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Geologe zum Erdrutsch: "Nun muss oben massiv abgebaut werden"
Lokales 4 Min. 21.03.2014 Aus unserem online-Archiv

Geologe zum Erdrutsch: "Nun muss oben massiv abgebaut werden"

Die Aufräumarbeiten nach dem Erdrutsch kündigen sich kompliziert an. Denn die abgerutschten Massen halten und stabilisieren nun die Erdmassen, die oberhalb liegen.

Geologe zum Erdrutsch: "Nun muss oben massiv abgebaut werden"

Die Aufräumarbeiten nach dem Erdrutsch kündigen sich kompliziert an. Denn die abgerutschten Massen halten und stabilisieren nun die Erdmassen, die oberhalb liegen.
Foto: Francis Verquin
Lokales 4 Min. 21.03.2014 Aus unserem online-Archiv

Geologe zum Erdrutsch: "Nun muss oben massiv abgebaut werden"

Eine knappe Woche nach dem Erdrutsch an der Monnericher Bauschuttdeponie bleibt das Einsturz-Thema in aller Munde. Der Geologe Jean-Frank Wagner erklärt im Gespräch mit wort.lu, was nun getan werden muss.

(na) - Auch eine knappe Woche nach dem Erdrutsch an der Monnericher Bauschuttdeponie bleibt das Einsturz-Thema in aller Munde. Während mehr oder weniger plausible  Verschüttungstheorien erzählt werden, erklärt Jean-Frank Wagner – seit nun 20 Jahren Professor an der Uni Trier und verantwortlich für den Lehrstuhl Geologie – im Gespräch mit Wort.lu, welche Faktoren beachtet werden müssen, bei der Errichtung eines künstlichen Hügels.

„Beim Errichten einer Böschung muss auf zwei Dinge besonders geachtet werden: die treibenden Kräfte (alles was den Hang nach unten bewegt) und die haltenden Kräfte“, erklärt Professor Jean-Frank Wagner.

Das Ergebnis beider Kräfte resultiert in der Böschungsneigung.Um einen stabilen Schuttkörper zu erhalten, müssen die haltenden Kräfte größer sein als die treibenden. Die treibenden Kräfte setzen sich im Wesentlichen aus dem Gewicht der Schuttmassen und dem darin enthaltenen Wasser zusammen.

Auf die Materie kommt es an

Die haltenden Kräfte lassen sich berechnen aus der Formel: „Kohäsion + Normalspannung x inneren Reibungswinkel“. Der Kohäsionsfaktor und der Reibungswinkel hängen jeweils vom verwendeten Material ab und bestimmen die Bruchscherfestigkeit, also den Wert oberhalb dessen es zum Bruch bzw. Abrutschen des Materials kommt. Dieser Wert wird für unterschiedliche Materialien jeweils einzeln in Laborversuchen bestimmt.

Was die Berechnungen bei einer Bauschuttdeponie sicherlich nicht vereinfacht, da hier bekanntlich Boden und Bauschutt aus verschiedenen Gegenden angeliefert und gelagert wurden. In der Natur, bei natürlichen Böschungen, ist das Verhältnis der oben angeführten Kräfte immer im Gleichgewicht, sprich „1“.

„Wenn Sie Sand auf den Boden schütten, wird der Winkel des Sandhaufens sich automatisch so gestalten, dass der Haufen stabil ist“, verdeutlicht Jean-Frank Wagner. Bei einem künstlichen Hang, oder im Falle einer Bauschuttdeponie, muss aus Sicherheitsgründen (so sieht es zumindest die Gesetzgebung in Deutschland vor) der Hang einen Sicherheitsfaktor mindestens „1,4“ aufweisen.

Bei labiler Situation kann „jeder Tropfen zu viel sein“

Ist der Sicherheitsfaktor unter „1“, spricht man von einem „labilen“ Zustand (im Gegenteil zu stabil). Dann könne „jeder Tropfen zu viel sein“. In Extremfällen, könne dann sogar die Vibration eines Lastwagens einen Erdrutsch auslösen. Im Klartext, ist der Winkel zu steil, oder wurde zu viel Gewicht auf den Berg geladen, droht ein Erdrutsch, bis dass das Verhältnis von haltenden Kräften zu treibenden Kräften wieder „1“ ergibt.

Im Falle einer Bauschuttdeponie müsste eigentlich stets registriert werden, wo welches Material abgelagert wurde, erklärt der Professor weiter. Dies weil die Scherfestigkeit eben auch vom Material abhängt. So können z. B. Schlacken mit einem steileren Böschungswinkel abgelagert werden als ein Lehmboden.

Um die Deponie abzusichern, kann man sich demnach nicht mit einem Durchschnittswert für die Scherfestigkeit begnügen, sondern diese müsste eigentlich an den verschiedenen Stellen jeweils neu berechnet werden. Und der Böschungswinkel des Hanges entsprechend angeglichen werden.

Der Faktor Wasser

Auch spielt der Faktor Wasser eine entscheidende Rolle. Dies einerseits weil das gelagerte Material durch einsickerndes Regenwasser an Gewicht gewinnt und demnach die treibenden Kräfte erhöht. Andererseits wird durch einen Anstieg des Wassergehaltes die Scherfestigkeit erniedrigt.

Bei einer Bauschuttdeponie kann sich Wasser im Berg an unterschiedlichen Stellen sammeln, da hier verschiedene Materialtypen abgeladen wurden. So dass mancherorts, abhängig vom abgeladenen Material, wasserdurchlässige Schichten auf wasserundurchlässigen Schichten lagern. An diesen Stellen kann sich dann Grundwasser im Hügel ansammeln. Dies kann auch zwischen dem eigentlichen Hügel und dem lehmhaltigen Untergrund der Fall sein. Und trägt in beiden Fällen nicht zur Stabilität der Deponie bei.

Umfangreiche Studien nötig

Da es während des Winters viel geregnet hat, sei dieser Faktor im Falle der Monnericher Bauschuttdeponie keineswegs zu vernachlässigen. „Es müssen aber umfangreiche Studien mit Bohrungen getätigt werden, um dies eventuell bestätigen zu können“, erklärt Professor Wagner.

Auch unterstreicht er, dass die Aufräumarbeiten wohl eine längere Zeit in Anspruch nehmen dürften. Der Boden, der auf die Straße zwischen Esch und Monnerich gefallen ist, könne nicht einfach so weggeräumt werden. Denn diese Massen halten und stabilisieren die Erdmassen die oberhalb liegen. „Erst muss so lange oben abgebaut werden, bis das natürliche Gleichgewicht wieder erreicht ist“.

Komplizierte Aufräumarbeiten

Sprich, bis dass der Winkel des Hanges einen stabilen Zustand oberhalb der Erdaufschüttung erreicht hat. Erst dann könne die Straße geräumt werden. Auch sei denkbar, unten eine Stützmauer zu bauen, welche die haltenden Kräfte erhöhen würde. Eine weitere Maßnahme könnten Drainagemaßnahmen darstellen. Dies um die eventuell vorhandenen Wassermassen kontrolliert ablaufen zu lassen. Für welche Lösungen die zuständigen Ingenieurbüros sich auch immer entscheiden, eines scheint sicher. Die Straße zwischen Esch und Monnerich wird über einen längeren Zeitraum unzugänglich bleiben.


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