Französisch als erste Sprache in der Schule? Forscher sind skeptisch

In der Luxemburger Sprachenvielfalt fühlen sich viele Kinder verloren.
In der Luxemburger Sprachenvielfalt fühlen sich viele Kinder verloren.
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(ub) - Ein Fallbeispiel aus Luxemburg. Der Vater: Portugiese. Die Mutter: Kroatin. Beide in Vollzeit berufstätig. Antonio, ihr Kind, 3 ½ Jahre alt: ganztags im privat geführten Kinderhort, betreut von französischsprachigem Personal. Ab September 2014: im Zyklus 1.1. der Grundschule, wo der Unterricht auf Luxemburgisch läuft.

Vier Jahre alt, vier Sprachen

Das Kind ist dann gerade mal vier Jahre alt, und mit der vierten Sprache in seinem noch jungen Leben konfrontiert. Ab dem Zyklus 2.1. wird Antonio auf Deutsch alphabetisiert. Nur zwei Jahre später muss er auch auf Französisch Lesen und Schreiben lernen. Dann ist er knapp neun Jahre alt, soll sich in fünf Sprachen verständigen, in zwei Sprachen schriftlich Schularbeiten bewältigen.

Antonio ist längst kein Einzelfall mehr. Im Einwanderungsland Luxemburg haben immer mehr Kinder Eltern, die aus unterschiedlichen Staaten stammen. Unter 40 Prozent liegt mittlerweile nur noch der Anteil jener Kinder, die in den Zyklus 1.1. kommen und bereits Luxemburgisch beherrschen. An der vor zehn Jahren gegründeten Universität Luxemburg ist das Thema Mehrsprachigkeit deshalb von Anfang an ein Schwerpunkt gezielter Forschung. Derzeit ist die wissenschaftliche Einschätzung der Lage gefragter denn je.

Angefacht durch die Debatten im Wahlkampf zu den Nationalwahlen im Oktober 2013 treibt den neuen Bildungsminister Claude Meisch (siehe Télécran Heft 6/14) die Frage um, wie früh fremdsprachige Kinder mit dem Erwerb einer zweiten und dritten Sprache beginnen sollten. Und wenn dann, mit welcher denn zuerst? Manche Ideen fanden entsprechend Niederschlag im Regierungsprogramm als mögliche Pilotprojekte. Noch will der Minister aber nicht entscheiden, sondern Rat einholen. Die zentrale Frage lautet: Überfordert die Sprachenvielfalt, verbunden mit dem Lerntempo und den Lehrmethoden, Kinder? Ist das Sprachmodell der Luxemburger Schule noch das richtige?

Reelles Bedürfnis schaffen

Mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen, ist für Kinder an und für sich kein Problem. Das menschliche Gehirn ist bestens dazu ausgerüstet, mehr als eine Sprache gleichzeitig zu erlernen. Weltweit ist Einsprachigkeit sowieso eher eine Ausnahme als die Regel. Aber: damit kleine Kinder eine zweite Sprache wie ihre Muttersprache beherrschen, muss eine wirkliche Notwendigkeit bestehen, diese Sprache auch in ihrer konkreten Lebenssituation zu benutzen. „Es gibt viele Arten, ein Kind zweisprachig zu erziehen. Der entscheidende Faktor ist es, beim Kind das Bedürfnis zu wecken, diese zusätzliche Sprache, die meiste Zeit sogar unbewusst, im Alltag anzuwenden“, erklärt Pascale Engel de Abreu, Professorin an der Universität Luxemburg im Fachbereich Psychologie. Die junge Wissenschaftlerin beschäftigt sich vorallem mit der kognitiven Entwicklung von Kindern im Hinblick auf die Entwicklung der Sprachen und das schulische Lernen.

Wollen Eltern, dass ihr Kind wirklich in zwei Sprachen zuhause ist, muss genügend Interaktion in beiden Sprachen erfolgen. Fernseher oder DVD allein helfen da übrigens nicht. Es muss sich um einen Kommunikationsaustausch mit Menschen in der jeweiligen Zielsprache handeln, beim Sprechen, Spielen, Vorlesen. Nicht die Anzahl der aufgewandten Minuten ist dabei entscheidend, sondern die Art der Kommunikation. Man sollte die Sprache in vielfältiger Weise benutzen, regelmäßig das Kind auffordern, sich auch auszudrücken. Empfohlen wird insbesondere die tägliche Lektüre mit dem Kind, bei dem man sich gut über die Bilder und den Text austauschen kann. Wollen Eltern nur, dass ihr Kind in Kontakt mit einer zweiten Sprache kommt, muss der Aufwand nicht so hoch sein.

Eine besondere Hürde, sagt Pascale Engel de Abreu, stelle der Unterricht für ABC-Schützen in einer anderen als ihrer Muttersprache dar – was zum Kernproblem der weltweit einmaligen Situation in Luxemburg führt, wo durch das Schulgesetz von 1843 dem Land aus politischen Ursachen eine auf Deutsch aufbauende Primärschule beschert wurde, in der früh Französisch gelehrt wird, aber auch Luxemburgisch als Landessprache seit Jahrzehnten enorm an Bedeutung zugelegt hat. Seit der gezielt zur Förderung des Luxemburgischen eingeführten Früherziehungsklassen zeigt sich sogar der Stellenwert dieser Landessprache in neuem Licht. Sie hat Brückenfunktion in der Gesellschaft.

Muttersprache für gute Basis

Das Thema der schwierigen Mehrsprachigkeit ist also so alt wie das Luxemburger Schulsystem und führt mit schöner Regelmäßigkeit zu großen politischen Debatten. Besonders heftig ist sie jetzt, besteht doch der Verdacht, dass eben diese sozio-ökonomisch wertvolle Mehrsprachigkeit des luxemburgischen Schulsystems für Schüler mit Migrationshintergrund, aber auch für mit dem Französischen fremdelnde Luxemburger Kinder ein Faktor ist, der vermehrt zum schulischen Versagen beiträgt.

Lerngeschwindigkeit anpassen

Die Wissenschaftler fordern daher: „Kinder müssen ab dem frühesten Alter sprachlich gefördert werden, denn ohne etablierte Erstsprache ist es schwierig, Informationen zu erfassen." Auch bei der Lerngeschwindigkeit seien Abstufungen nötig, wolle man Kindern mit einem anderen Sprachenhintergrund eine richtige Chance geben, mehrsprachig den Schulweg gut zu durchlaufen. „Jeder Schüler muss eine klar identifizierbare Erstsprache, nicht aber alle Sprachen auf gleichem Niveau beherrschen“, so Martin.

ABC auf Französisch

Mit einer klaren Handlungsempfehlung kann Martin dem Erziehungsminister nicht dienen: „Die momentan diskutierten Vorschläge für eine mehrgleisige Alphabetisierung haben ihre Vor- und Nachteile.“ Das gilt auch für das von ehemaligen Lehrern der inzwischen geschlossenen „Ecole francophone de Walferdange“ vorgeschlagene Pilotprojekt, Grundschülern die Wahl der Alphabetisierungssprache zwischen Deutsch und Französisch zu überlassen. Die Lehrkräfte hatten zusammen mit einigen Uni-Mitarbeitern, ein Konzept erstellt für eine zweisprachige Primärschule mit doppelter Alphabetisierung. Entsprechend würden zwei Lehrkräfte pro Klasse eingesetzt werden, einer pro Sprache, damit die Schüler die Sprache mit einer Person identifizieren und mit ihr nur in dieser Sprache kommunizieren, also lernen durch die Methode der Immersion, das Eintauchen in die Sprache, in der ihr Schulalltag stattfindet. Dadurch dass Deutsch und Französisch mit identischer Stundenzahl unterrichtet würden, solle am Ende des Zyklus 4.2. ein problemfrei zweisprachig lernender Schüler herauskommen.

Laut Martin wirft dieses Modell im dreisprachigen Luxemburg mit seinen vielen Migrantenkindern mit unterschiedlichsten Muttersprachen aber viele Fragen auf. Eine Gefahr sei die mögliche Segregation der Schülerschaft, eine andere, dass die luxemburgische Sprache zu kurz komme. Zwar hätten es viele Kinder aus dem romanischen Sprachkreis mit Französisch als Alphabetisierungssprache anfangs leichter, „aber es bleibt doch eine Fremdsprache und Hürde, wenn nach den herkömmlichen Methoden unterrichtet wird“, so Martin.

„Fremdsprachen lernen Schüler besser, wenn man in ihnen das Bedürfnis weckt, sie zu beherrschen, weil sie Teil ihrer wirklichen Lebenswelt sind“, betont in dem Hinblick Pascale Engel de Abreu. Sie verweist aber auch darauf, dass nur die wenigsten Menschen perfekt in zwei oder mehr Sprachen sind: „Die Allermeisten haben eine dominante Sprache, was aber ganz normal und in Ordnung ist.“

Bildungsforscher Professor Romain Martin schlägt vor: "Vielleicht sollte der Lernprozess in der Grundschule zeitlich so gestreckt werden, dass die Einführung des Französischen nicht so nahe auf den Alphabetisierungsstart im Deutschen erfolgt." Er ist sich sicher: „Die Schullaufbahn ist lange genug, um Fremdsprachen auch etwas später erfolgreich zu lernen.“

Dies ist die gekürzte Version eines Artikels, der im Télécran 07/2014 (8. bis 14. Februar) erschienen ist.