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Escher Verhältnisse
Am 11. Februar 2012 hatten sich Jugendliche über zwei Stunden lang am Bahnhof und im Brillviertel in Esch/Alzette mit Messern, Macheten und Knüppeln bekämpft.

Escher Verhältnisse

Foto: Guy Wolff
Am 11. Februar 2012 hatten sich Jugendliche über zwei Stunden lang am Bahnhof und im Brillviertel in Esch/Alzette mit Messern, Macheten und Knüppeln bekämpft.
Lokales 4 Min. 30.05.2018

Escher Verhältnisse

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Wegen 14 schwerer Straftaten müssen sich seit vergangener Woche zwölf Angeklagte vor Gericht verantworten. Ein Kriminalermittler gab Einblick in das gewaltsame Ambiente zwischen einzelnen Jugendgruppen in Esch/Alzette.

Sie hatten sich im Februar 2012 über Stunden brutale Auseinandersetzungen in den Straßen von Esch/Alzette geliefert. Zum Einsatz kamen nicht nur Fäuste, sondern auch ein Messer, ein Baseballschläger, ein Elektroschocker und eine Machete. Nun müssen sich zwölf junge Menschen im Alter von 25 bis 33 Jahren für ihre Taten verantworten. Dabei steht insbesondere der Vorwurf des mehrfachen versuchten Totschlags im Raum.

Während die Kriminalkammer nun während fünf Wochen klären muss, wer vor sechs Jahren welche Straftat begangen hat, sind es im bisherigen Prozessverlauf vor allem die niedrige Hemmschwelle und das völlige Fehlen von Empathie der Beteiligten, die hervorstechen.


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Einblicke in die Escher Verhältnisse, die seit Jahren immer wieder zu Gewaltexzessen führen, gab Anfang der Woche ein Ermittler der regionalen Kriminalpolizei, der allerdings auch klarstellte, dass die Informationen, wie in dieser Strafsache auch, immer nur tröpfchenweise ans Licht gelangen. „Wir bekommen auch immer nur die Spitze des Eisbergs zu sehen“, unterstrich er.

Gewalt erzeugt Gegengewalt

Der Ursprung der Fehden unter den Jugendgruppen sei heute nicht einmal mehr nachzuvollziehen. Diese liege sicher mehr als zehn Jahre zurück. Und jeder Vorfall würde neue Rachegelüste anfachen, die dann wieder zu neuer Gewalt führen würden. Zu einigen der Angeklagten und anderen Personen, deren Namen immer wieder im Prozess genannt werden, konnte der Ermittler ellenlange Auszüge aus dem Strafregister zitieren. Vorwiegend waren die Betroffenen wegen schwerer Körperverletzung und gewaltsamen Diebstählen ins Visier der Polizei geraten.

Seit Jahren falle immer wieder ein gleicher Freundeskreis bei gewaltsamen Auseinandersetzungen auf, vorrangig gebürtige Escher, wie der Ermittler hervorhob. Dabei würde immer wieder der Name Eschsiders genannt, wenn es zu Schlägereien zwischen Escher Jugendlichen und auswärtigen komme. 


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Dabei sei Eschsider, wie es scheine, eigentlich nur ein Name, den sich die Clique vor Jahren bei einem Fußballturnier am Galgenberg gegeben habe. Wie sehr man sich aber dennoch bis heute damit identifiziere, zeige der Umstand, dass einzelne Mitglieder sich das Kürzel „ES“ in die Haut tätowieren ließen.

„Keine kriminelle Gang“

Von einer kriminellen Gang und einem Bandenkrieg zwischen ebensolchen könne allerdings nicht die Rede sein, meinte der Ermittler. Für die Bezeichnung als Gang würden nämlich die charakteristischen Merkmale fehlen, erklärte er. Die Jugendgruppe aus Esch mit vorrangig kapverdisch-portugiesischem Hintergrund sei nicht aus krimineller Intention entstanden, noch gebe es eine Hierarchie. Dennoch spiele eine gewisse territoriale Ordnung eine entscheidende Rolle bei den Auseinandersetzungen. Dies könne man sich nach dem Motto „Wir sind hier und wenn andere hierhin kommen, dann ist das nicht gut“ vorstellen, führte der Ermittler aus.


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Ganz gleich, ob sie auf andere Gleichaltrige aus Schifflingen, Differdingen, Bettemburg oder der Hauptstadt treffen würden, gebe es Gewaltpotenzial. Letztendlich seien es stets wiederkehrende Konflikte, aus denen sich dann immer wieder neue, offene Rechnungen ergeben würden. Und die würden dann in einer hemmungslosen Gewaltspirale beglichen.

Empathie ist Fehlanzeige

Wie weit diese Feindschaft geht, zeigte bereits ein Gerichtsverfahren im Jahr 2013, in dem einer derzeit wegen versuchten Totschlags angeklagten Beschuldigten das Opfer war. Der damals 22-Jährige war im Jahr 2010 bei einer Fete in der Nähe der Escher Kontrollstation in den Rücken getreten worden, weil er dort wohl unerwünscht war. Daraufhin kam er mit einer Schusswaffe zurück und bedrohte seine Kontrahenten.Wochen später wurde der Mann vor einer Diskothek in Foetz niedergeschossen.

Im aktuellen Prozess wird ihm u.a. angelastet, einen Kontrahenten mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen und ihm dann ein Messer in den Rücken gerammt zu haben. Der 30-Jährige bestreitet die Vorwürfe und nennt andere, die dem Prozess ferngeblieben bzw. bislang nicht angeklagt sind, als Täter.


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Auch die wiederholten brutalen Auseinandersetzungen im Jahr 2015 in Hollerich, seien in diesem Kontext anzusiedeln, sagte der Ermittler im Prozess. Nach dem aktuellen Prozess würden zudem noch andere Gerichtsverfahren anstehen.

"Kein hoffnungsloser Fall"

Die Polizei bemüht sich in alldem um Schadensbegrenzung. „Wir versuchen immer wieder zu verhindern, dass die Sache weiter eskaliert“, erklärt der Kriminalermittler weiter. „Wir sagen ihnen, wenn es ein Problem gibt, dann kommt zu uns. Wir klären das dann.“ Doch niemand sei wirklich darauf aus, mit der Polizei zu sprechen.

Dabei sei die Situation eigentlich alles andere als ausweglos, bekräftigt der Polizist. „Wir müssen diesen jungen Menschen helfen, aus diesem Gewaltklima auszubrechen. Es reicht nicht, einzelne von ihnen wegzusperren. Wir müssen diesen Jungs helfen, ein anderes Ziel im Leben zu finden, als aufeinander einzuschlagen, etwa sobald jemand aus der Schifflinger Clique sich traut, seine Großmutter in Esch zu besuchen".

Die Angeklagten seien ansonsten recht umgänglich. Keiner sei ein hoffnungsloser Fall.

Der Prozess um die Auseinandersetzungen vom 11. Februar 2012 wird in den kommenden Tagen mit der Anhörung weiterer Angeklagter fortgesetzt.






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