Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Europäischer Drogenbericht 2015: Cannabis als Volksdroge
Lokales 5 Min. 04.06.2015

Europäischer Drogenbericht 2015: Cannabis als Volksdroge

Cannabis bleibt die meistkonsumierte illegale Droge in Europa.

Europäischer Drogenbericht 2015: Cannabis als Volksdroge

Cannabis bleibt die meistkonsumierte illegale Droge in Europa.
Foto: Michel Thiel
Lokales 5 Min. 04.06.2015

Europäischer Drogenbericht 2015: Cannabis als Volksdroge

Am Donnerstagmorgen stellte die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht in Lissabon ihren aktuellen Jahresbericht vor. Marihuana und Haschisch bleiben die am häufigsten konsumierten illegalen Drogen.

(mth) - Der Konsum verbotener Drogen ist kein Nischenphänomen in Europa, glaubt man den neuesten Zahlen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA).  Knapp ein Viertel aller Europäer, also rund 80 Millionen Menschen, haben irgendwann in ihrem Leben eine illegale Droge ausprobiert. Während „harte“ Drogen wie Kokain, Heroin, Amphetamine oder andere synthetische Drogen eine weitaus geringere, aber oft durchaus problematischere Nutzung und Verbreitung aufweisen, spielt Cannabis definitiv in der gleichen Liga wie Koffein, Alkohol oder Nikotin.

Produkte aus psychoaktivem Hanf, also das Harz („Haschisch“) oder die Blüten- und Blattspitzen der Hanfpflanze („Marihuana“) bleiben die beliebtesten illegalen Rauschmittel in Europa. Daraus folgt logischerweise, dass die Straftaten im Zusammenhang mit dem Besitz, Konsum, Handel oder Schmuggel solcher Erzeugnisse ebenfalls den Löwenanteil der 1,25 Millionen festgestellten Drogendelikte in Europa ausmachen. Bei rund 80 Prozent der sichergestellten Drogen handelt es sich um Cannabisprodukte. Jährlich 781.000 Straftaten, also 60 Prozent, sind allein auf den Konsum und Besitz von Cannabis für den Eigenbedarf zurückzuführen.

Trotz repressiver Maßnahmen einerseits, aber auch einer Entkriminalisierung von Cannabis in manchen EU-Staaten, darunter Luxemburg, bleibt die Tendenz zum Konsum konstant oder steigt langsam an. Schätzungsweise 14,6 Millionen Europäer zwischen 15 und 34 Jahren (11,7 Prozent) haben in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert. In der Altersgruppe zwischen 15 und 25 Jahren liegt dieser Prozentsatz sogar bei 15,2 Prozent.

Im Vergleich zu anderen Drogen ist der Konsum von Cannabis jedoch eher weniger problematisch. Lediglich ein Prozent der Gesamtbevölkerung konsumiert täglich oder fast täglich Cannabis. Und auch wenn die Gesamtzahl der Patienten, die in Europa erstmals eine Drogenbehandlung aufgrund von Cannabis antraten, zwischen 2006 und 2013 von 45.000 auf 61.000 anstieg, ist dies vor allem darauf zurückzuführen, dass in manchen Mitgliedsstaaten derartige Behandlungen in Fällen von Besitz oder Konsum geringer Mengen durch die Strafjustiz verordnet werden.

Alte Bekannte und neue Gefahren

Während die Gefahren, die durch den exzessiven Konsum altbekannter und weit verbreiteter Drogen wie Alkohol oder Cannabis drohen, relativ gut erforscht sind, drohen weitaus größere Probleme durch den Konsum „etablierter“ harter Drogen oder neuer, oft gänzlich unbekannter Stoffe. Während Kokain, MDMA („Ecstasy“) und Amphetamine weiter stark verbreitet sind, sind es trotz eines Rückgangs der Konsumenten in den vergangenen Jahren vor allem die Opioide (Heroin u.Ä.), die längerfristige Probleme bereiten.

In Europa gibt es 1,3 Millionen problematischer Opioidkonsumenten. Viele darunter sind Langzeitkonsumenten, die mit zunehmendem Alter aufgrund ihres Konsums Begleitkrankheiten entwickeln. Auch Infektionen durch Injektionsnadeln bleiben ein Thema: während die Zahl der HIV-Infektionen sich in den vergangenen Jahren in den meisten Staaten stabilisiert hat, wächst die Zahl der Neuinfektionen mit Hepatitis C. Strukturen, die geschützte Konsumräume und Injektionsbestecke zur Verfügung stellen, haben in Ländern wie Luxemburg hier zu großen Fortschritten geführt.

Zwei weitere Trends, die sich momentan abzeichnen, sind besorgniserregend. Zum einen wachsen sowohl die angebotenen Mengen als auch die Reinheit von Opioiden, Stimulanzien (meist Kokain, Amphetaminen oder MDMA) und Cannabisprodukten stetig an. Zum anderen taucht eine unüberschaubare Anzahl neuer, bisher unbekannter synthetischer Drogen (so genannte „New Psychoactive Substances“ oder NPS) auf dem Markt auf.

Die Experten des MCDDA gehen davon aus, dass zwischen verschiedenen Gruppen des organisierten Verbrechens ein Konkurrenzkampf um Marktanteile stattfindet. Da die Anbieter „traditioneller“ Drogen wie Cannabis, Heroin oder Kokain nicht mit den günstigeren Produktionsbedingungen synthetischer Drogen mithalten können, versuchen sie offenbar, die Attraktivität ihrer Ware durch höhere Potenz zu steigern. Problematisch sind die NPS nicht nur dadurch, dass die Auswirkungen auf die Gesundheit der Konsumenten mangels Erfahrungswerten nicht einschätzbar sind, sondern auch, dass viele dieser Stoffe, von denen mittlerweile über hundert neuer Moleküle pro Jahr auf dem Markt erscheinen, nicht über die bisherigen Frühwarnsysteme erfasst werden und daher in manchen Ländern auch nicht illegal sind.

Die Drogenprohibition und der Steuerzahler

Das Verbot von Drogen kostet den Steuerzahler eine Menge Geld. Allein in Luxemburg stiegen die Kosten, die dem Staat durch illegale Drogen und deren Folgen entstehen laut Gesundheitsministerium zwischen 1999 und 2010 von rund 23,3 Millionen Euro auf etwa 38,5 Millionen Euro an. Etwa 40 Prozent der Kosten entstehen aufseiten der Reduzierung des Angebots illegaler Drogen, also bei Justiz, Polizei und Zoll. In Portugal, wo seit 1999 der Konsum sowie der Besitz kleiner Mengen jeglicher Drogen entkriminalisiert ist, wurde über einen Zeitraum von elf Jahren ein Rückgang der sozialen Kosten von 18 Prozent festgestellt.

Dies beinhaltet sowohl Einsparungen bei der Strafverfolgung als auch beispielsweise das Wegfallen von Steuereinbußen, die aufgrund der Strafverfolgung entstanden. Im US-Staat Colorado, wo Cannabis seit knapp einem Jahr legalisiert und staatlich reguliert ist, stehen massiven Einsparungen in der Strafverfolgung hohe Steuereinnahmen durch den Verkauf gegenüber. Beide Ergebnisse sind sicherlich nicht direkt auf andere Staaten übertragbar, im Fall der USA unter anderem auch, da die Folgen der Legalisierung dort nach so kurzer Zeit noch nicht absehbar sind. Doch die Frage nach den Vorund Nachteilen eine Entkriminalisierung oder gar Legalisierung wird zunehmend politisch relevant, insbesondere in Bezug auf die am meisten konsumierte illegale Droge Cannabis, deren Konsum und geringfügiger Besitz auch im Großherzogtum seit 2001 weitgehend entkriminalisiert wurde.

Die Antwort auf diese Frage ist jedoch recht komplex, wie Claudia Costa Storti, Ökonomin der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA), erklärt: „Die Entscheidung ist sicher keine rein ökonomische. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Problematik, in der politische Entscheidungen und die Position der Bürger sicherlich eine Rolle spielen. Die Auswirkungen einer Entkriminalisierung sind zudem nicht eindeutig. Einerseits gibt es Einsparungen, was die Repression durch die Sicherheitskräfte angeht, andererseits können zusätzliche Kosten aufgrund der gesundheitlichen Auswirkungen entstehen. Was unter dem Strich dann herauskommt, ist sehr schwer einzuschätzen.“

Es läuft auf eine politische Entscheidung hinaus

Auch EMCDDA-Rechtsexperte Brendan Hughes gibt zu bedenken, dass die Erfahrungswerte in Bezug auf die Problematik noch immer dürftig sind. Während in jenen Ländern, in denen der Konsum und Besitz geringer Mengen illegaler Drogen oder Cannabis entkriminalisiert wurden, sich gezeigt habe, dass durchaus große Einsparungen gemacht werden könnten, sehe es bei einer vollständigen oder regulierten Legalisierung anders aus: „Im Endeffekt läuft es hier auf eine politische Entscheidung hinaus. Wir vom EMCDDA können keine Empfehlung in dieser Hinsicht geben, da es sehr schwierig ist, die Auswirkungen aufgrund empirischer Daten abzuschätzen. Das einzige Beispiel, das wir kennen, betrifft die Niederlande, wobei es sich keinesfalls um ein Vorbild handelt, da die Legalisierung dort nur halb durchgesetzt wurde. Man hat dort den Verkauf reguliert, ohne aber die Produktion mit einzubeziehen. Deswegen gibt es auch dort immer noch massive Probleme mit dem organisierten Verbrechen. Was Colorado betrifft, so ist es einfach noch viel zu früh, um Schlüsse zu ziehen. Keines der beiden Beispiele ist jedoch geeignet, um derzeit eine Empfehlung zu einer derart radikalen Wende in der Cannabisprohibition zu liefern.“


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Präventionsprogramm vorgestellt: Neue Drogen, neue Drogenpolitik
Am Montag stellte die Regierung ihren neuen Aktionsplan zur Drogenproblematik für die kommenden fünf Jahre vor. Weitere Strukturen und praxisnahe Ansätze sollen jetzt dabei helfen, neue Probleme in den Griff zu bekommen. Auch in Sachen Cannabisprohibition und Alkoholmissbrauch soll eine breite Debatte helfen, in einer festgefahrenen Situation Fortschritte zu erzielen.
Im Bereich der syntetischen Drogen beschreitet das Gesundheitsministerium neue Wege.
Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.