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„Fakten, keine Gemütszustände“
Lokales 3 6 Min. 01.05.2015 Aus unserem online-Archiv
Fernand Pesch und sein Buch über den Kirchberg

„Fakten, keine Gemütszustände“

Fernand Pesch will sein Buch nicht als eine Abrechnung mit ehemaligen Weggefährten verstanden wissen.
Fernand Pesch und sein Buch über den Kirchberg

„Fakten, keine Gemütszustände“

Fernand Pesch will sein Buch nicht als eine Abrechnung mit ehemaligen Weggefährten verstanden wissen.
FOTO: CHRIS KARABA
Lokales 3 6 Min. 01.05.2015 Aus unserem online-Archiv
Fernand Pesch und sein Buch über den Kirchberg

„Fakten, keine Gemütszustände“

Elf Jahre nach seinem Eintritt in den Ruhestand hat Fernand Pesch ein Buch über seine Arbeit als Präsident des „Fonds d'urbanisation et d'aménagement du Plateau de Kirchberg“ veröffentlicht. Dem „Luxemburger Wort“ verrät er, warum er seinem Buch den Untertitel „Histoire d'un mal-aimé“ gegeben hat.

Fernand Pesch (Jahrgang 1938) hat die Entwicklung des Plateau de Kirchberg und damit dessen heutiges Erscheinungsbild entscheidend geprägt. Dabei war die Arbeit des „Fonds Kirchberg“ alles andere als einfach. Am Anfang, aber auch später, wie Fernand Pesch in seinem Buch schreibt ...

Interview: Claude Feyereisen

Herr Pesch, Sie sind seit elf Jahren in Pension. Jetzt haben Sie ein Buch über den Kirchberg und ihre Arbeit als Vorsitzender des „Fonds d'urbanisation et d'aménagement du Plateau de Kirchberg“ veröffentlicht. Eine späte Abrechnung mit ehemaligen Weggefährten oder Teil eins Ihrer Memoiren?

Mein Buch ist keine Abrechnung. Seit meinem Eintritt in den Ruhestand hatte ich vor, all das niederzuschreiben, was ich während meiner beruflichen Laufbahn als Vorsitzender des Fonds Kirchberg erlebt habe und wie der Kirchberg – so, wie wir ihn heute kennen – entstanden ist. Das hat mit einer Abrechnung nichts zu tun. In diesem Buch geht es um Fakten, nicht um Gemütszustände.

In Ihrem Buch liest man, dass der Fonds Kirchberg keinen einfachen Start hatte ...

In der Tat! Ich habe versucht, so exakt wie möglich wiederzugeben, unter welchen Umständen der per Gesetz vom 7. August 1961 geschaffene Fonds seine Arbeit aufnehmen musste und mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hatte.

Unter anderem geht es um die territorialen Enteignungen, die der Fonds Kirchberg im Namen des Staates durchführen musste. Verständlich, dass der Fonds bei der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe stieß.

Es geht aber auch um Zuständigkeiten. Laut Chamber und Staatsrat oblag die Entwicklung des Plateau de Kirchberg einzig und allein dem Fonds Kirchberg. Die Stadt Luxemburg hatte sich da nicht einzumischen. Eigentlich. Das sahen die Autoritäten der Hauptstadt aber anders.

Es bleibt allerdings die Frage offen, weshalb Abgeordnetenkammer und Staatsrat trotzdem bei ihrem Standpunkt blieben. Fakt ist, dass diese Situation zu dauerhaften Spannungen zwischen dem Fonds Kirchberg und der Stadt Luxemburg führte.

Man kann also behaupten, dass wir damals ohne Munition an die Front geschickt wurden. Aus all diesen Gründen habe ich meinem Buch den Untertitel „Histoire d'un mal-aimé“ gegeben. All diese Themen werden in meinem Buch im Detail beschrieben, belegt mit Quellentexten und angereichert mit konkreten Beispielen.


Als ich 1982 Präsident des Fonds Kirchberg wurde, verlief quer durch den Stadtteil eine Schnellstraße. So durfte ein modernes Viertel nicht aussehen, so konnte dort kein Leben einziehen.

Sie haben es dennoch geschafft, dem Kirchberg ein neues Gesicht zu geben und ihn bereit für die Zukunft zu machen. Die Fahrspuren für die Tram existieren ja bereits seit 15 Jahren. Fernand Pesch, der Visionär?

Als ich 1982 Präsident des Fonds Kirchberg wurde, verlief quer durch den Stadtteil eine Schnellstraße. So durfte ein modernes Viertel nicht aussehen, so konnte dort kein Leben einziehen. Vielleicht war das meine Vision. Die Schnellstraße wurde also umgebaut zu jener 62 Meter breiten Avenue, die wir heute kennen.


Die Grafik zeigt, wie die Tram von Anfang an in der Planung der Neugestaltung der heutigen Avenue J.F. Kennedy vorgesehen war.
Die Grafik zeigt, wie die Tram von Anfang an in der Planung der Neugestaltung der heutigen Avenue J.F. Kennedy vorgesehen war.
(GRAFIK: FONDS KIRCHBERG)

Dieser „Boulevard urbain“ anstelle der Schnellstraße bildet heute das Rückgrat des Stadtviertels Kirchberg, wo mittlerweile gearbeitet, gewohnt und gelebt wird. Ein wenig stolz macht mich das schon ... (lächelt). Ja, und die Fahrspuren für die Tram übrigens, wurden ja damals mitgeplant und auch gleich mitgebaut.

Bis auf Weiteres fahren die Busse in diesen „Couloirs“ auf beiden Seiten des „Boulevard urbain“. Lediglich der Unterbau der nördlichen Fahrspur, wo die Tram schlussendlich fahren wird, muss jetzt noch tramgerecht gemacht werden ...


Die Fahrspuren für die Tram übrigens wurden ja damals mitgeplant und auch gleich mitgebaut

Wie stehen Sie persönlich zur Tram?

Wenn ich nicht davon überzeugt wäre, hätte der Fonds Kirchberg nicht vor 15 Jahren eine Tramtrasse in der Avenue J. F. Kennedy gleich mit vorgesehen. Eine Straßenbahn löst sicher nicht alle Probleme, aber ein durchdachtes Straßenbahnnetz kann entscheidend dazu beitragen, eine wesentliche Verbesserung im Straßenverkehr herbeizuführen.

Mein Respekt gebührt Infrastrukturminister François Bausch, dessen Konzept mir diese Bedingungen zu erfüllen scheint, nicht zuletzt, weil es etappenweise ausgebaut werden kann. Dabei war ich längst nicht immer mit dem Grünen-Politiker einverstanden (lacht)!

In Ihrem Buch sprechen Sie an einer Stelle von „Leichen im Keller“ ...

Nochmal, es ging mir nicht darum, alte Rechnungen zu begleichen. Ich wollte allerdings auch jene Projekte erwähnen, die ich bei meinem Amtsantritt vorgefunden habe und mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Ich hätte gerne darauf verzichtet.

Es würde allerdings zu weit führen, diese Projekte hier im Detail zu beschreiben, es seien an dieser Stelle nur zwei genannt: das Jean-Monnet-Gebäude und das sogenannte Vazon-Gelände und der damit verbundene Grundstückstausch.

Ihr Buch ist, nennen wir es mal so, ziemlich technisch und daher wenig unterhaltsam, keine leichte Kost. Was bezwecken Sie mit diesem Werk?

Ja, das stimmt. Durch die genaue Wiedergabe der Beschlussfassungen im Verwaltungsrat des Fonds Kirchberg wollte ich aufzeichnen, mit welcher Sorgfalt meine Mitarbeiter und ich unsere Aufgabe wahrgenommen haben, bevor es zu einer Entscheidung kam.

Das, um all jene Kritiker Lügen zu strafen, die das Gegenteil behaupten. Ob dabei aber immer die bestmögliche Lösung gefunden wurde, darüber zu urteilen überlasse ich anderen. Was ich mit dem Buch bezwecke? Nun, das Buch soll das Gesamtkonzept der Urbanisierung des Plateau de Kirchberg sowie dessen Kohärenz verdeutlichen.

Nur soviel: Was einst als „Gartenstadt“ geplant war, wurde letztendlich ein Stadtteil mit europäischem Flair. Darüber hinaus geht es auch um die Instrumente, die der Staat benötigt, um größere Projekte effizient realisieren zu können.

Ich hoffe, dass das Buch Architekten, Urbanisten, Juristen, Politiker und alle anderen, die sich für die Geschichte der Stadt Luxemburg und des Kirchberg interessieren, anspricht.

Welche Kapitel oder Passagen sind besonders lesenswert?

Der erste Teil des Buches, der vom Ursprung des Fonds Kirchberg handelt, auf jeden Fall. Die Vorgehensweise von damals wäre heute nicht mehr möglich. Ich spreche von den Enteignungen. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass das damals aber auch eine Riesenchance war, sonst wäre die Urbanisierung des Kirchberg in dieser Zeitspanne und mit dieser Lebensqualität nicht machbar gewesen.

Dann würde ich jedem raten, das Kapitel über den Umbau der ehemaligen Schnellstraße zu lesen. Der damalige Bautenminister Marcel Schlechter stoppte die Pläne seines Vorgängers Jean Hamilius einer unterirdisch verlaufenden Schnellstraße ab Luxemburg-Merl bis zum Rond-point Robert Schuman und machte damit den Weg frei für das heutige „Contournement sud-est“, das wiederum die Grundlage der Verkehrsentlastung und der Urbanisierung des Kirchbergs bildete.

In diesem Zusammenhang erscheint mir auch das zweite Kapitel über die konkreten Realisierungen unter meiner Präsidentschaft lesenswert. Und natürlich der dritte Teil des Buches, der die Ära nach meinem Rücktritt vom Posten des Fonds-Kirchberg-Präsidenten behandelt.

Natürlich besteht zwischen all diesen Aspekten ein Zusammenhang. Um den zu erfassen, sollte man eigentlich das Buch in seiner Gesamtheit lesen.

Elf Jahre nach Ihrer Pensionierung, wie sehen Sie den Kirchberg heute und welche Entwicklung sagen Sie für den bis dato modernsten Stadtteil Luxemburgs vorher?

Wenn ich den Kirchberg heute betrachte, empfinde ich Freude, wenn ich sehe, wie meine Mitarbeiter und ich es geschafft haben, Leben dorthin zu holen, dem Kirchberg eine Seele zu geben, aus dem Kirchberg einen modernen, europäischen Stadtteil zu machen, der zusehends mit den anderen Stadtteilen der Hauptstadt zusammenwächst.

Die Skyline des Kirchberg steht für die Modernität, für die Fortschrittlichkeit der Stadt Luxemburg und des Landes. Wie sich der Kirchberg weiterentwickelt, vermag ich nicht zu sagen. Die Voraussetzungen dafür, dass aus ihm ein normales, lebendiges Viertel mit einer gesunden sozialen Durchmischung wird, sind geschaffen.

Der Kirchberg ist praktisch fertiggestellt, jetzt gilt es, die weiter geplanten oder noch im Bau befindlichen Projekte mit Leben zu füllen.


Der Kirchberg ist praktisch fertiggestellt, jetzt gilt es, die weiter geplanten oder noch im Bau befindlichen Projekte mit Leben zu füllen.

Wenn Sie den Blick in die Zukunft nicht wagen wollen, was wäre denn Ihr größter Wunsch für den Kirchberg?

Dass das Plateau de Kirchberg mit dem Dorf „Kirchberg“ und Weimershof eines Tages zu einem einzigen Stadtteil verschmelzen.

Herr Pesch, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.


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