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Gratis-Transport: Das sagen die Experten
Radfahrer und Fußgänger werden auf Luxemburgs Straßen häufig an den Rand gedrängt.

Gratis-Transport: Das sagen die Experten

Bild: Chris Karaba / Luxemburger Wort
Radfahrer und Fußgänger werden auf Luxemburgs Straßen häufig an den Rand gedrängt.
Lokales 3 Min. 24.01.2019

Gratis-Transport: Das sagen die Experten

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Der allgemeine Freifahrtschein für Bus, Bahn und Tram stößt bei Verkehrsexperten auf wenig Begeisterung. Die strukturellen Probleme würden damit nicht gelöst, so der Tenor.

Heiner Monheim beobachtet die Verkehrsprobleme in Luxemburg schon seit vielen Jahrzehnten. Nicht immer hat sich der Experte für Raumplanung hierzulande mit seinen Analysen Freunde gemacht. Auch die Einführung des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs ab 1. März 2020 sieht der emeritierte Professor der Universität Trier eher skeptisch.

"Bus oder Bahn dürfen ruhig etwas kosten", sagt der 72-Jährige, der regelmäßig bei Fachvorträgen zur Zukunft der Mobilität referiert. "Ein Nulltarif ist nur sinnvoll, wenn ein ganzheitliches Verkehrskonzept dahintersteht. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass kostenlos gleichbedeutend ist mit Ramsch." 

In Bologna ging das Experiment "Gratis öffentlicher Transport" schief.
In Bologna ging das Experiment "Gratis öffentlicher Transport" schief.
Foto: Eugenia Giorgini/Flickr

Dann könnte der Schuss nach hinten losgehen – wie damals in Bologna. 

Die italienische Großstadt führte bereits in den 1970er Jahren einen Nulltarif im öffentlichen Transport ein. "Das Angebot wurde anfangs sehr stark genutzt", erinnert sich Monheim. "Doch dann war plötzlich kein Geld mehr da, um neue Fahrzeuge anzuschaffen. Am Ende wurde das Projekt schnell wieder eingestellt." Allerdings gebe es auch jüngere Beispiele für eine erfolgreiche Umsetzung des Gratis-Transports, etwa in baltischen oder französischen Städten. Flächendeckend wie in Luxemburg wurde diese Maßnahme jedoch noch nirgends auf der Welt umgesetzt.


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Monheim rechnet damit, dass ab März 2020 eine "Lawine" an neuen Passagieren auf die öffentlichen Verkehrsmittel im Großherzogtum zurollen wird: "Es wird noch voller werden in den Zügen und Bussen." Es führe daher kein Weg daran vorbei, Kapazitäten und Infrastrukturen weiter auszubauen. 

Die Regierung erwartet sich hingegen keinen Ansturm auf Bus, Bahn und Tram: Transportminister François Bausch pries das Projekt diese Woche bei einer Pressekonferenz vor zahlreichen Medienvertretern aus dem In- und Ausland als rein soziale Maßnahme an. 



Markus Hesse, Professor für Raumplanung an der Universität Luxemburg, kann dieser Argumentation nichts abgewinnen: "Soziale Ungerechtigkeit ließe sich über steuerpolitische Maßnahmen oder erschwinglichen Wohnraum besser bekämpfen." Kollege Monheim verweist darauf, dass es stark rabattierte Sozialtarife schon lange und in vielen Regionen gebe, dies habe aber mit Verkehrswende und Klimapolitik wenig zu tun: "Luxemburg sollte die Chance nutzen, aus der Maßnahme einen relevanten Beitrag zur Verkehrswende zu machen. "  

Uni.lu-Forscher Hesse hält die Einführung des kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs ohnehin nur für eine Imagesache: Luxemburg wolle sich offenbar international mit positiven Schlagzeilen ins Gespräch bringen. "Die strukturellen Probleme im Verkehrssystem wird diese Maßnahme nicht lösen", lautet das Fazit des Professors. Ein Hauptproblem sei die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Stärke und der relativ kleinen Gebietsgröße Luxemburgs, hinzu kommen der Nachholbedarf in Sachen Infrastruktur und die starke Nutzung des Fortbewegungsmittels Auto.

Die Alternativen zum Pkw seien wenig verlockend, sagt Hesse: "Sehen Sie sich nur die vollen Züge an, die jeden Tag zu den Spitzenzeiten ins Land kommen. Oder die fehlenden Schnellbusverbindungen zwischen Esch-Belval und der Stadt Luxemburg. Die Qualität des Angebots im öffentlichen Nahverkehr ist derzeit alles andere als optimal, auch wenn seit einigen Jahren an einer systematischen Verbesserung gearbeitet wird. Daher glaube ich auch nicht, dass viele Autofahrer ab März 2020 sofort umsteigen werden."

Kollege Heiner Monheim rät Luxemburg, beim motorisierten Verkehr "endlich auf die Bremse zu steigen". Immerhin nehme das Land bei den CO2-Emissionen im Landverkehr den traurigen ersten Platz in Europa ein. Generell sollte die Regierung in der Verkehrspolitik mehr Mut beweisen, lautet die Message der Forscher. Im öffentlichen Raum müssten mehr Flächen für Radfahrer und Fußgänger geschaffen werden – dies wäre laut Experte Hesse sinnvoller, als auf halbherzige Lösungen wie den Gratis-Transport zu setzen. 

Foto aus Bologna:  Bus Emilia Giorgini / CC BY-SA 2.0 / Flickr


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