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Gewaltopfer auf der sicheren Seite
Nur sehr wenige Opfer von physischer Gewalt brechen ihr Schweigen sofort nach der Tat und erstatten Anzeige gegen den Täter.

Gewaltopfer auf der sicheren Seite

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Nur sehr wenige Opfer von physischer Gewalt brechen ihr Schweigen sofort nach der Tat und erstatten Anzeige gegen den Täter.
Lokales 4 Min. 14.01.2019

Gewaltopfer auf der sicheren Seite

Rosa CLEMENTE
Rosa CLEMENTE
Bei den Frauenhäusern in Luxemburg geben sich Opfer häuslicher Gewalt die Klinke in die Hand, bei der Polizei werden aber nur fünf bis zehn Prozent aller Fälle angezeigt. Um Beweise zu sichern, steht die rechtsmedizinische Dokumentationsstelle Umedo zur Verfügung.

Zunächst als Opferambulanz bekannt, im vergangenem Jahr in Unité médico-légale de documentation des violences (Umedo) umbenannt: der nationale Dokumentationsdienst, der alle Beweise für Gewalt in den eigenen vier Wänden sicherstellt und zehn Jahre archiviert. „Ziel ist es, den Opfern Zeit zu verschaffen“, so Martine Schaul, Gerichtsmedizinerin beim Laboratoire national de santé (LNS), zu dem das Umedo-Archiv gehört.


Zum Themendienst-Bericht "Frauen/Männer/Partnerschaft/Ratgeber/" vom 2. März: Schläge in der Partnerschaft sind keine Seltenheit: Oft gibt es Warnsignale, die auf drohende Gewalt hinweisen. (Archivbild vom 13.03.2006 - Die Veröffentlichung ist für dpa-Themendienst-Bezieher honorarfrei. Das Bild darf nur im Zusammenhang mit dem genannten Text verwendet werden.) +++ +++
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Wenn Betroffene sich erst nach längerer Zeit für eine Anzeige bei der Polizei entscheiden, kann es sein, dass sie keine Gewaltzeichen mehr am Körper, da die Wunden längst verheilt sind. "Die Dokumentation von Verletzungen kann also im Falle einer Anzeigenerstattung die Angaben eines Gewaltopfers untermauern und somit wesentlicher Bestandteil der Beweisführung in einem eventuellen Gerichtsverfahren werden", fährt Martine Schaul fort. 

Früh oder spät gegen Täter vorgehen

Die Kontaktaufnahme mit dem Dienst ist täglich rund um die Uhr möglich. In jedem der Fälle ist die Untersuchung, die entweder im LNS oder in einem Krankenhaus stattfindet, und die darauffolgende Archivierung der Beweismittel, kostenlos. Bei der Untersuchung werden alle sichtbaren Spuren körperlicher Gewalt dokumentiert und für maximal zehn Jahre anonymisiert und strikt getrennt von den persönlichen Daten des Opfers aufbewahrt.

Grundsätzlich wird jeder Nachweis von Gewalt mit der Kamera festgehalten. Die Sicherung von biologischen Spuren findet jedoch nicht immer statt. Die Gerichtsmediziner entscheiden von Fall zu Fall, ob es nötig ist, eine solche Analyse durchzuführen. Wenn ja, kann beispielsweise ein Abstrich gemacht werden, um die DNA des Täters zu identifizieren und diese dann abzusichern. Manchen Opfern werden auch Blut- oder Urinproben entnommen, falls der Verdacht auf K.O.-Tropfen oder andere toxikologische Substanzen im Körper besteht.

Mehr als 20 Prozent aller Frauen in Luxemburg sind bereits Opfer von Partnergewalt gewesen.
Mehr als 20 Prozent aller Frauen in Luxemburg sind bereits Opfer von Partnergewalt gewesen.
Foto: Shutterstock

Wichtig dabei ist: Die Mediziner stehen unter Schweigepflicht; nur die betroffene Person hat die alleinige Vollmacht über das dokumentierte Material und kann zu jeder Zeit dessen Vernichtung beantragen. „Insgesamt haben wir seit Juli vergangenen Jahres, seitdem der Dienst offiziell läuft, rund ein Dutzend Personen untersucht. Kontaktaufnahmen gab es allerdings weitaus mehr. Oft müssen wir diese Personen jedoch an Beratungsstellen oder andere Dienste weiterleiten, da wir bei Umedo keine medizinische Behandlung, juristische Beratung oder psychologische Betreuung anbieten“, erklärt Martine Schaul.

Auch können nur Opfer untersucht werden, bei denen noch sichtbare Zeichen einer Gewalttat am Körper erkennbar sind. „Wenn eine Tat bereits mehrere Wochen zurückliegt, gibt es meistens keine Merkmale mehr, die wir auf Fotos festhalten können. Es ist also entscheidend, dass man Wunden und blaue Stellen noch erkennt“, betont die Gerichtsmedizinerin.

Vielfältige Gründe für das Zögern

Die Gründe dafür, dass viele zwar zu Umedo, aber nicht zur Polizei gehen, sind vielfältig. Martine Schaul erklärt: „Betroffene wissen, dass das, was ihnen angetan wurde, nicht richtig war. Sie wissen, dass die Täter kein Recht darauf hatten, sie zu schlagen und sie wissen auch, dass sie sich eigentlich wehren sollten. Leider fehlt ihnen dazu oft der Mut.“


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Einige Opfer, meist Frauen, sind vom Täter, meist der Partner, finanziell oder emotional abhängig. Jüngste Studien ergaben, dass in Luxemburg rund 22 Prozent aller Frauen bereits Opfer von Partnergewalt gewesen sind. Grund für das Schweigen kann auch sein, dass Frauen wegen ihrer Kinder die Misshandlungen ertragen – „Sie wollen ihnen ersparen, den Vater in Handschellen oder vor Gericht zu sehen. Oder es besteht die Hoffnung, dass es sich um ein einmaliges Ereignis gehandelt hat und es sich nicht wiederholt.“

Rund ein Dutzend Betroffene haben bislang den Mut gefunden, sich von den Gerichtsmedizinern des Umedo-Dienstes untersuchen zu lassen. „Wir wissen, dass es eine gewisse Zeit dauert, bis alle in Luxemburg unser Angebot kennen und die Opfer dazu bereit sind, sich zumindest die Garantie zu verschaffen, später vor Gericht gegen den Täter mit Beweismitteln vorzugehen“, stellt Schaul fest, „wir können nur an alle Betroffenen appellieren, frühzeitig zu uns zu kommen.“



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