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Gilles Lousada von der eigenen Vergangenheit eingeholt
Lokales 8 Min. 31.10.2014 Aus unserem online-Archiv
15 Jahre nach der Tat überführt

Gilles Lousada von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen wird Gilles Lousada im Juli 2009 zu den Verhandlungen im Prozess um die Schießerei in Esch gebracht.
15 Jahre nach der Tat überführt

Gilles Lousada von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen wird Gilles Lousada im Juli 2009 zu den Verhandlungen im Prozess um die Schießerei in Esch gebracht.
Foto: Anouk Antony
Lokales 8 Min. 31.10.2014 Aus unserem online-Archiv
15 Jahre nach der Tat überführt

Gilles Lousada von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Gilles Lousada ist in Luxemburg alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Er verbüßt derzeit eine Haftstrafe von insgesamt 27 Jahren ohne Bewährung. Nun könnten noch einmal 20 Jahre dazu kommen.

(str) - Gilles Lousada ist in Luxemburg alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Er verbüßt derzeit eine Haftstrafe von insgesamt 27 Jahren ohne Bewährung wegen zwei Überfällen auf Geldtransporte, einer Schießerei in Esch/Alzette und dem Angriff auf einen Polizisten bei einem Fluchtversuch aus einem Krankenhaus. Nun könnten noch einmal 20 Jahre dazu kommen. Ihm und einem weiteren Täter konnte nämlich vor wenigen Tagen die Teilnahme an einem von zwei Banküberfällen* mit Geiselnahme in Rodange im Jahr 1999 nachgewiesen werden.

Für den Kassenwart der Sparkasse in der Route de Longwy in Ro
dange beginnt jener 25. Februar 1999 wie jeder andere Arbeitstag auch. Als erster Mitarbeiter betritt er kurz vor 8 Uhr das Geldinstitut – wie immer durch den Hintereingang. Er schaltet den Alarm aus, fährt die Computer hoch. Als er gerade den Alarm der beiden Panzerschränke deaktivieren will, stehen plötzlich zwei bewaffnete Männer hinter ihm. Einer richtet eine Pistole auf ihn, der zweite eine Maschinenpistole. Zudem tragen die Eindringlinge zwei Handgranaten.

Die Räuber geben dem Kassierer sofort deutlich zu verstehen, dass sie bestens über sein Privatleben, seine Familie und sein Wohnhaus Bescheid wissen. In den Folgeminuten werden drei weitere Bankangestellte auf gleiche Weise überwältigt und dann gefesselt.

Erschreckendes Insiderwissen

Schnell wird auch klar, dass die Täter nicht nur die Gewohnheiten und das Privatleben der Angestellten kennen, sondern über weitreichende Insiderinformationen zum Bankbetrieb verfügen. Sie wissen, dass der Türrahmen des hinteren Gebäudeeingangs, obwohl von einer Metallfolie abgedeckt, nur aus Holz besteht. Sie wissen, dass diese Tür nicht alarmgesichert ist. Sie wissen, dass sie diese Tür nur oben aufhebeln müssen, um im Innern an einen Kasten mit dem Schlüssel zu gelangen. Sie wissen, dass Sie sich bei dem Überfall Zeit lassen können, weil der Alarm seit zwei Monaten nicht mehr an die Telefonzentrale angebunden ist – ein Umstand, der erst nach dem Überfall entdeckt wird. Sie wissen zudem, dass sich der Schlüssel zum großen Banktresor in einem kleinen Safe befindet. Sie wissen, dass das Zeitschloss des Tresors auf fünf Minuten und nicht auf zehn Minuten eingestellt werden muss.

Dennoch läuft nicht alles nach Plan. So werden die Täter während des immerhin 25 Minuten dauernden Überfalls von einem Sicherheitsangestellten gestört, der eigentlich an jenem Morgen Maße für den Einbau eines Geldautomaten nehmen will. Als der Sparkassenmitarbeiter die Hintertür des Gebäudes öffnet, blickt er gleich in einen Revolverlauf. Er steht so dicht vor der Waffe, dass er die Kugeln in der Trommel erkennen kann.

Banküberfall am 25.Februar 1999 in Rodange.
Banküberfall am 25.Februar 1999 in Rodange.
Foto: Jos Boentges

„Bouge pas!“, zischt ihm der Bewaffnete zu. Doch der Angestellte schlägt die Tür zu und bringt sich in Sicherheit. Das alles spielt sich binnen weniger Sekunden ab. Dennoch reicht die Zeit, um drei maskierte Täter und die am Boden liegenden Geiseln zu sehen. Zuvor war ihm bereits ein Mann aufgefallen, der an einem Fenster in der unbewohnten Dienstwohnung über der Bankfiliale Schmiere stand. Unklar ist, ob es sich dabei um den Mann mit dem Revolver handelt oder um einen vierten Täter. Die Bande entkommt mit einer Beute in Höhe von 186 203,68 Euro.

Familienmitglieder als Geiseln

Knapp zehn Monate später schlagen die Täter erneut zu. Wieder haben sie die Sparkasse in Rodange im Visier. Den Tätern muss klar sein, dass die Sicherheitsmaßnahmen in der Bankfiliale seit ihrem ersten Raub verschärft wurden. Deshalb entscheiden sie sich zu einem noch kaltblütigeren Vorgehen: Sie nehmen die Familie eines Angestellten als Geisel.

Am Abend des 9. Dezember 1999 lauern sie erneut dem Kassenwart auf – der gleiche Mann, wie beim ersten Überfall. Diesmal schreiten sie in seinem privaten Wohnhaus zur Tat. Als der Bankangestellte um 17.30 Uhr nach Hause kommt, überwältigen ihn zwei bewaffnete und maskierte Männer in der Garage. Ob er ihn wiedererkennt, fragt einer der Maskenträger und stellt somit sofort klar, dass das Opfer sich in der Gewalt der gleichen Täter befindet wie beim ersten Überfall.

Seine Ehefrau und seine Tochter überraschen die bewaffneten Männer in der Küche, den Sohn beim Fernsehen im Wohnzimmer. Alle drei werden im Obergeschoss gefesselt und in einer Abstellkammer eingeschlossen.

Unerwartete Hindernisse

Den Bankangestellten fesseln die Täter im Heizungskeller und quetschen ihn über die Sicherheitsmaßnahmen der Bank aus. Zu ihrer Überraschung erfahren sie dabei, dass der Kassenwart zum Ende seiner Schicht ein Zeitschloss am Banktresor aktiviert hat und der Geldschrank deswegen erst am nächsten Morgen geöffnet werden kann. Die Räuber müssen improvisieren und entscheiden, die Nacht über im Haus der Familie zu bleiben. Dem Vater erzählen sie, Frau und Kinder seien nach Thionville gebracht worden. Erst nach Herausgabe des Geldes würden sie freigelassen. Wenn er jedoch unkooperativ sei, würde er seine Familie nie wiedersehen.

Gegen 6.15 Uhr brechen drei maskierte Räuber mit dem Kassenwart zur Sparkasse auf. Die ganze Zeit über sprechen sich die Täter mit Nummern an anstatt mit Namen. Am Banktresor zwingen sie ihr Opfer dann, das gesamte Geld – umgerechnet 175 236,35 Euro – in eine Sporttasche zu packen. Auch hier legen die Bankräuber erneut ausgeprägtes Insiderwissen an den Tag: Sie fordern den Kassenwart auf, jene Geldbündel, die mit einem Alarmsender ausgestattet sind, im Safe zu lassen. Diese hätten beim Verlassen der Bank den Alarm ausgelöst. Den Bankangestellten lassen sie schließlich gefesselt in einem Waldstück nahe Rodange zurück. Etwa zur gleichen Zeit schafft es auch die Familie, sich in der Abstellkammer von den Fesseln zu lösen.

Mit diesem Foto wurde 2003 international nach David Sciutti gefahndet.
Mit diesem Foto wurde 2003 international nach David Sciutti gefahndet.
Foto: Polizei

Es vergehen mehr als zehn Jahre, bis es zu einem Durchbruch in den Ermittlungen kommt. Im Januar 2010 ratifiziert Frankreich den Prüm-Vertrag zur innereuropäischen Zusammenarbeit bei der Verbrechensbekämpfung. Das Prüm-Abkommen erlaubt unter anderem den Zugriff auf bestimmte Datenbanken der jeweiligen Länder – die DNS-Datenbank, die Fingerabdruck-Kartei und das Fahrzeugregister.

Verräterische DNS

Nach dem ersten Überfall wird ein olivgrüner Handschuh hinter einem Heizkörper am Tatort gefunden – mitsamt DNS-Anhaftungen. In einem gestohlenen Fahrzeug, das die Täter zur Observierung der Bank benutzten, sichern Tatortermittler außerdem DNS-Spuren an einer Bierflasche und an einer Rolle Klebeband. Auch nach dem zweiten Überfall werden wertvolle Spuren gefunden: Im Wohnhaus des Bankkassierers entdecken Spurensicherer Täter-DNS an einem Wasserglas, an einer Tasse und an mehreren Wasserflaschen.

Am 22. Januar 2010 ergibt der Abgleich mit der französischen DNS-Datenbank einen ersten Treffer: David Sciutti – ein Schwerverbrecher, der bereits mehrfach in Luxemburg in den Schlagzeilen stand. Ins Visier der Luxemburger Justiz war der heute 45-jährige Franzose aus Mont-Saint-Martin erstmals 1996 geraten. Er wurde damals zur einer 30-monatigen Haftstrafe verurteilt. Nach seiner Verhaftung im Jahr 2001 wegen zwei Überfällen auf Geldtransporte in der Rue des Prés in Lamadelaine sitzt er in Schrassig in Untersuchungshaft.

Die Gefangenenbefreiung am 17. März 2003 in Schrassig
Die Gefangenenbefreiung am 17. März 2003 in Schrassig
Foto: Raphael Zwank

Am 17. März 2003 befreit dann aber ein schwer bewaffnetes Kommando David Sciutti und einen weiteren Schwerverbrecher, Abdellatif Bekhti, mit einem beispiellosen Angriff aus dem Luxemburger Strafvollzug. Bekhti war am Jahrhundert-Raub in der Brink's-Ziegler-Zentrale in Kehlen beteiligt, bei dem 17 Millionen Euro erbeutet wurden.

Sciutti wird knapp drei Wochen später in Chambéry (F) festgenommen, Bekhti erst 2008 in Marokko.

Hohe Haftstrafen

Sciutti hat einen französischen Pass, und wird nicht ausgeliefert. Einem Prozess entgeht er dennoch nicht: Am 28. Mai 2008 spricht ein Gericht in Nancy David Sciutti schuldig, am ersten der beiden Überfälle auf einen Geldtransport in Lamadelaine, am 12. Mai 2000, beteiligt gewesen zu sein. Für den zweiten Überfall, am 20. Juli 2001, gibt es jedoch einen Freispruch.

Überfall auf einen Geldtransport am 12. Mai 2000 in Lamadelaine.
Überfall auf einen Geldtransport am 12. Mai 2000 in Lamadelaine.
Foto: André Kieffer

Seinen beiden Komplizen Gilles Lousada und Yazid Bezzah wird in Luxemburg der Prozess gemacht. Sie werden beider Überfälle in Lamadelaine für schuldig befunden. Ihr Urteil in letzter Instanz fällt am 25. Juni 2008: 22 Jahre Gefängnis ohne Bewährung. Bezzah versucht, kurz vor dem Urteilsspruch unterzutauchen, wird aber in Frankreich gefasst und verbüßt dort seine Haftstrafe für die Taten in Luxemburg.

2010, nachdem seine Teilnahme an den beiden Banküberfällen in Rodange als erwiesen gilt, wird 
Sciutti dennoch nach Luxemburg ausgeliefert. Am 19. Februar 2013 wird er zu 18 Jahren Haft für die beiden Banküberfälle und die Geiselnahme verurteilt – zusätzlich zu seiner bisherigen Strafe.

Spuren am Handschuh, an der Bierflasche, am Klebeband und aus dem Wohnhaus können ihm zweifelsfrei zugeordnet werden. Es gibt aber sowohl am Klebeband wie auch am Handschuh Mischspuren mit Allelen weiterer, zunächst unbekannter Personen.

Lousada und Boumedine

Im September 2014 kommt es dann erneut zu einer überraschenden Wendung. In regelmäßigen Abständen werden DNS-Profile aus unaufgeklärten Fällen – wie beispielsweise den Überfällen in Rodange – mit internationalen Datenbanken abgeglichen. Diesmal gibt es zwei „hits“: Gilles Lousada und Habès Boumedine.

Überfall auf einen Geldtransport am 20.Juli 2001 in Lamadelaine.
Überfall auf einen Geldtransport am 20.Juli 2001 in Lamadelaine.
Foto: Serge Waldbillig

Während Boumedine lediglich als Drogenhändler und wegen mehrerer Raubdelikte in und um Longwy vorbestraft ist, gilt Lousada in Luxemburg als Schwerverbrecher. 2008 wird er für beide Überfälle auf Geldtransporte der Firma G4S in Lamadelaine verurteilt, bei denen ohne Rücksicht auf Menschenleben Kriegswaffen eingesetzt und zwei Personen schwer verletzt wurden.

Nachdem Lousada 2001 in Pfaffenthal festgenommen wurde, wird er nach mehrjähriger Untersuchungshaft auf richterlichen Beschluss auf freien Fuß gesetzt. Eine Entscheidung mit Folgen, denn Lousada ist weit davon entfernt, ein gesetzestreuer Bürger zu werden: Am 30. Dezember schießt er nach einem Streit in Esch/Alzette auf einen Mann. Dieser wird schwer verletzt. Lousada wird von den Angehörigen des Opfers überwältigt und krankenhausreif geprügelt. Im Centre 
hospitalier wird er von einem jungen Polizeibeamten bewacht. Nach einer List schlägt er den Polizisten zusammen und versucht, dessen Dienstwaffe an sich zu bringen. Berufsfeuerwehrmännern gelingt es aber, den Amateur-Boxer Lousada zu überwältigen.

Seitdem sitzt Lousada in Schrassig in Haft. Ausgang hat er lediglich zu Gerichtsterminen und das nur in Begleitung von schwer bewaffneten Polizisten. Wegen der Überfälle in Lamadelaine sitzt er eine 22-jährige Haftstrafe ohne Bewährung ab. Die Schießerei in Esch und der Angriff auf den Polizisten weitere fünf.

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* AdR: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es irrtümlicherweise : "an zwei Banküberfällen".