte. Später folgte 
auch eine „Curatelle“-Maßnahme. Demnach sollte sie finanzielle Entscheidungen nur noch in Absprache mit einer vom Gericht ernannten Instanz fällen können.

„Vertrauensbeziehung“

Doch das Interesse des Richters an der jungen Frau ging offensichtlich darüber hinaus. „Sie war anders als die Personen, mit denen ich sonst zu tun hatte“, erläutert Sandro L. vor Gericht. Es sei schnell eine Vertrauensbeziehung entstanden, und je länger er die junge Frau gekannt habe, desto besser sei es ihr gegangen. Er habe zudem das Gefühl gehabt, die psychischen Probleme von Carole A. seien auf den Konflikt mit ihrem Vater zurückzuführen.

Aus Freundschaft sei dann eine Liebesaffäre hervorgegangen. Wie das vonstatten ging, verdeutlichte der Nebenkläger und Anwalt der Familie von Carole A. als er aus Kurzmitteilungen zitierte. Er habe "schweinische Gedanken", die ihn nicht in Ruhe lassen würden, schrieb ihr Sandro L. Sie antwortete ihm, dann sei sie ja nicht die Einzige, die solche Gedanken habe. Und auf Gedanken folgten Taten.

Er habe seine Entscheidungen als Richter klar von seinen Handlungen als Privatperson trennen können. „Als Privatmensch habe ich Sympathie, Empathie und Freundschaft empfunden, als Richter war ich Richter“, erklärte er am Montag vor der Strafkammer. „Ich habe meine Arbeit immer richtig gemacht“, führte er zudem aus. „Bei Carole und bei allen anderen.“

So habe sie ihn einmal gebeten, die „Curatelle“-Maßnahme aufzuheben. Das habe er jedoch abgelehnt und ihr den Sinn und Zweck der Verordnung erklärt. „Genauso, wie ich es im Büro auch täglich bei anderen Personen getan habe“, fügt Sandro L. hinzu.

Tödliche Alkoholfahrt

Später gab er der Aufhebung dann doch statt. Genau so, wie er ihr gestattete, das Auto zu kaufen. Für die Eltern der Alkoholabhängigen nicht nachzuvollziehen. Am 17. Juli 2014 endete eine Alkoholfahrt mit eben diesem Wagen zwischen Reichlingen und Everlingen an einem Baum. Die 29-Jährige erlag ihren schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Für Staatsanwaltschaft Jean-Paul Frising scheint der Fall eindeutig: Sandro L. durfte eine Beziehung zu Carole A. haben. Allerdings hätte er deren Dossier sofort an einen anderen Richter weitergeben müssen.

„Bei einem Interessenkonflikt muss er sich enthalten, wenn er das nicht tut, dann ist das strafbar“, stellte Frising klar. Das sei der Unterschied zwischen einem Interessenkonflikt und einem Amtsmissbrauch. In einer Kurzmitteilung habe Carole S. die Frage „Richter oder Lover?“ aufgeworfen. Sandro L. sei eindeutig beides gewesen, und genau darum gehe es in dieser Strafsache.

„Fehler, nicht Straftat“

Der Verteidiger des Ex-Vormundschaftsrichters hielt dem entgegen, dass sein Mandant einen deontologischen Fehler begangen habe, indem er sich auf die Beziehung mit Carole A. eingelassen habe, nicht aber eine Straftat. Und deswegen sei er auch bereits disziplinarisch sanktioniert und in den Ruhestand geschickt worden.

Ohnehin sei die Anklage falsch formuliert, denn es gebe sehr wohl einen Unterschied zwischen einem Interessenkonflikt und einem Amtsmissbrauch, meinte Me Rosario Grasso. Ersterer sei ohnehin nicht strafbar, der zweite Tatbestand sei vom Gesetz auf Staatsbedienstete ausgelegt, nicht aber auf Magistraten.

Das ließ Staatsanwalt Frising nicht gelten. Für Sandro L. forderte er eine exemplarische Bestrafung – entsprechend dem, was im Gesetz vorgesehen sei: sowohl eine Geldstrafe als auch eine Haftstrafe – die aufgrund fehlender Vorstrafen zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Zudem forderte er den Ausschluss von allen öffentlichen Ämtern und Funktionen. Das Urteil ergeht am
13. Juli.