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Gottesdienst für Gehörlose: Das Auge hört mit
Lokales 5 Min. 05.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Gottesdienst für Gehörlose: Das Auge hört mit

Pfarrer Ralf Schmitz betreut die gebärdensprachliche Gemeinde seelsorgerisch.

Gottesdienst für Gehörlose: Das Auge hört mit

Pfarrer Ralf Schmitz betreut die gebärdensprachliche Gemeinde seelsorgerisch.
Foto: Chris Karaba
Lokales 5 Min. 05.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Gottesdienst für Gehörlose: Das Auge hört mit

Sarah SCHÖTT
Sarah SCHÖTT
Mit Gottesdiensten in Gebärdensprache macht das Erzbistum Gehörlosen ein besonderes Angebot.

Der Mittelfinger der rechten Hand berührt die Handinnenfläche der linken Hand und umgekehrt. In Gebärdensprache ist dieses Zeichen das Wort für „Jesus“. Darüber predigt Ralf Schmitz – wie Jesus als Licht in die Dunkelheit der Welt kommt.

Der Priester spricht aber nicht etwa über die Gebärdensprache, sondern er nutzt diese Ausdrucksform: Er steht dem Gehörlosengottesdienst von „Effata“ in Luxemburg vor. „Effata Lëtzebuerg“ ist der Name der katholischen gebärdensprachlichen Seelsorge im Erzbistum. Er erinnert an eine Stelle aus dem Markusevangelium, in der Jesus einem Taubstummen mit den Worten „Effata – öffne dich“ Sprache und Gehör zurückgibt.

Kooperation mit dem Bistum Trier

Dass ein Priester sich in Gebärdensprache verständigen kann, kommt eher selten vor. In Luxemburg eigentlich gar nicht. Deshalb hat die Gemeinde mit Ralf Schmitz Unterstützung aus dem Bistum Trier erhalten. Dort ist er Priester der Katholischen Gehörlosengemeinde (KGG). Im Jahr 2000 hat er damit begonnen, die Deutsche Gebärdensprache (DGS) in Köln zu lernen. Seit etwa acht Jahren arbeitet er in einer festen Struktur mit „Effata“ zusammen.

Gehörlosenseelsorge gab es im Erzbistum auch vorher schon, wie Jutta Förtsch, verantwortlich für die spezifische Seelsorge, erklärt. Der Pfarrer, der sich darum gekümmert hat, konnte allerdings selbst keine Gebärdensprache, sodass immer ein Übersetzer gebraucht wurde. Nach seinem Tod hat sich die Gruppe „Effata“ gegründet. Auf die Frage, was den Unterschied zu anderen Gottesdiensten ausmache, antwortet Jutta Förtsch: „Es ist sehr still. Sonst ist alles wie in der Liturgie üblich.“

Ungezwungene Atmosphäre

Davon können sich Besucher überzeugen, wenn sie zu einer der Feiern kommen. An diesem Sonntag spielt Jutta Förtsch Flöte als Begleitung. Denn unter den Gottesdienstbesuchern finden sich auch Hörende. Ein Paar erklärt den Grund dafür: „Es ist eine andere Atmosphäre, nicht so gezwungen, gemütlicher, einfach schön. Man versteht es auch als Hörender besser.“ Das liegt unter anderem daran, dass die Texte, die als Grundlage dienen, nicht genau die gleichen sind wie die im Gottesdienst verwendeten. Als Basis nutzt Ralf Schmitz liturgische Texte, die bereits in eine verständliche und alltagsnähere Sprache gebracht wurden, damit man sie einfacher gebärden kann.

Für den Priester ist diese Art von Texten ein klarer Vorteil auch in der Arbeit mit Hörenden. „Man spricht wesentlicher. Und man ist gezwungen, viel mehr zu erzählen als zu belehren. Es ist eine andere Art der Kommunikation, viel näher an den Menschen. Die Gehörlosengottesdienste sind auch für die anderen Messen eine wunderbare Vorbereitung, denn sie zwingen, viel realer zu denken, nicht so abstrakt.“

Zwei Mitglieder des Gebärdenchors übersetzen das Gesungene.
Zwei Mitglieder des Gebärdenchors übersetzen das Gesungene.
Foto: Chris Karaba

Die Gemeinde ist auf vielfältige Art in den Gottesdienst eingebunden. Alle Texte werden vorgelesen und gebärdet, so dass sowohl Hörende als auch nicht Hörende dem Geschehen folgen können. Die Gemeindemitglieder tragen die Lesung vor und haben auch zwischendurch immer wieder bestimmte Aufgaben. So ist ein Element der Feier eine Art Interview, in dem jeder sagen beziehungsweise gebärden darf, was für ihn in der Welt dunkel ist. Die zusammengetragenen Begriffe werden von den Gemeindemitgliedern aufgeschrieben und an den Altar geklebt. Später dann, bei den Fürbitten, werden diese Ängste und Nöte vor Gott gebracht.

Doch nicht nur so wirkt die Gemeinde aktiv mit. Was für hörende Ohren zunächst etwas seltsam klingen mag, ist für „Effata“ selbstverständlich: Es gibt einen Chor. Dieser gebärdet die Worte, die von den Gemeindemitgliedern gesungen werden. Die Sänger sind aber nicht nur im Rahmen ihrer Liturgie aktiv. Ein besonderer Moment für die Mitglieder ist das Abendlob bei der jährlichen Oktave. Dann singen sie zusammen mit der Maîtrise der Kathedrale – die Mitglieder der Maîtrise mit ihren Stimmen, der Effata-Chor mit seinen Zeichen.

Im vergangenen Jahr gab es erstmals auch eine Kooperation mit einer Pfarrei. „Beim letzten Abendlob hatten wir im Vorfeld ein Treffen mit Interessierten aus der Pfarrei Walferdingen. Es war ein Abend zum Kennenlernen, ein paar Gebärden lernen, einfach ein gutes Zusammensein. Das war ein erster Versuch, aber ich könnte mir vorstellen, das noch mal zu machen“, erklärt Jutta Förtsch. Denn sowohl sie als auch Ralf Schmitz sind sich sicher: Es ist für beide Seiten ein besonderes Erlebnis.

Neben der Mitgestaltung des Abendlobs gibt es auch noch andere Angebote für die Gehörlosen. Zum Einen trifft sich ein Kern aus etwa fünf bis zehn Personen regelmäßig, um die Gottesdienste vorzubereiten. Einmal jährlich findet ein dreitägiger Workshop statt, der unter dem Titel „Taub und katholisch“ steht. Es gibt immer wieder Gottesdienstleiterausbildungen, die einige der Gemeindemitglieder gemacht haben. „Und zwischendurch treffen wir uns einfach mal so“, erzählt Jutta Förtsch. Alle Gottesdienstangebote, die es für Hörende gibt, werden auch für die gebärdensprachliche Gemeinde angeboten: Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen ...

Für die Menschen, die schlecht oder gar nicht hören, bietet „Effata“ die Gelegenheit, zusammenzukommen. „In vielen Gemeinden gibt es nur einen oder zwei Gehörlose, hier kommen viele zusammen und es entsteht Gemeinschaft“, erklärt Rebecca Mathes, die selbst in der Vorbereitungsgruppe aktiv ist. Für sie und die anderen ist dieser Gottesdienst die einzige Möglichkeit, wirklich etwas zu verstehen.

Die Gemeindemitglieder gestalten den Gottesdienst mit ihren Beiträgen aktiv mit.
Die Gemeindemitglieder gestalten den Gottesdienst mit ihren Beiträgen aktiv mit.
Foto: Chris Karaba

Wichtige Rolle der Mimik

Mehr noch, findet Ralf Schmitz, gibt es ihnen auch den Raum, ihre Kultur darzustellen. „Die Leute nehmen das als ihre Kultur wahr und gestalten das, sie bekommen das nicht serviert. Ich finde es notwendig, diese Räume zu ermöglichen, und dann muss ich mich als Priester einfach zurücknehmen, damit die Leute ihr Ding machen können.“

Ein großer Teil des Gottesdienstes wird genau deshalb von den Gemeindemitgliedern getragen. Sie können auch Wortgottesdienste feiern, wenn Ralf Schmitz aus Termingründen mal nicht nach Luxemburg kommen kann. Während der Feier übernimmt er nur die liturgischen Aufgaben, für die man nun mal einen Priester braucht – etwa die Wandlung. Und er predigt – sprechend und gebärdend. Im Gegensatz zum alltäglichen Sprechen wird allerdings die Mimik viel mehr mit eingebunden „Ein eingefrorenes Gesicht ist das Schlimmste – das ist wie Nuscheln.“


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Entspannte Liturgien

Nach der Messe strömen nicht etwa alle aus der Kirche nach Hause, ganz im Gegenteil – die Gemeinschaft geht weiter. Bei Kaffee und Kuchen ist es für hörende Ohren zwar recht leise, es findet aber bei genauerem Hinsehen ein reger Austausch statt, nur eben ohne Worte. So gut es geht, wird mit den Franziskanerinnen, in deren Räumlichkeiten Gottesdienst und Zusammensein stattfinden, gesprochen. Hier und da schreibt man etwas auf, wenn die Kommunikation sonst nicht gelingt, und an einem Tisch skypt eine Gruppe aus der Gemeinde zusammen mit Pfarrer Schmitz mit einem Gemeindemitglied, das gerade im Krankenhaus ist.

Die Atmosphäre ist locker. Für Jutta Förtsch macht das nicht nur den Kaffee, sondern auch den Gottesdienst aus: „Es macht sich keiner Stress – wenn wir nicht um 14 Uhr anfangen, dann fünf Minuten später. Für mich sind das die entspanntesten Liturgien.“


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