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Gewaltprävention in Schrassig: Kursleiterin widerspricht Tanson
Lokales 3 Min. 06.04.2021 Aus unserem online-Archiv

Gewaltprävention in Schrassig: Kursleiterin widerspricht Tanson

Gewaltprävention in Schrassig: Kursleiterin widerspricht Tanson

Foto: Gerry Huberty/LW-Archiv
Lokales 3 Min. 06.04.2021 Aus unserem online-Archiv

Gewaltprävention in Schrassig: Kursleiterin widerspricht Tanson

Sarah CAMES
Sarah CAMES
Derzeit findet in Luxemburgs Gefängnissen kein Anti-Gewalt-Training statt. Justizministerin Tanson sprach von einem Fachkräftemangel - dem widerspricht die Leiterin der Asbl Anti-Gewalt-Training Luxembourg.

Fast zehn Jahre lang bot die Asbl Anti-Gewalt-Training Luxembourg Gewaltpräventionskurse im Schrassiger Gefängnis an. 2018 kamen die Anfragen allerdings ins Stocken, erklärt Julia Retzlaff, die Vorsitzende der Organisation. Seitdem werden den Insassen lediglich individualisierte Psychotherapien angeboten. Entsprechend überrascht war Retzlaff von einer parlamentarischen Antwort auf die Frage zu der Gewaltsituation in Luxemburgs Gefängnissen.


Lokales,Centre penitentiaire,Prison, Schrassig, Gefängnis. Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort
Mangelnde Gewaltprävention in Luxemburgs Gefängnissen
Justizministerin Tanson erklärt, warum es in Luxemburgs Gefängnissen heute weniger Gewaltprävention gibt als früher.

In dieser erklärte Justizministerin Sam Tanson (déi Gréng) vergangene Woche auf Nachfrage des ADR-Abgeordneten Fred Keup, dass derzeit keine Gewaltpräventionskurse angeboten werden - angeblich aufgrund eines Fachkräftemangels: „Die Gefängnisverwaltung findet keine Professionellen, die noch ein Training anbieten, das den ordentlichen, wissenschaftlichen Kriterien entspricht“, so die Ministerin in ihrer Antwort.

Gegen diese Darstellung wehrt sich Retzlaff. Elf Trainingsgänge à 60 Stunden hatten zertifizierten Anti-Gewalt- und Deeskalationstrainer aus der Organisation zwischen 2010 und 2018 in Schrassig durchgeführt. Bis zu 130 Insassen hätten über die Jahre an den Trainingsrunden teilgenommen. Tansons Aussage, es gebe in Luxemburg nicht genügend Programmleiter, deren Arbeit „ordentlichen, wissenschaftlichen Kriterien“ entspräche, kann sich Retzlaff nicht erklären.

Hochqualifizierte Kursleiter

Im europäischen Vergleich gebe es in Luxemburg viele hochqualifizierte Trainer, die sich neben der systemischen Anti-Gewalt- und Deeskalationsausbildung zusätzlich ins Thema Pädagogik - speziell auch Traumapädagogik - eingearbeitet hätten und sich ständig weiterbilden. Sie bieten ihre Kurse beispielsweise auch in Schulen und Unternehmen an. „Eine modernere Ausbildung gibt es eigentlich nicht“, so Retzlaff. Die Aussagen der Ministerin würden die Fachkompetenz der ausgebildeten Trainer zu Unrecht untergraben, so Retzlaff.


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2018 blieben die Aufträge aus dem Gefängnis schließlich aus. Als Erklärung hieß es damals, man habe nicht genügend geeignete Kandidaten für eine Teilnahme an den Kursen. Die Mindestteilnehmerzahl liegt bei acht Personen. Das liegt daran, dass die Gruppendynamik in dieser Art der Therapie eine so wichtige Rolle spielt. Zuletzt seien für einen Kurs aber nur noch sechs Insassen gemeldet worden - zu wenig, um den Kurs den Standards entsprechen durchführen zu können, erklärt Retzlaff.

Eine modernere Ausbildung gibt es eigentlich nicht.

Julia Retzlaff

Nicht nur trugen die Anti-Gewalt-Kurse zu einem friedlicheren Miteinander zwischen den Insassen bei, sie bereiteten die Häftlinge auch für ein Leben nach der Vollzugsanstalt vor. „Viele der Insassen haben nie alternative Umgangsformen zur Gewalt kennengelernt“, so Retzlaff im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“. Diese Werkzeuge habe man ihnen im Rahmen des Programms mit auf den Weg geben können. Dabei habe das Training nicht nur auf körperliche Gewalt abgezielt - auch psychologische Aggressionen und Empathieentwicklung für die Opfer seien wichtige Aspekte des Trainings gewesen. All das seien Fähigkeiten, die letztendlich auch der Gesellschaft zugutekämen, unterstreicht Retzlaff.


Keine Chance der Gewalt
Aggressivität ist keine Lösung. Dies ist die Botschaft der Anti-Gewalt-Trainings. Coachings finden sowohl im präventiven Bereich statt, als auch im kurativen, wenn Menschen durch ihr Verhalten bereits Probleme mit der Justiz haben.

Die Bedeutung der Gewaltprävention streicht auch ein ehemaliger Häftling hervor, der sich nach der Veröffentlichung der parlamentarischen Antwort kritisch zu Wort meldete. „Ich habe seit dem ersten Training im Gefängnis mitgemacht und weiß aus erster Hand, dass uns von den Trainern und Trainerinnen viel mitgegeben wurde.“ 

Als Insassen hätten sie gelernt, mit ihren Gewaltproblemen umzugehen - und wo Gewalt überhaupt beginnt. „Mir persönlich (und auch allen anderen Teilnehmern) hat das Training dabei geholfen, mich selbst kennenzulernen, und zu erkennen, wann ich aggressiv werde und wie ich mit einer Situation umgehe, um der Eskalation aus dem Weg zu gehen“, so der ehemalige Insasse des Gefängnisses in Schrassig. Auch in seinem Leben nach dem Gefängnisaufenthalt habe er noch häufig auf das Gelernte zurückgreifen können. „Wir haben gelernt, Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen und uns zu ändern.“

Im Rahmen der parlamentarischen Antwort hatte Justizministerin Tanson angekündigt, ein angepasstes Anti-Aggressionsprogramm werde derzeit von dem Département de la criminologie et de la recherche der Gefängnisverwaltung ausgearbeitet und sei bereits auf der Zielgeraden. Davon erfuhr Retzlaff erst bei der Veröffentlichung der parlamentarischen Antwort. Mit ihrer langjährigen Praxiserfahrung im Schrassiger Gefängnis sei die Organisation gerne bereit, die Konzeption des neuen Projektes zu unterstützen, so Retzlaff. „Ich würde mir einen konstruktiven Dialog wünschen. Und dass wir zumindest passiv mitwirken können, dass die Häftlinge wieder die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.“

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