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Fälle von häuslicher Gewalt drohen anzusteigen
Lokales 5 Min. 26.03.2020

Fälle von häuslicher Gewalt drohen anzusteigen

„Das Risiko, dass die physische und psychologische Gewalt sich erhöht, ist gegeben“, sagt eine Psychologin.

Fälle von häuslicher Gewalt drohen anzusteigen

„Das Risiko, dass die physische und psychologische Gewalt sich erhöht, ist gegeben“, sagt eine Psychologin.
Foto: Shutterstock
Lokales 5 Min. 26.03.2020

Fälle von häuslicher Gewalt drohen anzusteigen

Sophie HERMES
Sophie HERMES
In Zeiten, in denen man das Haus, nur wenn unbedingt notwendig, verlassen sollte, ist häusliche Gewalt durchaus ein Thema. Hilfsdienste stehen Opfern und Tätern weiterhin zur Seite.

Ein Familienstreit sorgt für einen Einsatz der Spezialeinheit der Polizei: Nachdem die Frau gemeinsam mit ihrem Kind noch vor dem Eintreffen der Polizei die Flucht ergreifen konnte, bedroht der mutmaßliche Angreifer die Beamten mit einer Armbrust. Er wird von der Spezialeinheit überwältigt und auf Anordnung der Staatsanwaltschaft verhaftet. So geschehen am vergangenen Freitag in Esch/Alzette.

Nicht jeder Familienstreit eskaliert auf diese Art und Weise. Häusliche Gewalt ist aber in Zeiten, in denen man das Haus, nur wenn unbedingt notwendig, verlassen soll, durchaus ein Thema. So hat die Polizei in den vergangenen Tagen einen Anstieg der Vorfälle bemerkt. Zwar verfüge man über keine Zahlen, aber: „Wir konnten eine Zunahme von Fällen von häuslicher Gewalt sowie von Personen, die etwas zu viel Alkohol trinken, feststellen und wo wir dann eingreifen müssen. Das ist ein Problem und die Vorfälle werden in den kommenden Wochen wohl weiter zunehmen“, sagt ein Polizeisprecher. Er fährt fort: „Die Natur unserer Einsätze hat sich verändert. Auf den Straßen ist es ruhig geworden, doch nun müssen wir verstärkt in den Häusern eingreifen.

Vor allem in Haushalten, in denen es zuvor bereits zu Gewalttaten gekommen ist, besteht nun das Risiko einer Zunahme der Vorfälle. Denn die Opfer sind den Tätern nun den ganzen Tag über regelrecht ausgeliefert. „Das Risiko, dass die physische und psychologische Gewalt sich erhöht, ist gegeben“, erklärt Céline Gerard, Psychologin und verantwortlich für den psychologischen Dienst für Kinder und Jugendliche, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden, bei Femmes en détresse.

Polizei und Hilfsdienste

Man könne davon ausgehen, dass Opfer neue Strategien entwickeln, um sich zu schützen und eine Eskalation zu vermeiden. Wichtig sei es aber, dass die Opfer wissen, dass sie nicht alleine sind. Polizei und Justiz arbeiten weiterhin und sorgen dafür, dass die Gesetze betreffend die häusliche Gewalt angewandt werden. „In einem Notfall soll das Opfer die Polizei (Tel. 113) verständigen“, sagt Olga Strasser, Erzieherin und Verantwortliche des Hilfsdienstes für Opfer von häuslicher Gewalt bei Femmes en détresse.


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Auch die gängigen Hilfsdienste für Opfer und Täter von häuslicher Gewalt sind weiterhin telefonisch und per E-Mail erreichbar. In der ersten Woche der verschärften Maßnahmen in Luxemburg hat man bei Femmes en détresse (Tel. 4908-771, nach Wegweisungen: 2648-1862) noch keine Zunahme bemerkt, was die Anzahl der Kontaktaufnahmen angeht. Allerdings müsse man auch bedenken, dass es einigen Opfern derzeit nicht möglich ist, einen Hilfsdienst zu kontaktieren, da ihr Partner ständig an ihrer Seite ist. Deshalb rechnet man vor allem nach der Krise mit einer verstärkten Kontaktaufnahme vonseiten der Betroffenen.

Solidarität gefragt

Dennoch muss auch in Zeiten von „Bleib zu Hause“ kein Opfer seinem gewalttätigen Partner hilflos ausgeliefert sein. Ist es dem Opfer unmöglich, die Polizei anzurufen – etwa weil der gewalttätige Partner das Telefonat unterbindet –, kann es sich vielleicht an eine Person im Bekanntenkreis oder eine Hilfsstelle wenden, die den Notruf weiterleiten kann. Der Kontakt kann in diesem Fall auch per E-Mail, SMS oder über die sozialen Netzwerke erfolgen, wenn nötig auch in einer verschlüsselten Sprache.


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Auch mit ihren Ängsten sollen die Betroffenen nicht alleine bleiben. Vielmehr sollen sie Kontakt zu Familienangehörigen, Bekannten oder Beratungsstellen suchen und sich ihnen, insofern dies möglich ist, anvertrauen.

Doch auch die Solidarität der Nachbarn ist derzeit verstärkt gefragt: Wer Anzeichen von häuslicher Gewalt hört oder sieht, sollte die Polizei verständigen, um einem Opfer, das sich nicht wehren kann, auf diese Weise zu helfen. Auch ein Gespräch mit dem mutmaßlichen Opfer, in dem man ihm zu verstehen gibt, dass es nicht alleine ist, kann hilfreich sein.

Auch Kinder leiden

Unter der häuslichen Gewalt leiden allerdings nicht nur die Partner, sondern auch der Nachwuchs. „Kinder werden im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zwischen ihren Eltern oft vergessen. Durch die derzeitige Krise riskieren sie, noch weiter in die Vergessenheit zu geraten“, sagt Céline Gerard. Denn oft laufe die Hilfe für die Kinder über die direkten Opfer. Haben diese nun aber Schwierigkeiten, sich Hilfe zu holen, sei dies für die Kinder umso mehr der Fall.


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Ältere Kinder sollen bei Gewaltvorfällen das Gespräch mit einer Vertrauensperson suchen. Zudem können sie den Kanner-Jugendtelefon (Tel. 116-111) kontaktieren. Auch jüngere Kinder können in Einzelfällen über sich hinauswachsen und Hilfe holen. Oft sind sie den Folgen der Gewalt allerdings recht hilflos ausgeliefert. Auch hier sind die Nachbarn gefordert, Hilfe zu holen, wenn sie Anzeichen für Gewalt bemerken. „Es ist die Aufgabe der Eltern, die Sicherheit ihrer Kinder zu gewähren. Ist dies nicht möglich, ist es die Pflicht jedes Bürgers, Kinder zu schützen“, erklärt Céline Gerard.

Weiter gibt sie Opfern einen Slogan von französischen Hilfseinrichtungen mit auf den Weg: „Es wird davon abgeraten, rauszugehen, nicht aber zu flüchten.“ Céline Gerard fügt dem hinzu: „Oder aber über Gewalt zu sprechen.“

Auch wenn bei vielen Hilfsstellen derzeit keine physischen Termine wahrgenommen werden, so sind die Mitarbeiter über andere Kanäle – Telefon oder E-Mail – jederzeit erreichbar. Eine komplette Liste der Anlaufstellen gibt es im Internet.

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