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Gericht: Paar wegen Menschenhandels angeklagt
Lokales 2 Min. 09.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Gericht: Paar wegen Menschenhandels angeklagt

Die Richter fällen ihr Urteil am 4. Februar.

Gericht: Paar wegen Menschenhandels angeklagt

Die Richter fällen ihr Urteil am 4. Februar.
Foto: Lex Kleren
Lokales 2 Min. 09.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Gericht: Paar wegen Menschenhandels angeklagt

Maximilian RICHARD
Maximilian RICHARD
Das Mädchen will eine gute Schulausbildung, zieht dafür von Guinea-Bissau zu ihrer Tante nach Luxemburg. Dort kommt es anders als erwartet.

In Guinea-Bissau träumt die 13-Jährige von einer besseren Zukunft. Als ihre Eltern Mariam F.* im Jahr 2013 erstmals vorschlagen, sie könne in Luxemburg bei ihrer Tante leben, dort die Schule besuchen, willigt sie ein. Die Ausreise erweist sich aber als kompliziert, ein erster Antrag scheitert.

Ihr Vater lässt falsche Papiere für sein Kind erstellen, in denen seine Schwester als Mutter aufgeführt wird, um eine Familienzusammenführung in Luxemburg vorzutäuschen. Die Behörden akzeptieren den Antrag, im Dezember 2015 verabschiedet sich Mariam F. von ihren Freunden und ihrer Familie. Für das Mädchen beginnt eine weite Reise, im Großherzogtum kommt es aber anders als erwartet ...

Menschenhandel – so lautet die Anklage gegen die Tante und ihren Lebenspartner. Ivete F. und Alberto G. sollen nicht an der Bildung der Jugendlichen interessiert gewesen sein, sondern sie lediglich als billige Haushaltshilfe ausgenutzt haben. Nun müssen sie sich vor dem Bezirksgericht Luxemburg verantworten.

Nach ihrer Ankunft wohnt Mariam F. gemeinsam mit dem Paar, dessen zwei kleinen Kindern und einer älteren Tochter von Alberto G. in einem Haus in Rümelingen. Ivete F. meldet die Jugendliche zwar in einer Schule an, ab März 2016 besucht sie eine Classe d’accueil. Ihr Alltag gleicht dem anderer Jugendlicher dennoch nicht.

Mariam F. – so erzählt sie es vor Gericht – muss früh aufstehen, die kleinen Kinder waschen, anziehen, das Frühstück machen und sie dann in die Maison relais bringen. Erst dann nimmt sie den Bus zur Schule.


In der Vergangenheit kannte man Fälle von Menschenhandel überwiegend aus dem Prostitutionsmilieu. Inzwischen häufen sich Fälle von Ausbeutung in der normalen Arbeitswelt, vor allem im Bausektor, im Gaststättengewerbe und in Privathaushalten.
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Am Nachmittag schläft die Jugendliche oft auf dem Heimweg im Bus ein. „Ich hatte sonst keine Zeit dafür“, sagt sie vor Gericht. Denn in Rümelingen erwarte sie die Hausarbeit. Tag für Tag muss sie die gesamte Wohnung reinigen, sogar die Bettpfanne im Zimmer von Ivete F. und Alberto G. muss sie leeren und säubern. Erst spät am Abend, nachdem sie den Abwasch gemacht hat, hat sie Zeit für die Schularbeit.

Trotz des hohen Arbeitspensums erhält sie dennoch zunächst gute Noten, doch nach der Rentrée 2016 wird ihr alles zu viel. Nach einem Streit mit dem Paar wird Mariam F. zu Hause zunehmend unter Druck gesetzt. Sie schläft immer wieder im Unterricht ein, kommt zu spät zur Schule. Im Oktober vertraut sie sich schließlich einer Lehrerin an und kommt in ein Heim.

Widersprüchliche Aussagen

Die Zieheltern des Mädchens erzählen vor Gericht eine andere Geschichte. Sie hätten Mariam F. stets unterstützt, sie habe lediglich im Haushalt eine Hand mit angepackt. Bei ihrer Aussage verstrickt sich Ivete F. allerdings immer wieder in Widersprüche – kann zum Beispiel nicht überzeugend erklären, wie die kleinen Kinder zur Schule gebracht wurden. Sie selbst hatte nämlich dafür aufgrund ihrer Arbeit keine Zeit.


Gericht - Prozesser - Photo : Pierre Matgé
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Für den Vertreter der Staatsanwaltschaft ist die Schuld der beiden Angeklagten erwiesen. Ivete F. sei zwar die treibende Kraft bei der Ausnutzung des Mädchens gewesen, Alberto G. habe sich allerdings auch schuldig gemacht. Sie hätten das Mädchen psychologisch misshandelt, seine Jugend zerstört. Ivete F. habe zudem wissentlich gefälschte Ausweisdokumente bei den Behörden vorgelegt, um die Einreise der damals Minderjährigen zu organisieren. Die Anklage fordert für die beiden Angeklagten eine Haftstrafe von drei Jahren und eine angemessene Geldstrafe.

Mariam F. forderte indes ein Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro. Das Urteil ergeht am 4. Februar.


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