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Extremismus als gesellschaftliches Phänomen: Radikalisierung unter der Lupe
Der Soziologe Helmut Willems unterstreicht die Wichtigkeit von Ausstiegsprogrammen, um vor allem jungen radikalisierten Menschen einen Wiedereinstieg in die Gesellschaft zu erlauben.

Extremismus als gesellschaftliches Phänomen: Radikalisierung unter der Lupe

Foto: Michel Thiel
Der Soziologe Helmut Willems unterstreicht die Wichtigkeit von Ausstiegsprogrammen, um vor allem jungen radikalisierten Menschen einen Wiedereinstieg in die Gesellschaft zu erlauben.
Lokales 6 Min. 09.07.2014

Extremismus als gesellschaftliches Phänomen: Radikalisierung unter der Lupe

Wie wird man eigentlich zum Extremisten? Eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt, wie uns Helmut Willems, der als Soziologe und Professor an der Universität Luxemburg tätig ist und in Deutschland jahrelang im Bereich Extremismus und Ausländerfeindlichkeit geforscht hat, erklärt.

Von Michel Thiel und Steve Remesch

Wie wird man eigentlich zum Extremisten? Eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt, wie uns Helmut Willems, der als Soziologe und Professor an der Universität Luxemburg tätig ist und in Deutschland jahrelang im Bereich Extremismus und Ausländerfeindlichkeit geforscht hat, erklärt.

Herr Willems, bei unseren Recherchen fiel auf, dass radikale Islamisten zuvor oft gut integrierte junge Leute waren, die sich irgendwann dem Extremismus zugewandt haben. Welche Rolle spielt der persönliche Hintergrund in diesem Zusammenhang? Handelt es sich um Menschen, die in ihrem Leben irgendwo gescheitert sind?

Die internationale Terrorismusforschung zeigt, dass es sich insbesondere bei islamistischen Terroristen nicht unbedingt um Individuen handelt, die über einen geringen Bildungsgrad verfügen. Man denke an die Urheber des Anschlags vom 11. September 2001, die in Hamburg studiert hatten. Das gemeinsame Merkmal von Terroristen ist also in erster Linie nicht, dass es sich um Personen handelt, die mit allem abgeschlossen haben. Solche biografischen Merkmale, wie berufliche oder bildungsmäßige Brüche tragen natürlich dazu bei, dass Menschen, die sich in einer Situation befinden, in der sie sehen, dass sie keine Perspektive in der Gesellschaft haben oder keine Anerkennung bekommen, anfälliger werden für Gruppen, die ihnen genau diese Anerkennung bieten können. Von daher wissen wir, dass es für Menschen, die Probleme mit ihrer sozialen Identität und ihrem gesellschaftlichen Status haben, attraktiv ist, Teil einer solchen Gruppe zu werden. Doch wie gesagt bedeutet das nicht, dass Terroristen zwangsläufig Personen mit biografischen Brüchen sind.

Wie kommt es denn dazu, dass sich solche Personen derart isolieren und immer stärker radikalisieren?

Radikale Islamisten sind in der Regel nicht isoliert, sondern leben in einer muslimischen Familie, besuchen Moscheen und haben ihre Netzwerke. Was man aber sieht ist, dass es sich bei Personen, die sich radikalisieren, nicht unbedingt um Individuen handelt, die zuvor besonders religiös waren. Die Religiosität steht nicht direkt im Vordergrund, aber in der Regel sind es die Kontakte zu solchen Kreisen, durch die eine Identifikation stattfindet und ein Solidaritäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht. Ganz ohne die Assoziierung mit Gleichgesinnten ist eine radikale Laufbahn sehr selten. Der entscheidende Punkt ist, wann die ganze Sache kippt, von einem losen Zusammenhang zu einem starken, radikaleren Engagement. Hier spielen oft traumatisierende Erfahrungen oder Deprivationserfahrungen eine Rolle. Man fühlt sich diskriminiert, unschuldig von der Polizei verfolgt oder empfindet einen Krieg wie in Syrien als großes Unrecht. Das sind traumatisierende Ereignisse, die dann ganz oft eine solche Entwicklung ausmachen.

Wirkt hier nicht auch der Reiz des Extremen auf solche Personen ein?

Ich denke nicht, dass diese Personen ihre eigene Einstellung als extrem erleben. Es ist eher so, dass es den Willen gibt, im eigenen Handeln konsequent zu sein. Diese Leute wollen hinter der Sache stehen, mit der sie sich identifizieren, Gleichgesinnte nicht im Stich lassen, ja sich sogar für sie opfern. Die Vorstellung, dass die eigene Existenz so etwas wie einen höheren Sinn, eine kollektive Sinnhaftigkeit besitzt, gibt vielen Leuten eine große Genugtuung. Das ist nicht nur ein individuelles Handeln, sondern eine Handeln im Namen einer Gruppe oder einer Religion. Da kann ein Selbstverständnis als Märtyrer oder als Kämpfer für eine große Sache entstehen. Dies kann derart attraktiv sein, dass Menschen auch bereit sind, im Namen ihrer Überzeugungen Gewalt auszuüben. Sie selbst sehen sich nicht als Extremisten, sondern das ist lediglich der Blick, den die Gesellschaft auf sie wirft.

Man sieht, dass oft sehr junge Menschen besonders anfällig für extremistische Ideologien sind. Wie ist das zu erklären?

Menschen, die sich in einer Orientierungsphase befinden oder Probleme mit ihrer Identität haben sind wie bereits gesagt anfälliger für radikale Gruppen. Probleme also, die gerade in der Jugendphase für viele auf der Hand liegen. In der Jugend bildet sich die Identität ja in einem mühsamen Prozess heraus. Vor allem bei Migranten, die sich zusätzlich in einer neuen Kultur und einem neuen Umfeld zurechtfinden müssen. In dieser Phase erscheinen Radikalisierungsprozesse dann natürlich interessant und besonders attraktiv. Zugleich ist die Jugend auch eine Phase, in der man noch nicht so viel zu verlieren hat. Jemand, der gerade ein Haus gekauft und eine Familie gegründet hat oder Aussichten auf eine berufliche Karriere hat, setzt viel aufs Spiel. Ein junger Mensch jedoch, der vielleicht die Schule abgebrochen hat und sowieso noch nicht weiß, wo er hingehört, ist dagegen bereit, sehr viel größere Risiken einzugehen.

Die Erfahrung zeigt, dass es auch Einzeltäter gibt, die sich ohne Zugehörigkeit zu einer Gruppe radikalisieren.

In diese Kategorie fallen Täter wie Breivik in Norwegen, wobei sich hier oft die Frage stellt, ob solche Täter wirklich allein gehandelt haben. Doch es gibt tatsächlich solche Individuen, die sicher die Vorstellung des einsamen Kämpfers und Vorbilds attraktiv finden. Das sind jedoch eher Ausnahmen. In der Regel benötigen Menschen die soziale Bestärkung oder den Druck durch die Gruppe. Das sieht man beispielsweise an den Selbstmordattentätern, die ja keine einsamen Wölfe sind, sondern einem enormen psychologischen Druck ausgesetzt sind, um ihre Tat zu verüben.

Kann man denn gegen den eigenen Willen zu einem terroristischen Akt gezwungen werden?

Nun, einerseits kann es die Ansicht geben, dass man sich für eine Idee opfert, die größer als man selbst ist. Es geht beispielsweise nicht um mein eigenes Leben, sondern um die Zukunft des Islams oder die Zukunft meines Landes. Wenn ich mich leiten lassen von einer derart großen Vorstellung, dann habe ich natürlich das Gefühl, nicht nein sagen zu können, Teil eines höheren Ganzen sein zu müssen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich den Druck in der Gruppe, wenn man merkt, dass man bedroht oder beschimpft wird, wenn man sich auch nur traut, anders zu denken als die Gruppe und genau weiß, was passieren wird, wenn man aussteigt. Derartige Gruppen besitzen einerseits einen enormen Zusammenhalt, üben aber gleichzeitig eine sehr starke Kontrolle auf ihre Mitglieder aus. Natürlich wird da auch immer mit der Angst vor der Strafe gearbeitet.

Wie kann man radikalisierten Personen zum Ausstieg verhelfen?

Es gibt ja kognitive, emotionale, aber auch starke soziale Komponenten bei der Radikalisierung. In der Rehabilitierung und in der Prävention ist es daher besonders wichtig, die selbst auferlegte soziale Isolation aufzubrechen und die Kontakte zu Familie, andersdenkenden Freunden und einem gemäßigten sozialen Umfeld aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen.

Welchen Nutzen haben in diesem Zusammenhang staatlich geförderte Ausstiegsprogramme, wie man sie etwa aus Deutschland kennt?

Solche Programme sind eine große Hilfe und haben auch europaweit sehr viel Erfolg. Um so mehr, da die Familien radikaler Individuen in der Regel überfordert sind und von den Gruppen selber ein anhaltender Druck ausgeübt wird. Ohne solche Programme ist es enorm schwierig, auszusteigen. Eine solche Hilfe ist insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene wichtig, da man ihnen beim Ausstieg ja auch eine neue Lebensperspektive bieten muss.