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Für die Kirche, für Europa
Lokales 6 Min. 17.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Für die Kirche, für Europa

Für die Kirche, für Europa

Foto: Caroline Martin
Lokales 6 Min. 17.03.2018 Aus unserem online-Archiv

Für die Kirche, für Europa

Anne CHEVALIER
Anne CHEVALIER
Erzbischof Jean-Claude Hollerich ist neu gewählter Präsident der Kommission der EU-Bischofskonferenzen (Comece). Im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“ äußert er sich zu seinen neuen Aufgaben, zur Rolle der Jugend, zu Europa und insbesondere Nordirland.

Herr Erzbischof, glauben Sie, dass Ihnen die Auslandserfahrung, die Sie durch Ihre Zeit in Japan gewonnen haben, auch in einem europäischen Rahmen als Vorsitzender der Comece zugutekommen kann?

Ich glaube ja, man sieht manchmal die Sachen anders, mit einer größeren Distanz. Und dieser Perspektivwechsel ist durchaus gut und kann ein tieferes Verständnis für Europa-Abkommen bewirken. Ich hatte ja auch eine Lehrtätigkeit an der Sofia-Universität, dazu gehörten die Fachgebiete Europäische Union, die Institutionen, die Politik. Und viele Japaner haben, ja fast mit Neid, auf die EU geschaut, als etwas Wünschenswertes, das Stabilität und Wohlstand bringt und das für eine Sicherung des Friedens steht.

In Europa sind sich ja derzeit die Länder uneinig über die Flüchtlingspolitik; das gilt auch für manche Bischofskonferenzen ...

Ja, das stimmt, das Problem ist für mich aber viel geringer als für die Politiker. Wir müssen auch da akzeptieren, dass es verschiedene Standpunkte gibt, und wir müssen einander zuhören, uns mit dem Standpunkt des anderen befassen. Wenn man von Westeuropa aus andauernd Zentral- und Osteuropa belehrt, dann nimmt man den Leuten die Lust, die Freude an der Europäischen Union. Und das wäre fatal.

Sie haben ja auch schon betont, im Team arbeiten zu wollen ...

Ja, das ist so. Wir haben im Präsidium einen Präsidenten und vier Vizepräsidenten, sodass man zusammenarbeiten und Meinungen austauschen wird. Die Menschen kommen aus großen Ländern, aus kleinen Ländern der EU, es gibt verschiedene Kompetenzen, verschiedene Lebenserfahrungen. Einfach als Präsident vorzupreschen und nicht die Stimmen dieser Vizepräsidenten zu berücksichtigen, das würde die Wirkung einschränken.

Kann da die jesuitische Unterscheidung eine Rolle spielen, von der der Papst spricht, und die so oft missverstanden wird?

Sie ist sehr wichtig. Papst Franziskus meint damit, dass der Verstand und die Emotionen berücksichtigt werden müssen, um richtige Entscheidungen zu treffen, hinter denen man nachher auch stehen kann. Aber für mich ist es ganz klar, dass ich als Bischof der katholischen Kirche die Linie des Papstes vertrete, die unserer Kirche ungeheuer gut tut – insbesondere in der Flüchtlingsfrage, im Dialog, in der Freude am Evangelium. Es ist wichtig, offen zu sein und Mut in der Gesellschaft zu zeigen, nicht in der Schmollecke zu verharren. Dieser Papst aus Argentinien tut der Kirche in Europa gut.

Erzbischof Hollerich appelliert auch an die junge Generation, sich immer wieder neu einzusetzen, sich in die Politik einzumischen.
Erzbischof Hollerich appelliert auch an die junge Generation, sich immer wieder neu einzusetzen, sich in die Politik einzumischen.
Foto: Caroline Martin

Was ist für Sie die Hauptrolle der COMECE?

Was wir brauchen, ist der Dialog mit der EU, mit den Institutionen und den Leuten, die dort gewählt sind, direkt oder indirekt. Und wir müssen klarmachen, dass für uns die einzelne Person immer wichtiger ist und im Mittelpunkt steht. Die Reden des Papstes zu Europa sind da sehr hilfreich. Neben der Comece gibt es die Nuntiatur des Heiligen Stuhles, die nur für die EU zuständig ist. Wir selbst arbeiten nicht für den Heiligen Stuhl, sondern für die Bischofskonferenzen, aber es ist ganz klar, dass auch dort zusammengearbeitet wird.

Sie sind ja auch Präsident der Jugendkommission, des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen und Präsident der europäischen Justitia-et-Pax-Kommissionen ...

Die Justitia-et-Pax-Präsidentschaft werde ich wohl im September aufgeben, weil ich sonst riskiere, zu wenig in Luxemburg zu sein, da die verschiedenen Aufgaben mich zu sehr in Anspruch nehmen. Ich bin, wie gesagt, Präsident der Jugendkommission des Rates der Präsidenten der Bischofskonferenzen aus ganz Europa (CCEE), beispielsweise auch aus Russland. Der Rat hat eher pastorale Aufgaben, während die spezifische Aufgabe der Comece aus der Soziallehre der Kirche herrührt. Ich bin sicher, dass wir die Beziehungen zwischen CCEE und Comece vertiefen werden und schauen, wo wir enger zusammenarbeiten können, damit die Bischöfe in Europa wirklich eine Stimme haben. Das ist ein neuer Ansatz.

Bei den Brexitverhandlungen steht die Irlandfrage immer mehr im Mittelpunkt, vor allem das Karfreitagsabkommen. Ist dieses gefährdet?

Das Ganze ist eine Katastrophe. Und das muss auch so gesagt werden. Ich hatte kürzlich ein Treffen in Belfast mit den Sekretären und Generalsekretären der verschiedenen Kommissionen von Justitia et Pax und war wirklich bestürzt. Wenn man die Nachrichten sozusagen mal nicht verfolgt, dann vergisst man ein Problem, und man glaubt nachher fast, das Problem würde nicht mehr bestehen. Aber wenn man Nordirland besucht, wenn man die Graffiti an den Häusern sieht, wenn man die Mauer sieht, wenn man die Hassparolen liest, dann merkt man, das ist ein Konflikt, der in jedem Moment wieder aufflammen kann.

Und was ist die Rolle der Kirchen?

Es ist kein Konflikt zwischen den Kirchen, wie es oft dargestellt wird, weil alle Kirchen, sowohl die Presbyterianer, die Anglikaner als auch die Katholiken, eine irische Kircheneinheit haben – das heißt, sie sind auf gesamtirischer Ebene organisiert und das ist schon eine ganze Weile so. Wir hatten auch ein Treffen mit presbyterianischen Geistlichen, die sich wirklich mit ihren katholischen Kollegen engagiert haben, was die Versöhnung anbelangt. Man hat es dort mit einer Geschichte des Leides, der Ausgrenzung zu tun, die Jahrhunderte alt ist.

Es gab auch immer wieder Lichtblicke: Während der Französischen Revolution hatten sich Presbyterianer und Katholiken zusammengetan, um für republikanische und demokratische Werte einzustehen. Aber man kann auch die Geschichte des Hasses nicht einfach ausblenden. Und ich glaube, hier sieht man, was rein nationale Politik für Unheil anrichten kann. Ich bin froh, dass wir in der Comece Bischof Noel Treanor haben. In seiner Diözese liegt Belfast, und er ist ganz besonders von der ganzen Problematik betroffen. Außerdem vertritt er die irische Bischofskonferenz, das heißt, die Republik Irland plus Nordirland.

Als Comece werden wir die Situation in Nordirland im Blick behalten. Aber ich möchte auch dafür eintreten, dass die Brexitverhandlungen so geführt werden können, dass nicht neue Konflikte entstehen, dass das in Frieden verläuft und europäisches Recht gewahrt bleibt. Die Bürger des Vereinigten Königreichs dürfen nachher nicht den Eindruck haben, Gott sei Dank haben wir diese EU verlassen.

Wenn man Nordirland besucht, dann merkt man, das ist ein Konflikt, der in jedem Moment wieder aufflammen kann."

Wir brauchen die EU für den Frieden, das müssen wir immer wieder betonen, weil wir so daran gewöhnt ist, dass Frieden in Europa herrscht – ich meine in unseren Regionen, ich spreche nicht von der Ukraine, den Staaten im früheren Jugoslawien, diese haben ja eine ganz andere Erfahrung. Wir haben uns so an den Frieden gewöhnt, dass wir glauben, er würde ewig dauern. Genauso glauben wir, der Wohlstand würde ewig dauern. Aber das stimmt nicht, wir müssen uns immer neu dafür einsetzen.

Ein Appell gegen Politikverdrossenheit und an die jungen Leute?

Ja, vor allem an die junge Generation, sich immer wieder neu einzusetzen, sich in die Politik einzumischen. Ich mag die Jugend, diese jungen Menschen werden nach uns in unserem Land und in Europa leben, und ich möchte, dass sie eine gute, eine sichere Zukunft haben. Ich finde es zum Beispiel auch wunderbar, dass sich die Jugendlichen in den Vereinigten Staaten gegen Waffen einsetzen. Ich bewundere diese jungen Menschen, ich wünsche ihnen alles Gute, und habe schon viel für sie gebetet.

Zur Webseite der EU-Bischofskonferenzen (Comece)


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