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Ex-Pfarrer vor Gericht: Freispruch trotz Vergewaltigung
Lokales 2 Min. 20.12.2016 Aus unserem online-Archiv

Ex-Pfarrer vor Gericht: Freispruch trotz Vergewaltigung

Kirche von Belair: Der ehemalige Leiter der Pfarrei hatte sich 2014 selbst angezeigt.

Ex-Pfarrer vor Gericht: Freispruch trotz Vergewaltigung

Kirche von Belair: Der ehemalige Leiter der Pfarrei hatte sich 2014 selbst angezeigt.
Foto: Anouk Antony
Lokales 2 Min. 20.12.2016 Aus unserem online-Archiv

Ex-Pfarrer vor Gericht: Freispruch trotz Vergewaltigung

Sophie HERMES
Sophie HERMES
Im Prozess gegen den Ex-Pfarrer von Belair waren die Richter zwar der Meinung, dass eine Vergewaltigung stattgefunden hat, da die Tat aber auf 2008 zurückgeht, mussten sie sich auf ein älteres Gesetz berufen – und sprachen den Angeklagten frei.

(SH/gs) - Der ehemalige Pfarrer von Belair, der sich wegen mutmaßlicher Vergewaltigung eines Minderjährigen vor Gericht verantworten musste, wurde am Dienstag in erster Instanz freigesprochen. Das Opfer war zum Zeitpunkt der Tat 14 Jahre alt.

Aus heutiger Sicht sahen die Richter der Kriminalkammer Luxemburg den Tatbestand der Vergewaltigung zwar als gegeben an, da der Vorfall sich jedoch während einer Pilgerreise nach Taizé (F) im November 2008 ereignete, müsse nicht der aktuelle Gesetzestext, der aus dem Jahr 2011 stammt, sondern jener, der zur Tatzeit in Kraft war, berücksichtigt werden.

Wird nach derzeitigem Recht jegliche Penetration eines Minderjährigen unter 16 Jahren als Vergewaltigung betrachtet – also auch wie in diesem Fall die orale Befriedigung des Pfarrers durch den 14-Jährigen –, war dies vor 2011 nicht der Fall. Damals lag das Alter, ab dem eine Person legal dem Geschlechtsverkehr zustimmen konnte, bei 14 Jahren.

Staatsanwaltschaft geht in Berufung

Wie die Pressestelle der Justiz am Dienstag betonte, wäre es demnach an der Staatsanwaltschaft gewesen, zu beweisen, dass der Junge den Ereignissen nicht zugestimmt hatte. Für die Richter blieb die Anklage diese Beweisführung offensichtlich schuldig. 

Die Staatsanwaltschaft gab noch am Dienstag bekannt, dass sie bereits Berufung gegen das Urteil eingelegt hat. 

 Während der Verhandlung hatte sie eine siebenjährige Haftstrafe gefordert. Für sie war der Tatbestand der Vergewaltigung unter erschwerenden Umständen gegeben. 

Aktiv oder passiv?

Der Angeklagte hatte zunächst geleugnet, dass es zu einer Penetration – in diesem Fall durch oralen Geschlechtsverkehr – gekommen war, gab dann jedoch zu, von dem 14-Jährigen mit dem Mund befriedigt worden zu sein. Allerdings berief sich der Pfarrer stets darauf, dass die Initiative vom Opfer aus gegangen sei. 

Der Junge habe ihn bereits vor der Pilgerreise, während der sie sich ein Zimmer geteilt hatten, angemacht. Das Opfer selbst hatte hingegen betont, sich nicht widersetzt zu haben, „aus Angst, was sonst hätte passieren können“. Er habe die Sache passiv über sich ergehen lassen.

Auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen, dass der Junge unter Zwang gehandelt habe. Das Opfer habe aufgrund seines Alters, der Umstände der Tat sowie seines zurückhaltenden Charakters keine Möglichkeit gehabt, sich gegen den 
Angeklagten zur Wehr zu setzen. Der ehemalige Pfarrer hingegen habe seine Position als Vertrauens- und Autoritätsperson missbraucht.

Vorwurf der sexuellen Nötigung verjährt

Die Anklage in diesem Verfahren lautete auf Vergewaltigung gemäß Artikel 375 des Strafgesetzes. Hingegen lag keine Anklage wegen sexueller Nötigung vor - ein minder schwerer Strafbestand. Die Ratskammer des Berufungsgerichts hatte nämlich im Vorfeld des Prozesses entschieden, dass die entsprechenden Tatbestände als verjährt anzusehen seien.

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