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Grippeimpfstoff ist aufgebraucht
Lokales 4 Min. 18.12.2018

Grippeimpfstoff ist aufgebraucht

Sämtliche nationale Reserven an Grippeimpfstoff sind aufgebraucht.

Grippeimpfstoff ist aufgebraucht

Sämtliche nationale Reserven an Grippeimpfstoff sind aufgebraucht.
Foto: Marc Wilwert
Lokales 4 Min. 18.12.2018

Grippeimpfstoff ist aufgebraucht

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Aus Lieferschwierigkeiten wird ein regelrechter Engpass: In Luxemburg kann aus Mangel an Impfstoff nicht mehr gegen die Grippe geimpft werden. Die Ursachen sind rein kommerzieller Natur.

Seit zwei Wochen muss Dr. Max Peporte, Allgemeinarzt in Esch/Alzette, seine Patienten, die sich gegen die Grippe impfen wollen, wegschicken. „Ich könnte sie nach Audun-le-Tiche schicken, in Frankreich gibt es noch Bestände. Sie würden dann in Luxemburg zurückerstattet werden. Aber kann man so arbeiten?“ Fakt ist, dass in sämtlichen Escher Apotheken die Bestände an Grippeimpfstoff seit zwei Wochen aufgebraucht sind. Und im Rest des Landes sieht es nicht viel besser aus.

Auf Anfrage bestätigt uns Dr. Jean-Claude Schmit, Direktor der Gesundheitsbehörde: „Die nationalen Reserven sind aufgebraucht, wir versuchen noch Restbestände aus den Nachbarländern aufzukaufen. Doch auch dort sind die Reserven praktisch aufgebraucht.“

Am Anfang der Grippewelle

Max Peporte kann es nicht wirklich verstehen: „ Ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Patienten und kann jetzt meine Arbeit nicht gewissenhaft verrichten. Dabei stehen wir gerade erst am Anfang der Grippewelle, in den letzten Tagen gab es die ersten positiven Befunde.“

Zwar gab es bisher immer Fluktuationen, was die Reserven betrifft. Dies ist bedingt durch nationale Impfkampagnen, Ausfälle in der Produktion oder eine unerwartet hohe Nachfrage. Laut Peporte habe er in seiner Laufbahn aber noch nie erlebt, dass der Impfstoff so frühzeitig aus ging. Doch wie konnte es dazu kommen? „Anfang des Jahres haben wir insgesamt 73.000 Dosen des Grippeimpfstoffs Alpharix beim Produzenten GSK in Bestellung gegeben, genau so viel wie im vergangenen Jahr“, so Dr. Schmit. „Allerdings scheinen viele Patienten sich dieses Jahr für eine Impfung entschieden zu haben.“ Zu ersten Engpässen kam es bereits zu Beginn November, doch mittlerweile sind die Lager leer.

Kommerzielles Denken

Die Ursache ist aber vor allem beim reinen Kommerzdenken eines zweiten Herstellers zu suchen. Die Gesundheitsbehörden hatten zu Beginn des Jahres eine größere Bestellung in Höhe von rund 30 000 Dosen beim Pharmakonzern Mylan in Aufrag gegeben. Dieser sicherte die Lieferung auch schriftlich zu, sprang dann aber wieder angesichts der Preisentwicklung wieder ab.

Olivier Moes, Chefpharmakologe de Santé, hat bereits vor zwei Wochen im Luxemburger Wort erklärt, dass Mylan im September plötzlich mitteilte, dass man trotz der Lieferungszusicherung aus Kostengründen auf die Produktion des Impfstoffes Influvac Tetra für den luxemburgischen Markt verzichten würde. Dadurch fehlten auf einen Schlag rund 30 000 Dosen. Da das Produkt einen langen Vorlauf hat, war eine Nachbestellung zu dem Zeitpunkt nicht mehr möglich. Es ging bei der Stornierung der Produktion demnach einzig und allein um Kostenfragen. Der Hersteller befand, dass die Verkaufspreise für den belgisch-luxemburgischen Markt zu niedrig seien. „Es ging bloß ums Geld“, so Moes.


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Kein sanitäres Problem

„Wir werden die schlechte Erfahrung mit diesem Hersteller jedenfalls nicht einfach so hinnehmen. Bei der nächsten Bestellung werden wir uns jedenfalls juristisch absichern. Denn selbst gesetzlich ist festgeschrieben, dass die Verantwortung gegenüber der Volksgesundheit über den kommerziellen Interessen stehen muss“, erklärt Moes. In ihrer Not wandten sich die Gesundheitsbehörden an den Produzenten GlaxoSmithKline und konnten dort eine Zusicherung für weitere Lieferungen erhalten. Allerdings konnten diese nicht den gesamten Ausfall ausgleichen. Zudem erfolgten die Lieferungen nur tröpfchenweise, weil man verhindern wollte, dass das empfindliche Produkt eventuell ungenutzt und später unbrauchbar werden würde. Deshalb kam es bereits Anfang November immer wieder zu kleineren Nachschubproblemen. Ein sanitäres Problem wollte Moes deswegen aber nicht sehen. Der Pharmazeut sprach einzig von Unannehmlichkeiten für Ärzte und Patienten.

Druck auf Hersteller

Auch Alain De Bourcy, Präsident des Syndicat des Pharmaciens, bestätigt: „Seit zwei Wochen gibts keinen Impfstoff mehr. Normalerweise haben wir bis Ende des Jahres Bestände, die Großhändler können auch später noch nachliefern. Aber jetzt ist alles aufgebraucht.“ Auch de Bourcy meint, die meisten Menschen aus den Risikogruppen seien jetzt geimpft und eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit bestehe nicht. „Aber wenn sie plötzlich eine Schwächung des Immunsystems oder eine Krankheit erleiden, dann wäre die Impfung kurzfristig wieder notwendig. Im Einzelfall kann das schon problematisch sein.“

De Bourcy sieht aber ebenfalls den Pharmakonzern Mylan in der Verantwortung und spricht von einer bewussten Verknappung. „Mylan liefert nicht nach Luxemburg, weil der Konzern den Impfstoff in einem anderen Land teurer verkaufen kann. Würden in Belgien 8000 Dosen übrig bleiben und riskierten auf dem Müll zu landen, würden sie sehr schnell nach Luxemburg verkauft“, so De Bourcy. Der Apotheker meint zudem, die luxemburgischen Behörden sollten mehr Druck ausüben, um solche Praktiken zu unterbinden. „Mylan verkauft ja auch eine ganze Menge anderer Medikamente nach Luxemburg. Die Gesundheitsbehörden könnten da ja mal die Bremse anziehen und etwas Druck machen“, so De Bourcy.

In der Regel belieferten drei Hersteller den luxemburgischen Markt, seit zwei Jahren sind es deren nur noch zwei. Und es kommt noch schlimmer. „Wir geben jetzt auf Basis der aktuellen Nachfrage die Bestellungen für die Impfsaison 2019/2020 auf. Und da ist mit GlaxoSmithKline nur noch ein einziger Hersteller im Rennen. Wenn der Probleme bei der Herstellung hat oder die Nachfrage allgemein zu hoch ist, dann haben wir im nächsten Winter ein großes Problem.“ Oder anders formuliert: Luxemburg würde in Sachen Grippeimpfstoff auf dem Trockenen sitzen. Max Peportes Problem ist mit all diesen Erklärungen allerdings immer noch nicht gelöst. Von bloßer Unannehmlichkeit möchte der Allgemeinmediziner nichts hören. “Ich schicke die Patienten jetzt nach Hause. Dabei kann eine fehlende Grippeimpfung im schlimmsten Fall zum Tode führen. Wollen wir das in Kauf nehmen?“


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