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Europäer im Krieg: 350 Belgier, 400 Franzosen und 320 Deutsche im syrischen Kriegsgebiet
Lokales 3 Min. 07.07.2014 Aus unserem online-Archiv

Europäer im Krieg: 350 Belgier, 400 Franzosen und 320 Deutsche im syrischen Kriegsgebiet

Lokales 3 Min. 07.07.2014 Aus unserem online-Archiv

Europäer im Krieg: 350 Belgier, 400 Franzosen und 320 Deutsche im syrischen Kriegsgebiet

Es wird geschätzt, dass derzeit 2 800 Europäer seit dem Beginn des Konflikts nach Syrien aufgebrochen sind, um sich an Kampfhandlungen in dem Bürgerkriegsgebiet zu beteiligen. Dass es sich dabei nicht um eine Urlaubsreise handelt, leuchtet ein: Vor Ort erwartet sie ein Krisenherd ohne klare Fronten.

Es wird geschätzt, dass derzeit 2 800 Europäer seit dem Beginn des Konflikts nach Syrien aufgebrochen sind, um sich an Kampfhandlungen in dem Bürgerkriegsgebiet zu beteiligen. Dass es sich dabei nicht um eine Urlaubsreise handelt, leuchtet ein: Vor Ort erwartet sie ein Krisenherd ohne klare Fronten.

Von Michel Thiel und Steve Remesch

Die Auseinandersetzungen beschränken sich längst nicht mehr auf die Kämpfe zwischen Assad-Gegnern und dessen Anhängerschaft. Hunderte verschiedene islamistische Milizen tragen täglich blutige Machtkämpfe aus, bei denen allzu gerne auf erschreckend junge Menschen aus Europa zurückgegriffen wird. Fast alle sind unerfahren im Kampf, einige sind gar minderjährig. Der jüngste Kämpfer, von dem bekannt ist, dass er mit seinem älteren Bruder nach Syrien aufbrach, war 13 Jahre alt. Die überwiegende Mehrheit ausländischer Kämpfer sucht Anschluss im Lager der Dschihadisten. Deren Ziel ist weniger die Befreiung des syrischen Volkes als die Errichtung eines islamischen Gottesstaates und der Kampf gegen die Ungläubigen.

In Belgien wird derzeit ein Gerichtsverfahren gegen die inzwischen aufgelöste Gruppe „Sharia4Belgium“ vorbereitet. Ziel des Prozesses ist es, die fundamentalistische Gruppe, deren Anhänger vorrangig aus Brüssel und Antwerpen stammen, als terroristische Organisation einzustufen. Es geht darum, zu beweisen, dass die Gruppe eine entscheidende Rolle bei der Radikalisierung, der Indoktrinierung und der Rekrutierung von Syrienkämpfern spielte. Familienmitglieder sprechen von einer regelrechten Gehirnwäsche. Belgien gilt als das europäische Land mit der größtem Proportion von Dschihadisten im Vergleich zur Einwohnerzahl in den syrischen Kampfgebieten. Dort soll es sogar rein flämische Milizen geben. Die islamistische Propagandamaschinerie veröffentlichte im vergangenen August ein dramatisches Video, auf dem Flämische sprechende junge Männer Gefangene köpfen.

Belgier mit Kontakten nach Luxemburg

Die Zahl der Belgier an der Front wird von den Behörden auf über 350 geschätzt. 50 sollen nach Belgien zurückgekehrt sein. 13 davon wurden Medienberichten zufolge in Belgien inhaftiert. Sie stehen unter Verdacht, in den Reihen der radikalsten Gruppierungen gekämpft zu haben. Experten aus dem Sicherheitsapparat zufolge gibt es enge Kontakte zwischen der AMCO-Moschee in Esch/Alzette und „Shariah4Belgium“.

Bei einem landesweiten Schlag gegen Ex-„Sharia4Belgium“-Mitglieder im Februar wurden 74 Personen vorübergehend festgenommen. An 55 Orten wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Mehr als 630 Polizisten waren im Einsatz. Die belgischen Behörden setzen neben Repression auch auf Deradikalisierung.

Das belgische Wochenmagazin „Le Vif/L'express“ hatte im Januar einen Selbstversuch gestartet: Ein Journalist legte sich unter falschem Namen ein Profil auf Facebook zu und verschickte Freundschaftsanfragen an Dschihadisten und Sympathisanten in einschlägigen Gruppen. Schnell hatte er Kontakt zu Kämpfern an der Front, denn die verstecken sich nicht.

Gerne stellen sie sich heroisch mit Waffen und Kriegstrophäen in dem sozialen Netzwerk zur Schau. Das ist Teil der Propaganda: Selbst in den umkämpftesten Gegenden Syriens gibt es einen schnellen Internetzugang, über den direkt von der Front aus für den heiligen Krieg rekrutiert wird – Wegbeschreibung inklusive.

Auch französische Dschihadisten sind Medienberichten zufolge entscheidend an der Tötung von Mitgliedern anderer Rebellengruppen beteiligt. Mehr als 400 junge Männer aus Frankreich sind den Behörden zufolge in Richtung Syrien aufgebrochen. Die Regierung hat Ende April mit einem Anti-Dschihad-Plan reagiert. Dieser sieht nicht nur eine Strafverfolgung von Kriegsrückkehrern vor, sondern auch die vorübergehende Festnahme derjenigen, die unter Verdacht stehen, vor der Ausreise nach Syrien zu stehen.

Die Haftzeit (interception de sécurité) wird mit dem Aktionsplan von zehn Tagen auf einen Monat erhöht. Zudem wurde eine „grüne Nummer“, ein Gratistelefon, eingerichtet, auf dem Ausreisewillige von Familien, Bekannten und Nachbarn gemeldet werden können. Parallel hierzu sollen Personen, die unter Verdacht stehen, Kontakt zu terroristischen Netzwerken zu unterhalten, in einem beschleunigten Verfahren des Landes verwiesen, Kanäle, die zur Terrorfinanzierung dienen blockiert und der Zugang zu Propagandavideos erschwert werden.