Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Fokker-Absturz anno 2002: Zehn Dinge, die Sie zum „Luxair-Prozess“ wissen sollten
Lokales 4 Min. 05.03.2015

Fokker-Absturz anno 2002: Zehn Dinge, die Sie zum „Luxair-Prozess“ wissen sollten

Der "Luxair-Absturz" stellt das größte Unglück in der Geschichte der Luxemburger Luftfahrt dar.

Fokker-Absturz anno 2002: Zehn Dinge, die Sie zum „Luxair-Prozess“ wissen sollten

Der "Luxair-Absturz" stellt das größte Unglück in der Geschichte der Luxemburger Luftfahrt dar.
Foto: LW-Archiv
Lokales 4 Min. 05.03.2015

Fokker-Absturz anno 2002: Zehn Dinge, die Sie zum „Luxair-Prozess“ wissen sollten

Am 6. November 2002 sterben beim Absturz einer Luxair-Fokker bei Niederanven 20 Menschen. Es folgen über zehn Jahre juristisches Tauziehen. Hier die wichtigsten Fakten und Etappen dieses in vielerlei Hinsicht besonderen Falls.

(gs) - Mit dem Luxemburger Kassationshof befasste sich zwischen dem 5. März und dem 21. Mai 2015 zum letzten Mal ein Luxemburger Gericht mit dem Fall 
„Luxair-Absturz“. Damit wurde das letzte Kapitel einer der längsten Aufarbeitungen der Luxemburger Justiz geschrieben. Von Absturz bis Kassationsverfahren vergingen über zwölf Jahre. Hier die wichtigsten Fakten dieses in vielerlei Hinsicht besonderen Falls.

1) Der Absturz

Am Morgen des 6. November 2002 zerschellt auf einem Acker bei Niederanven eine Luxair-Fokker mit 22 Personen an Bord. Flug LG 9642 war von Berlin-Tempelhof unterwegs nach Luxemburg. 20 Menschen sterben bei dem Crash. Lediglich der damals 26-jährige Pilot und ein 36 Jahre alter französischer Passagier überleben schwer verletzt.

2) Die Ursache

Zum Absturz kam es infolge der anormalen Positionen, die die Propeller der Fokker 50 noch während der Flugphase eingenommen hatten. Dies hatte zu massivem Kontrollverlust geführt. Dass die Propeller in diese anormalen Positionen geraten konnten, ist dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine geschuldet: Fehler des Piloten und technische Mängel an der Fokker verketten sich auf unglückliche Art und Weise.

Untersagter Handgriff: Der Pilot hatte vor dem Absturz am 6. November 2002 absichtlich oder unfreiwilig die „Ground Selectors“ (kleinere Griffe an den großen Schubhebeln) hochgehoben. In der Folge war der Schubhebel über den für die Flugphase gedachten Bereich des "Flight Idle" hinaus gezogen worden.
Untersagter Handgriff: Der Pilot hatte vor dem Absturz am 6. November 2002 absichtlich oder unfreiwilig die „Ground Selectors“ (kleinere Griffe an den großen Schubhebeln) hochgehoben. In der Folge war der Schubhebel über den für die Flugphase gedachten Bereich des "Flight Idle" hinaus gezogen worden.
Archivbild: Guy Wolff

3) Die lange Aufarbeitung

Von Absturz bis zum ersten Prozess vergehen fast zehn Jahre. Das Großherzogtum wird zwischenzeitlich sogar von Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wegen eines „Dépassement du délai raisonnable" verurteilt. Erst am 10. Oktober 2011 beginnt der Prozess vor dem Zuchtpolizeigericht Luxemburg. Dem voraus gegangen waren die technischen Untersuchungen sowie viele zeitaufwändige juristische Anträge von so ziemlich allen Personen, die in diesem Fall je beschuldigt waren.

4) Der erste Prozess

Am 10. Oktober 2011 beginnt der Prozess gegen sieben Personen vor dem Zuchtpolizeigericht Luxemburg. Auf der Anklagebank sitzen der Pilot, drei Angestellte der technischen Abteilung bei Luxair sowie drei Generaldirektoren der Fluggesellschaft. Der Prozess bestätigt im Großen und Ganzen das, was bereits seit der ersten Unfallanalyse anno 2003 bekannt ist. Neue Details bringt allenfalls das Abspielen des „Cockpit Voice Recorders“. Zudem kommen erstmals die Beschuldigten zu Wort.

Unglücksmaschine Luxair-Fokker LX-LGB: Dieses Foto der F50 entstand am 26. Juli 2002, also etwas mehr als drei Monate vor dem Absturz, am Flughafen Berlin-Tempelhof.
Unglücksmaschine Luxair-Fokker LX-LGB: Dieses Foto der F50 entstand am 26. Juli 2002, also etwas mehr als drei Monate vor dem Absturz, am Flughafen Berlin-Tempelhof.
Foto: LW-Archiv

5) Die Warschauer Konvention

Ein Thema beschäftigt das Gericht immer wieder: die Warschauer Konvention. Sie geht auf das Jahr 1929 zurück und regelt die Haftungsbedingungen in der zivilen Luftfahrt. Das Abkommen wird von den Verteidigern wiederholt angeführt. Zunächst mit dem Ziel, dem Strafgericht die Kompetenz für die zivilrechtliche Ebene abzusprechen, dann, um manche Anträge auf Schadenersatz für unzulässig erklären zu lassen.

6) Das erste Urteil

Auf strafrechtlicher Ebene verurteilen die Richter am 27. März 2012 den Piloten u. a. wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu dreieinhalb Jahren Haft auf Bewährung sowie 4 000 Euro Geldbuße. Gegen die drei Luxair-Techniker werden Bewährungsstrafen zwischen 18 und 24 Monaten sowie Geldstrafen zwischen 2 000 und 2 500 Euro verhängt. Die drei Ex-Generaldirektoren werden erwartungsgemäß freigesprochen, da sie offensichtlich keine Kenntnis von den Mängeln an der Fokker haben konnten. Unter Anwendung der Warschauer Konvention erklärt das Strafgericht für unzulässig, über einen Großteil der Schadenersatzanträge zu befinden.

Fast genau zehn Jahre nach dem Absturz der Maschine waren die Wrackteile im Oktober 2012 entsorgt worden. Sie waren seit April 2003 in den Hallen der „Fourrière judiciaire“ auf dem ehemaligen WSA-Gelände in Sassenheim eingelagert.
Fast genau zehn Jahre nach dem Absturz der Maschine waren die Wrackteile im Oktober 2012 entsorgt worden. Sie waren seit April 2003 in den Hallen der „Fourrière judiciaire“ auf dem ehemaligen WSA-Gelände in Sassenheim eingelagert.
(Archivbild: Marc Wilwert)

7) Das Berufungsverfahren

Die Verurteilten legen auf strafrechtlicher Ebene keine Berufung gegen das Urteil ein. Die Richter in zweiter Instanz haben demnach ab November 2012 nur noch auf zivilrechtlicher Ebene zu entscheiden. Anders als ihre Kollegen in erster Instanz sehen die Berufungsrichter für die Warschauer Konvention keine Anwendung, sondern erklären sich als Strafgericht als durchaus befugt, auch auf zivilrechtlicher Ebene zu urteilen.

8) Das zweite Urteil

Am 21. Januar 2014 spricht der Appellationshof Luxemburg den Hinterbliebenen insgesamt rund 400.000 Euro Schadenersatz zu. Damit bleibt das Gericht weit unter der geforderten Summe von fast 1,5 Millionen Euro.

An der Absturzstelle erinnert ein Gedenkmonument an die 20 Opfer.
An der Absturzstelle erinnert ein Gedenkmonument an die 20 Opfer.
Foto: Guy Jallay

9) Das Kassationsverfahren

Nach erster und zweiter Instanz wird der Fall am 22. Januar 2015 ein erste Mal am Luxemburger Kassationshof aufgegriffen. Am 5. März wird die Verhandlung fortgesetzt. Im Kassationsverfahren wird, wie im Berufungsverfahren, „nur“ noch auf zivilrechtlicher Ebene argumentiert. Der Kassationshof befasst sich auch nicht mit dem Absturz und seinen Ursachen. Die Richter setzen sich nun ausschließlich mit der Frage auseinander, ob die vorangegangenen Instanzen von Rechts wegen richtig entschieden haben und/oder Verfahrensfehler festzustellen sind. Konkret ging es dabei um die Frage, ob Anträge auf Schadenersatz verjährt sind oder nicht.

10) Der Schlussstrich

Den Antrag auf Kassation stellen nicht die Zivilparteien, sondern die Verteidiger der Angeklagten. Und er richtet sich ausschließlich gegen die Schadenersatzanträge von Familien dreier deutscher Opfer. Für die Verteidigung müsse in diesem Fall die bereits erwähnte Warschauer Konvention Anwendung finden und die Anträge müssten als verjährt erklärt werden. Deie Richter am Kassationshof folgen dieser Argumentation aber nicht. Am 21. Mai 2015 geben sie ihre Entscheidung bekannt: Das Urteil wird nicht „kassiert“.  Die Betroffenen behalten ihren Anspruch auf Schadensersatz.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Hintergrund Justiz: Galgenfrist für G4S-Räuber
Um ihrer 22-jährigen Haftstrafe zu entgehen, haben alle drei Verurteilten im G4S-Prozess einen Kassationsantrag eingereicht. Für sie ist das der vorletzte Ausweg. Doch die Kassationsrichter werden sich nicht mehr mit der Schuldfrage befassen.
Bei dem Überfall am 3. April 2013 hatten die Täter bei zwei Gelegenheiten mehr als 80 Mal auf Polizisten geschossen.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.