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Frust in den Reihen der Polizei: „Bloß keinen Fehler machen“
Im alltäglichen Einsatz fühlen sich viele Polizisten immer wieder allein gelassen

Frust in den Reihen der Polizei: „Bloß keinen Fehler machen“

Symbolfoto: Steve Remesch
Im alltäglichen Einsatz fühlen sich viele Polizisten immer wieder allein gelassen
Lokales 5 Min. 11.12.2014

Frust in den Reihen der Polizei: „Bloß keinen Fehler machen“

Erfolgserlebnisse gehören nicht immer zum Alltag eines Polizisten. Sie sind sogar mitunter recht selten. Allerdings tragen sie entscheidend zur Motivation der Beamten im Einsatz bei. Wenn sie dann einen Tatverdächtigen festnehmen und dieser ihnen bereits kurze Zeit später wieder als freier Mann über den Weg läuft, ist die Frustration dementsprechend hoch.

(str) - Erfolgserlebnisse gehören nicht immer zum Alltag eines Polizisten. Sie sind sogar mitunter recht selten. Allerdings tragen sie entscheidend zur Motivation der Beamten im Einsatz bei. Wenn sie dann einen Tatverdächtigen festnehmen und dieser ihnen bereits kurze Zeit später wieder als freier Mann über den Weg läuft, ist die Frustration dementsprechend hoch – vor allem dann, wenn die Polizisten überzeugt sind, alles richtig gemacht zu haben.

„Stellen Sie sich vor, Sie schreiben einen Enthüllungsartikel über einen Politiker, der ein krummes Ding dreht“, illustriert Eric*. „Sie investieren viel Arbeitskraft und Freizeit in diesen Artikel. Ihre Gedanken drehen sich wochenlang nur um die Story. Dann sind Sie irgendwann damit fertig und gehen zu Ihrem Chefredakteur. Der gibt Ihnen dann zu verstehen, dass der Artikel nicht veröffentlicht wird. Wenn Sie dann nach dem Grund fragen und der Chef sagt Ihnen einfach nur ,deswegen!‘, dann wissen Sie, wie sich ein Polizist fühlt, wenn ein Verdächtiger laufen gelassen wird, von dem Sie wissen, dass er der Täter ist“.

Eric* trifft es auf den Punkt: Polizisten tun sich sehr schwer damit, dass sie nur selten im Detail über den Fortgang des Strafverfahrens gegen einen Tatverdächtigen informiert werden. Für Polizisten in Uniform ist die Angelegenheit zumeist nach ihrem Bericht an die Staatsanwaltschaft abgeschlossen; es sei denn, sie müssen noch als Zeugen vor Gericht aussagen.

Aber auch Kriminalpolizisten werden schon mal von den Entscheidungen der Strafverfolgungsbehörden eiskalt erwischt. Eine sehr bittere Pille mussten beispielsweise die Ermittler im Fall des brutalen Überfalls auf die G4S-Zentrale in Gasperich kürzlich schlucken, bei dem gleich zweimal versucht wurde, Polizeibeamte zu töten. Ihr Hauptverdächtiger, ein Mann aus Belgien, dessen DNS am Deckel eines beim Überfall benutzten Benzinkanisters gesichert worden war, wurde von einer Ratskammer aus der Untersuchungshaft entlassen.

Der DNS-Fund konnte nicht zweifelsfrei beweisen, dass der Verdächtige tatsächlich am Überfall beteiligt war. Inzwischen wurde auch ein zweiter Tatverdächtiger im G4S-Fall auf freien Fuß gesetzt. Zwei weitere befinden sich derzeit noch in U-Haft. Ein letzter Funken Hoffnung für die Ermittler.

„Das Nest muss das Ziel sein“

„Wenn Sie Ameisen im Garten haben, dann verstreuen sie ein Ameisenpulver“, erklärt Mike*, ein erfahrener Polizist aus dem Osten des Landes. Das sei es, was die Polizei in Luxemburg tue. „Das Resultat ist, dass sich die Ameisen wenige Meter weiter einrichten. Jede Ameise allein zu bekämpfen macht auch keinen Sinn. Es sind einfach zu viele. Das Nest muss das Ziel sein und dabei müssen Staatsanwaltschaft und Polizei an einem Strang ziehen und das nicht nur auf nationaler Ebene“, betont Mike*.

Dass den Polizeibeamten die Hände oftmals auch aufgrund einer ineffizienten Gesetzeslage gebunden sind, ist vor allem Opfern schwer zu vermitteln. Wer bei einem Einbruchs- oder Diebstahlsversuch erwischt wird, ist schwer zu belangen – die Absicht alleine gibt der Justiz kaum Handhabe für eine Strafverfolgung.

Aggressive Bettler abzuschrecken, ohne ihnen einen Platzverweis erteilen zu können, ist ebenfalls mehr als schwierig. Oft kennen die Täter, vom Kleinkriminellen bis zum Schwerverbrecher, die Gesetzeslage bis ins Detail und können die Polizei allzu gut an der Nase herumführen.

"Ein sehr ernstes Problem"

„Luxemburg hat ein sehr ernstes Problem mit Einbruchskriminalität, das ist hinreichend bekannt“, erklärt Kriminalpolizist Tom*. „Wir zerbrechen uns den Kopf über das Wieso, aber wir kommen auf keinen Nenner – auch wenn wir so einige Ideen haben“. Tom* ist schon lange Jahre bei der Polizei und hat schon viele Dienststellen gesehen. „Aber so schlimm wie heute war die Situation noch nie“, betont er. „Wir haben vielseitige und gute Erkenntnisse, aber es fehlt einfach die Manpower“. Eine politische Diskussion, auf die Tom* sich jedoch nicht weiter einlassen will.

Im Gegensatz zu anderen Polizisten bezeichnet er die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden als derzeit sehr gut. „Die Staatsanwaltschaft und das Untersuchungsamt spielen auf ganzer Linie mit, so weit es der ,Code pénal‘ oder der ,Code d'instrcution criminelle‘ hergeben“, unterstreicht Tom*. „Und wenn es eine Handhabe gegen mutmaßliche Täter gibt, dann gehen sie ran. Wenn diese Bedingungen aber nicht erfüllt sind, dann werden die Verdächtigen eben laufen gelassen. Wir sind ja auch in Luxemburg und nicht in Russland und das ist auch gut so“.

„Einen flüchtenden Täter zu fassen, ist keine Selbstverständlichkeit“, sagt auch Marco*, ein Polizist aus der Hauptstadt. „Niemand bleibt freiwillig stehen und hält die Hände an den Rücken, damit ihm Handschellen angelegt werden können“, erklärt er. „Da gibt es immer wieder Rangeleien und blaue Flecken bleiben auf beiden Seiten nicht aus“.

Allzu schnell wird dann mit dem Finger auf die Polizisten gezeigt. Während auf der Straße jedermann ein Smartphone aus der Tasche ziehen, den Zugriff filmen und dann genau den Ausschnitt, der ihm gerade passt, ins Internet stellen kann, gibt es für Polizisten keinen Videobeweis. Nur in Ausnahmefällen werden Vernehmungen auf Video aufgezeichnet. In vielen europäischen Ländern ist das anders. Zudem werden im Ausland auch immer mehr Polizisten mit Minikameras ausgestattet. Ein Beweismittel, das Polizisten und Täter schützen kann.

Selbst verschuldeter Teufelskreis

„Niemand will mehr Fehler machen“, erklärt Pit*, ein Beamter aus dem Zentraldienst der Polizei. Und Fehler eingestehen erst recht nicht. „Das wird jungen Polizisten bereits in der Grundausbildung beigebracht“, meint er nicht ohne Zynismus. „Ein Teufelskreis, den wir selbst verschuldet haben“. Bald werde wohl jede Entscheidung eines Polizisten einer Grundsatzstudie unterzogen, fährt Pit* fort.

Von belgischen Verhältnissen sei man in Luxemburg zum Glück noch weit entfernt. Dort seien die Gefängnisse derart überfüllt, dass kaum noch jemand, der zu einer Gefängnisstrafe von weniger als drei Jahren verurteilt werde, die Haft antreten müsse. Die Insassen müssten zum Teil in Privatgefängnisse in den Niederlanden ausgelagert werden, und die meisten Verurteilten kämen bereits nach nur einem Drittel ihrer Haftstrafe wieder auf freien Fuß. Eine düstere Perspektive.

(*alle Namen von der Redaktion geändert)


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