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"Fridays for Future“: Miteinander statt gegeneinander
Lokales 5 Min. 06.04.2019 Aus unserem online-Archiv

"Fridays for Future“: Miteinander statt gegeneinander

"Fridays for Future“: Miteinander statt gegeneinander

Foto: Gerry Huberty
Lokales 5 Min. 06.04.2019 Aus unserem online-Archiv

"Fridays for Future“: Miteinander statt gegeneinander

Michel Bohnenberger, Schüler am Lycée classique d'Echternach, erlebte die "Fridays for Future"-Demo in Luxemburg hautnah mit. Für das „Luxemburger Wort“ macht sich der 16-Jährige Gedanken über die aufgeheizte Klimaschutzdebatte – und warnt vor einem Konflikt zwischen Jung und Alt.

In vielen Ländern schwänzen Schüler regelmäßig am Freitag die Schule, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Ziel der Demonstranten ist es, die Politik dazu zu bewegen, Lösungen gegen die drohende Klimakatastrophe zu finden. Durch das Schulschwänzen erreichen die Schüler die maximale Aufmerksamkeit – sie sorgen damit aber auch für viele kontroverse Diskussionen.

Die Klimakrise ist Realität und das vielleicht größte Problem für die Menschheit, wie aus dem Weltklimabericht 2018 des IPCC ganz klar hervorgeht. Allerdings wird sie von vielen Menschen, vor allem von Politikern, nicht als das größte Problem angesehen. US-Präsident Donald Trump ist das perfekte Beispiel dafür. Andere Ereignisse erreichen stets mehr Aufmerksamkeit als die Klimakrise. Greta Thunberg traf kürzlich den Nagel auf den Kopf. Bei der Verleihung der Goldenen Kamera sagte sie: "Wir leben in einer merkwürdigen Welt, in einer Welt, in der ein Fußballspiel oder eine Filmgala mehr Medienaufmerksamkeit bekommt als die größte Krise, vor der die Menschheit je stand." Thunberg wurde dort für ihr Engagement im Bereich Klimaschutz ausgezeichnet.

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin.
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin.
Foto: Christoph Soeder/dpa

Hass in den sozialen Medien

Durch das Schulschwänzen der Jugendlichen ist die Klimakrise wieder in den Fokus gerückt. Allerdings bekommt man in den sozialen Medien den Eindruck, dass viele die Klimakrise nicht wirklich zu stören scheint. Lieber wird kritisiert, dass die Schüler nicht zur Schule gehen. In der Relation ist das aber nur ein winziges Problem. Laut dem deutschen Astrophysiker, Wissenschaftsmoderator und Autor Harald Lesch sei die Schulpflicht unerheblich im Vergleich zu der Bedrohung, die von der Klimakatastrophe ausgeht. Wenn man in Europa zwei oder drei Stürme der Sorte ,,Irma‘‘ oder ,,Harvey‘‘ erleben würde, dann würde man überhaupt nicht mehr von Schulpflicht reden, weil die Stürme Zentraleuropa einfach wegrasiert hätten, sagt Lesch. Der Wissenschaftler war vergangenen Sonntag Gast in der Talkshow ,,Anne Will‘‘, die diese Problematik zum Thema hatte.

Immer wieder wird vom eigentlichen Thema abgelenkt. Die Empörung in Luxemburg war groß in den sozialen Medien, als im Internet Bilder von zwei Plakaten der Demonstration auftauchten, auf denen die kecken Sprüche ,,Fuck Me, Not The Planet‘‘ und ,,Destroy My Pussy, Not the Planet‘‘ zu lesen waren. Dies entfachte eine Diskussion über Sexismus und ließ eine Hasswelle auf die Betroffenen los, anstelle dass über die Klimakrise diskutiert worden wäre. Es war sicherlich nicht schlau, mit diesen Plakaten auf die Straße zu gehen, allerdings waren es nur zwei Plakate von ziemlich vielen Plakaten in den sozialen Medien bekam man das Gefühl, dass es die beiden einzigen waren. Auch der Vorwurf, Greta Thunberg lasse sich von irgendwelchen geheimen Mächten instrumentalisieren, ist nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver.

Streit der Generationen

Bei den "Fridays for future"‘-Diskussionen treten erneut Differenzen zwischen den Jugendlichen und älteren Menschen zutage. Viele junge Menschen sind der Meinung, dass die ältere Generation nicht genug für den Klimaschutz unternimmt und so die Zukunft der Jugendlichen aufs Spiel setzt. Der Vorwurf richtet sich vor allem gegen Politiker. Von den Älteren kommt die Retourkutsche, dass die jungen Leute erst mal zur Schule gehen sollen. Dort sollen sie sich das nötige Wissen aneignen, um die Welt vor der Klimakatastrophe zu retten.

Schülerstreik in Luxemburg-Stadt.
Schülerstreik in Luxemburg-Stadt.
Foto: Gerry Huberty/Luxemburger Wort

In der Tat denken viele ältere Menschen so, aber nicht alle! Genau hier liegt das Problem. Die Differenzen zwischen Jung und Alt gibt es nur, weil die jeweiligen Generationen Vorurteile gegenüber den anderen Generation hegen. Allerdings, die Kritik der Jungen haben sich einige der Älteren selbst zuzuschreiben: Jahrelang nicht genug für den Klimaschutz zu tun und dann „Fridays for future‘‘ zu kritisieren ist mehr als scheinheilig. Es ist notwendig, dass die Jugend jetzt demonstriert, denn in zehn bis fünfzehn Jahren ist es zu spät.


Nächster "Fridays for Future"-Marsch angekündigt
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Viele Jugendliche hängen dem Fehlglauben an, dass sie gegen die älteren Menschen statt für Lösungen in der Klimakrise demonstrieren sollen. Das bekam man auch in Luxemburg-Stadt während der Demonstration auf dem ,,Knuedler‘‘ zu spüren. Neben rhetorisch gewandten Rednern traten dort auch Schüler aufs Podium, die viel zu aggressiv und vor allem gegen eine Bevölkerungsgruppe argumentierten. Einer der Redner hatte den Mittelfinger gegenüber der Politik ausgestreckt und bedauerlicherweise machte ein großer Teil auf dem ,,Knuedler‘‘ mit. Wer eine solche Geste tätigt, versteht den Sinn der Demokratie nicht und verhält sich nicht besser als rechtspopulistische Parteien. Man kann in einer Demokratie nur gemeinsam etwas erreichen. Sprich, Jung und Alt können nur gemeinsam etwas gegen die drohende Klimakatastrophe unternehmen.

Jeder muss bei sich selbst anfangen

Es ist in der Tat scheinheilig, wenn Jugendliche lautstark für den Klimaschutz protestieren, aber jedes Jahr mehrmals mit dem Flugzeug um die halbe Welt fliegen, sich jeden Tag achtlos in Plastik verpackte Lebensmittel oder Getränke kaufen und sich auch sonst wenig für die Umwelt interessieren. Jeder, der der Meinung ist, dass man etwas gegen die Klimakrise unternehmen muss, soll deshalb auch selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Die Kritik, dass viele Schüler am 15. März nur demonstrieren waren, um die Schule schwänzen zu können, ist berechtigt. Allerdings, die Politik darf sich nicht darauf ausruhen, dass jeder bei sich selbst anfangen soll. Die Politik muss vorangehen, um erwarten zu können, dass jeder einzelne seine Lebensgewohnheiten ändert. Ein Leben ohne Plastik und ohne Verkehrsschadstoffe ist zurzeit unmöglich. Die Aufgabe der Politik ist es, dies zu ändern. Die Idee des Schulstreiks ist keinesfalls schlecht. Es ist sogar der beste Weg, um mehr Aufmerksamkeit zu erreichen.

Die bis dato einzige Freitagsdemonstration in Luxemburg war am 15. März in Luxemburg-Stadt. Die nächste Demonstration soll im Rahmen des europaweiten Streiks am 24. Mai stattfinden, so Zohra Barthelemy von ,,Youth for climate Luxembourg‘‘. Die Proteste gehen zurück auf Greta Thunberg, schwedische Klimaaktivistin und mittlerweile weltbekannt. Im August hat die 16-Jährige alleine mit dem Schulstreik angefangen und vor dem schwedischen Parlament demonstriert.

Michel Bohnenberger, 16, ist Schüler am Lycée classique d'Echternach. Er nahm am 15. März an der "Fridays for Future"-Demonstration in Luxemburg teil.


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