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„Glücksspielsucht ist eine Krankheit“
Leisten vor allem Motivationsarbeit: Romain Juncker (l.) und Peter Kagerer.

„Glücksspielsucht ist eine Krankheit“

LW
Leisten vor allem Motivationsarbeit: Romain Juncker (l.) und Peter Kagerer.
Lokales 3 Min. 15.03.2012

„Glücksspielsucht ist eine Krankheit“

In Luxemburg sind etwa 4 500 Männer und Frauen von der Glücksspielsucht betroffen. 2003 gründete Romain Juncker die „Asbl Anonym Glécksspiller“, um Betroffenen eine Anlauf- und Beratungsstelle zu bieten – die bisher einzige in Luxemburg. Seit dem vergangenen 8. September steht für persönliche Gespräche Diplom-Psychologe Peter Kagerer zur Verfügung.

In Luxemburg sind etwa 4 500 Männer und Frauen von der Glücksspielsucht betroffen. 2003 gründete Romain Juncker die „Asbl Anonym Glécksspiller“, um Betroffenen eine Anlauf- und Beratungsstelle zu bieten – die bisher einzige in Luxemburg. Seit dem vergangenen 8. September steht für persönliche Gespräche Diplom-Psychologe Peter Kagerer zur Verfügung.

Wer wurde nicht schon schwach bei dem Gedanken, eine eigene Insel zu besitzen, nur noch im Privatjet zu reisen und nie mehr arbeiten zu müssen? Besonders in Zeiten der Finanzkrise erlebt die Glücksspielbranche einen Aufschwung: In der Tat träumen viele Menschen davon, einfach und schnell das große Geld zu machen.

Genau dieser Gedanke, den Jackpot zu knacken und von heute auf morgen reich zu werden, aber auch das gewisse Risiko machen den Reiz des Glücksspiels aus, dem hierzulande schätzungsweise 4 500 Menschen verfallen sind. Studien über die genaue Zahl der Spielsüchtigen in Luxemburg wurden noch nicht durchgeführt, aus ausländischen Statistiken geht jedoch hervor, dass generell zirka ein Prozent der Bevölkerung eines Landes spielsüchtig ist.

Glück im Spiel, Pech in der Liebe

„Die Versuchung zum Glücksspiel ist allgegenwärtig“, weiß Romain Juncker, selbst ehemaliger regelmäßiger Casino-Besucher und Präsident der „Asbl Anonym Glécksspiller“. Geldspielautomaten, Lotterie-Spiele, Sportwetten, Black Jack, Roulette, Poker – die Auswahl ist riesig. So vielfältig die Riege an Glücksspielen auch ist, so kann man den typischen Glücksspieler nicht in eine Schublade stecken.

„Die Betroffenen sind verschiedenster sozialer und ethnischer Herkunft. Ich habe sowohl schon mit 16- als auch mit 80-jährigen Glücksspielabhängigen gesprochen“, betont Juncker. Allerdings steht natürlich hinter jeder Sucht ein Bedürfnis. „Als ich damals langsam aber sicher abhängig wurde, ging ich nicht nur zum Vergnügen ins Casino: Ich befand mich in einer schwierigen familiären Situation. Das Glücksspiel bedeutete für mich die Flucht aus der Realität in eine Traumwelt, in der ich, ohne besondere Fähigkeiten, etwas erreichen konnte.“

Motivationsarbeit leisten

Um die 70 Beratungsgespräche führt Juncker pro Jahr, bis zu 300 Anrufe nimmt er entgegen, oft von besorgten Angehörigen und Bekannten von Glücksspielsüchtigen. Denn Betroffene nähmen professionelle Hilfe erst sehr spät und auf Druck von Familien und Freunden in Anspruch, „wenn nichts mehr geht, wie im Roulette“, so Juncker. „Unsere Vereinigung bietet Betroffenen ein offenes Ohr, Ratschläge und Adressen, an die sie sich wenden können.“

Bislang existierte in Luxemburg jedoch noch keine medizinische Auffangstation für Glücksspielabhängige. Dies gab den Ausschlag für eine Zusammenarbeit mit Diplom-Psychologe und psychologischem Psychotherapeut Peter Kagerer, der sich neben seiner Stelle in der deutschen „Psychosomatischen Fachklinik Münchwies“ bereit erklärte, Seminare zu diesem Thema mit Hilfesuchenden aus Luxemburg abzuhalten.

Seit dem 8. September steht Kagerer denn auch ein- bis zweimal im Monat für persönliche Gespräche zur Verfügung. „Die Zusammenarbeit zwischen dem Glücksspielsüchtigen und seiner Familie sowie Freunden ist sehr wichtig; deren Unterstützung ist für den kraftraubenden Entzug unabdingbar. Ich setze mich also in einer Diskussionsrunde mit dem Betroffenen und den ihm Nahestehenden zusammen, um dessen innere Notlage auszuloten und den Suchtgrad zu bestimmen“, erklärt Kagerer, der sich 1992 auf dieses Gebiet spezialisierte.

„Oft ist es für den Glücksspielabhängigen schwer, vor Dritten über seine Sucht zu reden. Erst wenn er selbst erkennt, dass seine Sucht eine Krankheit ist und geheilt werden kann, und er sich aus eigenem Antrieb zu Abstinenz entschließt, suchen wir nach Lösungen. Erst dann fällt die Entscheidung, ob eine Therapie oder Besuche der Selbsthilfegruppe und Beratungsgespräche der richtige Weg sind.“

Juncker und Kagerer leisten also vor allem Motivationsarbeit. Die Idee eines regelmäßigen Austauschs von Betroffenen mit einem qualifizierten, verbindlichen Ansprechpartner in der Person von Peter Kagerer war dringend notwendig.

Tabu brechen

Juncker und Kagerer bemühen sich aber nicht nur, nach dem Verfall in die Sucht zu helfen, sondern ein Abrutschen in die „Glücksfalle“ von Anfang an zu verhindern. Glücksspielabhängigkeit ist in Luxemburg aber noch immer ein Tabuthema. „Um das Problem richtig anzugehen, muss man das Kind beim Namen nennen“, fordert Kagerer.

Juncker bekräftigt: „Diese Problematik wird in Luxemburg verharmlost. Sie muss aus ihrem dunklen Versteck gezogen werden.“ Prävention sei das Zauberwort, darin sind sich beide einig. Jemand, der über diese Krankheit Bescheid weiß, könne nämlich Anzeichen frühzeitig erkennen und sich viel Leid ersparen, so Kagerer. „Unsere Bemühungen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber man wird hoffentlich noch viel von uns hören.“