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Falscher Alarm und eine falsche Frau
Lokales 4 Min. 01.08.2021
Nachrichten von vorgestern

Falscher Alarm und eine falsche Frau

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Falscher Alarm und eine falsche Frau

Foto: Archiv Luxemburger Wort
Lokales 4 Min. 01.08.2021
Nachrichten von vorgestern

Falscher Alarm und eine falsche Frau

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Aber Nachrichten von vor 50, 75 oder auch 100 Jahren sind auf ihre eigene Art interessant - manchmal anrührend, aus heutiger Sicht komisch oder teils immer noch aktuell. Wir haben ins Archiv geschaut.

1921

Am Montag, den 1. August 1921 berichtet das „Wort“ (damals einzeln für 15 Cents und im Quartalsabonnement für 7 Franken zu haben) auf Seite drei von einem denkwürdigen Feuerwehreinsatz und einem folgenschweren Zusammenstoß.   

Falscher Alarm 

„Am Samstag abend gegen halb zehn Uhr wurde die Feuerwehrwache am Paradeplatz benachrichtigt, im Parke der Rentnerin Witwe Rausch zu Limpertsberg sei Feuer ausgebrochen. Sofort trat der Feuerwehrposten an und im Sturmschritt ging es nach dem Limpertsberg. Hunderte von jungen Leuten, die auf dem Paradeplatz dem Konzert beiwohnten, schlossen sich der Feuerwehr an. Die Limpertsberger waren nicht wenig erstaunt, als gegen 10 Uhr die Faienceriestraße sich mit vorwärtsdrängenden Passanten belebte. Die Feuerwehr und die Neugierigen hatten aber den weiten Weg umsonst gemacht. Wohl hatte es geschienen, als ob Feuer in dem erwähnten Park ausgebrochen sei. Es war aber nur der Schein eines Feuers, das in der Nähe von Mamer ausgekommen, bald aber erstickt worden war.“

Foto: Archiv Luxemburger Wort

Kollision

„Am Samstagnachmittag, als der Charly in der Richtung Rollingergrund fuhr, stieß er in Rollingergrund mit dem Lastautomobil eines deutschen Kirmesbudenbesitzers zusammen. Das Automobil hatte zwei Anhänger. Der erste davon wurde von der Lokomotive in der Mitte angestoßen und halb zertrümmert. Der Besitzer erleidet einen bedeutenden Schaden.“  

1946

Im August 1946 ist der Zweite Weltkrieg seit etwas über einem Jahr vorbei - doch die Nachwehen sind noch zu spüren. In Nürnberg laufen die Prozesse gegen die Naziführung. Auch im „Wort“ ist davon die Rede. Viele Kriegsverbrecher sind noch auf der Flucht, zahlreiche deutsche Soldaten befinden sich in Kriegsgefangenschaft, auch in Luxemburg leisten sie Arbeitsdienst - die Aufarbeitung des Weltkriegs und die Neuordnung Europas wird noch Jahre dauern. Das Thema beherrscht auch das „Wort“ am 1. August 1946. 

Ein als Frau verkleideter deutscher Kriegsgefangener eingefangen  

"Das Blatt „Libération“ enthält folgende amüsante Meldung: In der Halle des Bahnhofes St-Lazare fiel den Polizeiinspektoren eine hochgewachsene Reisende auf. Sie war übertrieben geschminkt, trug schwarze Kleidung und hatte ein buntes Kopftuch. Sie marschierte tänzelnd daher. Die Polizisten sprachen die Reisende an, aber diese beschleunigte nur ihre Schritte. Als die Polizei sie erneut ansprach, hob die Reisende ihren Rock in die Höhe und begann zu springen was das Zeug hielt. Sie wurde aber angehalten und nach dem Polizeikommissariat verbracht, wo es sich bald herausstellte, daß es sich um einen Mann handelte. Die angebliche Frau war in Tat und Wahrheit ein deutscher Kriegsgefangener, der in der Nacht vom 14. Juli aus dem Lager St. Waast-la-Bougue entwichen war. Er trug 450 Franken und eine Fahrkarte nach Metz auf sich.“

Aus dem Oesling

„In unsern Oeslinger Dörfern sind in letzter Zeit eine erkleckliche Anzahl Kriegsgefangener ausgerissen, um ihr Heil jenseits der Our zu suchen. Von Tag zu Tag verringert sich die Zahl der hier arbeitenden P. W. Da die Flüchtlinge zum größten Teil in der Landwirtschaft eingesetzt waren, fehlte es ihnen keineswegs an günstigen Fluchtgelegenheiten. Nun mangelt es allenthalben an Arbeitskräften, um die heuer reichlich ausgefallene Getreideernte unter Dach zu bringen. Dieser Mangel macht sich besonders fühlbar in den kriegsverwüsteten Dörfern, wo es noch vielfach an den notwendigen Maschinen fehlt. 


Luxemburg zu Kriegsbeginn: "Matt leuchtet inmitten der Trümmer die luxemburgische Flagge"
Luxemburg ist im September 1939 räumlich weit weg vom Geschehen in Osteuropa - und dennoch wegen seiner Lage im Dreiländereck ganz nah dran. Die Anspannung ist greifbar. Ein Blick ins Archiv.

Weil jedoch mit einer weiteren Ankunft von Kriegsgefangenen für die Landwirtschaft nicht zu rechnen ist, drängt sich eine andere Lösung auf. So sollen von maßgebender Stelle bereits Verhandlungen eingeleitet sein, um Landarbeiter aus Norditalien zu engagieren. Außerdem würde die zeitweise Dispensierung unserer Bauernsöhne vorn Militärdienst allgemein freudig begrüßt werden.“

Doch auch kulturelle Veranstaltungen waren 1946 bereits wieder möglich. Der „Wort“-Rezensent beschreibt in der Ausgabe vom 1. August einen Liederabend einer chinesischen Sängerin mit einigen technischen Hindernissen - aus seiner Sicht ausgelöst durch die Konkurrenz...

Eine chinesische Sängerin sang im Casino

„Die chinesische Delegation des Una-Weltfriedenskongresses zeigte Luxem- burg gegenüber die Aufmerksamkeit, uns gestern Abend um 10 Uhr im Casino- saal das Konzert einer ihrer besten Sän gerinnen Frl. Chow Shiao-Yen anzubie- ten. Außer den vier Hauptvertretern Chinas konnte man viele andere hohe Kongreßteilnehmer und Gesandtschafts persönlichkeiten mit ihren Damen da- selbst erblicken. [...]

Frl. Chow offenbarte sich sofort als einen Koloratursopran von erstaunlicher Leichtigkeit. Mit ungeahntem Schmelz der Stimme bezauberte sie das Publikum und gewann durch die sonderbare Zartheit ihrer Töne und den feingemeißelten Schnitt ihrer Züge alle Sympathien. Anmutig und malerisch in ihrer Erscheinung mit der Tracht ihrer heimatlichen Kleidung stand sie da, lässig in die Bucht des Flügels angelehnt, und sprudelte mit der Selbstverständlichkeit überlegenen Könnens ihre Nachtigallenklänge hervor. 

Foto: Luxemburger Wort Archiv

Das Idyll dieser Pose wurde uns bald zerstört durch die wenig höfliche Aufforderung an die Sängerin, näher zum Mikrophon zu treten, da dieses Hoheitsding von Trichter weniger mobil war als die Künstlerin. Man möge sich bitte ein- für allemal merken, daß solches Mikrophon der Musiker wegen, nicht umgekehrt die Musiker seinetwegen da sind. Seit langem ärgern sich sämtliche Künstler über die Rücksichtslosigkeiten von Seiten der Radiogesellen bei der Aufstellung dieses Siebes für die Übertragung, und gestern abend war es einer sympathischen Künstlerpersönlichkeit von Format und zudem einer Dame gegenüber zum mindesten eine Taktlosigkeit, wie wir sie trotz allerhand Erfahrungen doch nicht erwartet hätten; gerade als ob jeder sich zwingen lassen müsse, dem Sendeapparat nachzurutschen!“

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