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Gewalt als Selbstverständlichkeit
Der Prozess ist auf fünf Wochen angesetzt.

Gewalt als Selbstverständlichkeit

Foto: Pierre Matgé
Der Prozess ist auf fünf Wochen angesetzt.
Lokales 5 Min. 04.06.2018

Gewalt als Selbstverständlichkeit

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Der Prozess um gewaltsame Auseinandersetzungen im Februar 2012 in Esch/Alzette gewährt tiefe Einblicke in das Selbstverständnis der Angeklagten. Er zeigt aber auch, dass die Konflikte längst nicht aus der Welt geschafft sind. Im Gegenteil. Sie sind brandaktuell.

Die zwei Gruppen von Jugendlichen, die sich am 11. Februar 2012 gewaltsame und teils bewaffnete Auseinandersetzungen lieferten, legten eine erschreckende Gewaltbereitschaft an den Tag. Der Prozess um die Taten aus jener Nacht offenbart darüber hinaus, wie selbstverständlich schwerste Gewalt bis hin zum versuchten Totschlag für diese Jugendlichen ist. Der Gerichtsprozess zeigt aber auch, dass der Konflikt noch immer aktuell ist. Denn die Nerven liegen offensichtlich erneut blank. Es gibt neue Drohungen und Auseinandersetzungen.

„Komm, fir mech ëmzebrénge“

Wie ernst es den Beteiligten dabei war und wohl heute noch ist, zeigen die Aussagen einer der Schlüsselfiguren aus einer der beiden Gruppen von Angeklagten vor der Kriminalkammer. „Si si komm fir mech ëmzebrénge, net fir mir Streech ze ginn“, führte der 27-jährige aus, der in jener Nacht bei zwei Gelegenheiten in der Rue du Brill jeweils zwei Mal mit einem Messer in den Rücken gestochen worden war. Zudem war er von mindestens einem Dutzend Angreifern mit einem Baseballschläger, mit Faustschlägen und Fußtritten traktiert worden.

Vor diesem Café in Esch/Alzette kam es in der Nacht zum 11. April 2011 zum ersten von drei Mordversuchen. Ein Mann war mit einer abgebrochenen Flasche in den Rücken gestochen worden.
Vor diesem Café in Esch/Alzette kam es in der Nacht zum 11. April 2011 zum ersten von drei Mordversuchen. Ein Mann war mit einer abgebrochenen Flasche in den Rücken gestochen worden.
Foto: Guy Wolff

Seine Kontrahenten hatten ausgesagt, dass er sie zuvor mit einer Machete angegriffen hätte, was er allerdings vehement bestreitet. „Dat ass eng erfonnte Geschicht“, betonte er. Allerdings könnten seine schweren Schnittwunden an der Hand, die er sich in jener Nacht zugezogen hatte, sehr wohl als Hinweis für die Stimmigkeit der Aussagen der anderen gewertet werden. Denn die Verletzungen könnten darauf hindeuten, dass er sich an der Machete festklammerte, als seine Gegner ihn überwältigten.

Die Messerstiche, die irgendwie niemanden im Prozess richtig zu schockieren scheinen, werden einem Angeklagten zugeordnet, der dem Prozess selbst jedoch fernbleibt – der Betroffene ist derzeit in der Schweiz inhaftiert.

Die Provokationen der Anderen

Warum das alles? „Kollegen vum S. krute Streech vum G. an si woussten eben, datt ech mat dem eremtrëllen“, so der 27-Jährige gegenüber den Richtern.

„Action – Reaction“, rechtfertigte ein anderer Angeklagter die sich seit Jahren weiter drehende Gewaltspirale. Der ebenfalls 27-jährige war wie viele andere übers Telefon zur Schlägerei einberufen worden und mit dem Wagen aus Bettemburg herbeigeeilt – nicht ohne ein Messer und einen 60 Zentimeter langen Knüppel aus Hochspannungskabel mitzubringen. Genau wie andere Angeklagte aus beiden Gruppen betonte er, ausschließlich die Gegenseite habe provoziert.


Am 11. Februar 2012 hatten sich Jugendliche über zwei Stunden lang am Bahnhof und im Brillviertel in Esch/Alzette mit Messern, Macheten und Knüppeln bekämpft.
Escher Verhältnisse
Wegen 14 schwerer Straftaten müssen sich seit vergangener Woche zwölf Angeklagte vor Gericht verantworten. Ein Kriminalermittler gab Einblick in das gewaltsame Ambiente zwischen einzelnen Jugendgruppen in Esch/Alzette.

Wie eine solche Provokation aussieht, hatte Mitte vergangener Woche ein 30-jähriger Beschuldigter ausgeführt. Dieser erzählte, dass ihm ein junger Mann nach einem Gruß nicht die Hand geben wollte. Dabei habe er diesem doch die Hand hingestreckt, um ihm zu zeigen, das er kein Problem mit ihm habe. Der verweigerte Händedruck sei ein Affront. „Alors il a ramassé“, führte er aus.

Schüsse aus dem Hinterhalt

Dieser Beschuldigte hatte außerdem verdeutlicht, dass auch er, der im Gegensatz zu seinen Gegnern nie zu Waffen greife, noch eine Rechnung aufstehen habe. Er war das Opfer in einem Gerichtsverfahren im Jahr 2013. Auf ihn war vor einer Diskothek in Foetz aus dem Hinterhalt geschossen worden. Er überlebte schwer verletzt. Eine Kugel hatte ihn an der Wirbelsäule getroffen.

Der damals angeklagte Täter war aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Es sei aber klar, dass die tatsächlichen Urheber auf der gegenüberliegenden Anklagebank sitzen würden, sagte er. Er selbst hatte zuvor bei einer Auseinandersetzung an der Kontrollstation in Esch/Alzette seine Kontrahenten mit einer Waffe bedroht. Später zeigte sich, dass diese nicht schussfähig war.

Die Auseinandersetzungen, die nun vor Gericht verhandelt werden, liegen inzwischen sechs Jahre zurück. Wie brandaktuell der Konflikt allerdings ist, zeigen die Aussagen jenes 27-Jährigen mit der Machete, der in der Februarnacht 2012 von einer zahlenmäßig deutlich überlegenen Gruppe in der Rue du Brill angegriffen worden war, und der schließlich nach vier Messerstichen in den Rücken notoperiert werden musste.

Morddrohungen vor dem Gericht

„Erst in der vergangenen Woche haben sie mir hier vor dem Gerichtsaal mit dem Tod gedroht“, erklärte er. „Sie sagten ich hätte nun genug geheult, wenn sie mich zu fassen kriegen, würden sie mich töten“, erklärte er der vorsitzenden Richterin.


Die Auseinandersetzungen begannen vor einer Gaststätte in der Avenue de la Gare.
Cluedo-Spiele im Gerichtssaal
Mit einer Unmenge von Puzzleteilen muss sich seit Mittwoch die Kriminalkammer auseinandersetzen: Zwölf junge Männer sind wegen mehrstündigen und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen zwei Escher Jugendgruppen im Februar 2012 angeklagt.

Tatsächlich war in den vergangenen Tagen mehrfach zu sehen, wie junge Männer nach dem Verhandlungsende deutlich sichtbar mit ihren Autos vor der Zufahrt zum Gerichtsgebäude, Präsenz zeigten.

Auch in Esch scheint es so, als könne es erneut zu Spannungen kommen. Im Prozess hatte ein Kriminalermittler angedeutet, dass es nach einer längeren Zeit der Ruhe am vorigen Wochenende wieder besorgniserregende Vorfälle gegeben habe. Auf Nachfrage bestätigte die Pressestelle der Polizei, dass es einen Fall gab, der in diesem Zusammenhang stehen könnte.

Ungeklärter Vorfall in Esch

Dem Vernehmen nach war am Freitag vor einer Woche eine Frau scheinbar ohne Grund von einem Mann auf offener Straße geschlagen worden. Zeugen konnten den Urheber der Schläge bis zum Eintreffen der Polizei festhalten.

Einen Tag später fiel der Mann erneut auf. Der Polizei war an dem Tag eine größere Schlägerei gemeldet worden, bei der auch ein Messer vorgezeigt worden sei. Beim Eintreffen der Polizeibeamten hatten jedoch alle Beteiligten die Flucht ergriffen. Nur einer von ihnen konnte in unmittelbarer Nähe angetroffen werden – der Mann vom Vortag.

Der Prozess vor der Kriminalkammer wird am Montag mit der Anhörung von weiteren Angeklagten fortgesetzt. Im Anschluss werden deren Verteidiger das Wort ergreifen.



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