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Gedenkfeier in Hinzert: Erinnerung an das Unfassbare
Der diesjährigen Gedenkfeier wohnte auch der deutsche Botschafter Heinrich Kreft (2. v. l.) bei.

Gedenkfeier in Hinzert: Erinnerung an das Unfassbare

Foto: Raymond Schmit
Der diesjährigen Gedenkfeier wohnte auch der deutsche Botschafter Heinrich Kreft (2. v. l.) bei.
Lokales 4 Min. 18.09.2017

Gedenkfeier in Hinzert: Erinnerung an das Unfassbare

Gilles SIEBENALER
Gilles SIEBENALER
Am Wochenende wurde im ehemaligen SS-Sonderlager in Hinzert der Opfer gedacht. Im Mittelpunkt stand das Gedenken an jene Luxemburger, die vor 75 Jahren nach dem Generalstreik vom 31. August 1942 ermordet wurden.

Von Raymond Schmit

Nichts deutet heute mehr darauf hin, dass bei Hinzert vor über 70 Jahre Menschen gequält, gedemütigt und ermordet wurden. Dennoch gingen viele in der Nähe des kleinen Ortes im Hunsrück während des Nazi-Regimes durch die Hölle. Unter ihnen waren auch zahlreiche Luxemburger.

Einmal im Jahr kehren die Nachkommen der ehemaligen Insassen des SS-Sonderlagers Hinzert an den Ort des Grauens zurück, um sich an das Unfassbare zu erinnern. An jedem dritten Wochenende im September wird die Gedenkfeier  von der „Amicale Hinzert“ und dem „Comité pour la mémoire de la Deuxième Guerre mondiale“ organisiert, die bei der diesjährigen Gedenkfeier vertreten war durch ihren Präsidenten Albert Hansen und ihren Vizepräsidenten Joseph Lorent.

Die Erinnerungsfeier stand diesmal im Zeichen des Gedenkens an die Luxemburger, die vor 75 Jahren nach dem Generalstreik vom 31. August 1942 im Zuge der Proklamierung der Wehrpflicht für die jungen Luxemburger der Jahrgänge 1920 bis 1924 durch Gauleiter Gustav Simon in der Nähe von Hinzert ermordet wurden.

Als abschreckende Maßnahme wurden zwischen dem 2. und dem 10. September 1942 20 Leute, die an den Streikaktionen beteiligt waren, in kleinen Gruppen in einem Steinbruch erschossen und im Wald verscharrt.

Unmenschliche Bedingungen

Hinzert war in den Augen der Nazis „nur ein kleines KZ“. Allerdings will das nicht heißen, dass die Bedingungen für die Häftlinge menschlicher gewesen wären als in anderen Lagern. Qualen und Demütigungen gehörten zum Tagesprogramm. Zudem mussten alle Arbeiten im Laufschritt verrichtet werden. Lichtblicke waren selten, wie der Förster, der den Zwangsarbeitern heimlich einen Eintopf kochte, oder der örtliche Pfarrer, der den Arbeiterkolonnen den Segen und damit etwas Trost spendete.

Das SS-Sonderlager Hinzert bestand von 1939 bis 1945. Ursprünglich wurde es als Polizeihaftlager gebaut und diente dann als „Arbeitserziehungslager“, um Regimegegner, die als Arbeiter beim Bau des Westwalls eingesetzt waren, gefügig zu machen. Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte es sich zu einem Konzentrationslager, in das viele Menschen aus den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten verschleppt wurden.

1940 wurde das KZ der SS unterstellt. In dem Lager waren zeitweilig bis zu 1000 Menschen zusammengepfercht, die von bis zu 200 SS-Leuten bewacht und gequält wurden. Jüngsten Erkenntnissen zufolge erlebten in den Kriegsjahren zwischen 11.500 und 13.500 Menschen die Hölle von Hinzert.

321 namentlich bekannte Männer wurden ermordet oder starben an den Folgen der unmenschlichen Behandlung. Genaues Zahlenmaterial gibt es nicht, weil ein Großteil der Unterlagen vernichtet wurde.

83 Luxemburger kehrten nie mehr heim

Im SS-Sonderlager waren verhältnismäßig viele Luxemburger. 1.600 Patrioten und Widerstandskämpfer aus dem Großherzogtum sollen laut neuesten Erkenntnissen die Hölle von Hinzert erlebt haben. Andere Quellen sprechen von 1.900. Für viele war es nur die erste Station auf einem langen Leidensweg, denn sie wurden später in größere Lager wie Dachau, Buchenwald oder Natzweiler-Struthof verschleppt. Das gleiche Schicksal erlebten französische, belgische und niederländische Häftlinge.

83 Luxemburger überlebten die Qualen von Hinzert nicht. 20 Menschen wurden nach dem Generalstreik von 1942 ermordet. Am 25. Februar 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden 23 luxemburgische Widerstandskämpfer und Patrioten in einem Wald hingerichtet. 40 weitere starben an Unterernährung, Krankheiten oder an den Folgen von Misshandlungen. Sofern sie noch identifiziert werden konnten, wurden die Leichen der Luxemburger nach dem Krieg in die Heimat überführt.

Wegen des Vorrückens der amerikanischen Streitkräfte wurde das Lager am 3. März 1945 geräumt. Die meisten der Häftlinge wurden auf einem Gewaltmarsch in Richtung KZ Buchenwald getrieben und auf dem Weg dorthin in Oberhessen befreit. Mitte März wurden die letzten noch im Lager verbliebenen Menschen von der US-Armee von ihren Qualen erlöst.

Lagerleiter Paul Sporrenberg, ein überzeugter Nationalsozialist, konnte nach der Befreiung untertauchen. Erst 1959 wurde er in Mönchengladbach gestellt. Die Staatsanwaltschaft Trier erhob Anklage gegen ihn wegen Misshandlungen und Schädigung der Gesundheit, die zum Tod von mindestens 60 Menschen führten.

Vorgeworfen wurde ihm auch die Hinrichtung von 23 luxemburgischen Häftlingen am 25. Februar 1945, ohne dass ein gerichtliches Urteil vorlag. Zu einer Verhandlung kam es nie, weil Sporrenberg noch vor der Eröffnung des Verfahrens starb.

217 Kreuze - ohne Namen

Fast nichts mehr erinnert heute noch an das Konzentrationslager. Auf dem Gelände steht die Sühnekapelle, die 1948 gebaut und mit Spenden finanziert wurde. 1986 wurde auf dem Standort ein Denkmal des luxemburgischen Künstlers Lucien Wercollier, der die Schrecken von Hinzert am eigenen Leib erlebte, errichtet.

Von ihm stammt auch eine handgeschnitzte Muttergottesstatue, die in der Kapelle aufgestellt wurde. Gleich neben der Kapelle stehen 217 namenlose Kreuze. Dort haben die Toten, die nicht mehr identifiziert werden konnten, ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Die diesjährige Gedenkfeier, der auch der deutsche Botschafter Dr. Heinrich Kreft beiwohnte, begann mit einem Gottesdienst, der im Dokumentationszentrum von Abbé Patrick Müller zelebriert wurde. Gesanglich gestaltet wurde die Messe vom Männerchor Atertdaul unter der Leitung von Adriana Mitu. Nach dem Gottesdienst fand eine internationale Gedenkfeier statt.


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