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Esch/Alzette: Umstellung in Sozialstrukturen
Lokales 3 Min. 18.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Esch/Alzette: Umstellung in Sozialstrukturen

Bei der Stëmm vun der Strooss in Esch wird das Essen vom Fenster aus an die Menschen verteilt. Am Dienstag passierten dort 67 Personen.

Esch/Alzette: Umstellung in Sozialstrukturen

Bei der Stëmm vun der Strooss in Esch wird das Essen vom Fenster aus an die Menschen verteilt. Am Dienstag passierten dort 67 Personen.
Foto: Guy Wolff
Lokales 3 Min. 18.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Esch/Alzette: Umstellung in Sozialstrukturen

Für manche Menschen ist die Einhaltung der Quarantäne noch um einiges schwieriger - Obdachlose, Drogenabhängige und Mittellose.

(A.H./dho) - Obdachlose, Drogenabhängige, Bedürftige: Die Corona-Krise trifft auch die Schwächsten der Gesellschaft. Neben älteren Menschen und chronisch Kranken gehören auch Suchtpatienten und Obdachlose zur Risikogruppe und müssen geschützt werden. Der Drogenkonsumraum „Contact Esch“, das Nachtfoyer Abrisud, die Stëmm vun der Strooss in Esch haben in den vergangenen Tagen diesbezüglich gleich mehrere Schutzmaßnahmen ergriffen. 

„Wichtig ist an erster Stelle, dass wir für diese Bevölkerungsgruppe da sind. Das Foyer Abrisud auf Nummer 45, Rue de la Fontaine bleibt zu den gewohnten Uhrzeiten für Obdachlose zugänglich. Allerdings haben wir strenge Schutzmaßnahmen ergriffen – sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Bedürftigen“, so die Escher Sozialschöffin Mandy Ragni (Déi Gréng).

Bereits am Empfang wird den Besuchern die Temperatur gemessen und sie werden nach möglichen Symptomen befragt. Innerhalb der Einrichtung muss Abstand zueinander gehalten werden. Es gilt zudem regelmäßig die Hände zu waschen und sie zu desinfizieren. Nachdem die Einrichtung morgens ihre Türen wieder geschlossen hat, werden auch sämtliche Gegenstände und Möbel in der Einrichtung desinfiziert.

Neue Regeln im „Contact Esch“ 

„Auch wurden die Arbeitsgruppen anders eingeteilt, damit zu jedem Zeitpunkt ein Team einsatzbereit ist“, erklärt die Sozialschöffin. Hauptaufgabe sei es zudem, die Bedürftigen in der Einrichtung gezielt über das Corona-Virus aufzuklären, da sie oftmals nicht genug darüber wissen – wenn überhaupt etwas, sagt Ragni. 

Eine Aufklärungsarbeit, die auch verstärkt im Drogenkonsumraum „Contact Esch“ auf Nummer 130 an der Rue de Luxembourg in Esch geleistet wird. Bezüglich der Corona-Krise gelten auch in der Fixerstuff und dem Kontaktcafé in Esch, die von der Jugend- an Drogenhëllef (JDH) geführt werden, verschärfte Vorsichtsmaßnahmen. 


Lokales, Maison médicale, 59, Rue Michel Welter, Coronavirus, Covid-19, Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Corona-Virus: "Maisons médicales" nur mit Rezept aufsuchen
Seit Mittwoch können sich Patienten mit Atemwegsbeschwerden auch an die drei Bereitschaftshäuser wenden. Erste Kontaktstelle bleibt jedoch der Hausarzt.

Der Koordinator des „Contact Esch“, Serge Grissius, erklärt: „Es wird weiterhin ein sogenannter ,Service minimum‘ garantiert. Zwei Mitarbeiter empfangen die Besucher bereits vor der Einrichtung, denn sie werden nur einzeln hereingelassen. Der Spritzentausch, die Gestion financière und die medizinische Grundverpflegung seitens eines Krankenpflegers werden weiterhin gewährleistet. Auch die Medikamentenverabreichung findet wie gewohnt statt. Im Raum für den intravenösen Konsum werden zurzeit nur drei statt fünf Nutzer zugelassen, im Blow-room (Raucherraum) nur zwei statt vier. Dies, um den nötigen Abstand zwischen den Nutzern zu garantieren.“

Stëmm vun der Strooss verteilt Essen vor der Tür

Irgendwie Alltag, und doch nicht wirklich, herrscht auch bei der Stëmm vun der Strooss in Esch. In dem sogenannten „Treffpunkt“ an 32, Grand Rue gibt es Sitzplätze für 35 Personen. „Im Schnitt kommen täglich 90 Personen vorbei“, erklärt Alexandra Oxacelay, Direktorin der Stëmm vun der Strooss. Nun sind die Räumlichkeiten jedoch geschlossen. Und nicht nur diese. Auch die Dienste, bei denen Kleider gewaschen oder ausgeteilt werden, funktionieren nicht mehr und die Duschen bleiben geschlossen. Das Essen wird dennoch weiterhin vorbereitet. Ausgeteilt wird es aber vor der Tür. 

„Am Montag wurden 73 Essen verteilt, am Dienstag waren es 67“, betont Alexandra Oxacelay. Neben der Aufrechterhaltung dieser Dienstleistung gilt es aber auch, prioritär die Mitarbeiter zu schützen. Aus diesem Grund arbeitet zurzeit nur eine unverzichtbare Minderheit des Personals, besonders diejenigen, die in der Küche arbeiten. 

Médecins du monde: Zahl der Patienten zurückgegangen

Falls Kunden vorstellig werden, bei denen der Verdacht besteht, dass sie an Corona erkrankt sind, wandte sich das Personal bislang an Médecins du monde, dessen Räumlichkeiten sich ebenfalls in Esch befinden. „Wir hatten bislang keine dringenden Verdachtsfälle“, erklärt Dr. David Perreira. „Ich werte jedoch als sehr positiv, dass nun die Maison médicale geöffnet sind. Ich hoffe, dass unsere Kunden dort die nötigen Untersuchungen erhalten können.“ 


Corona-Patient aus Luxemburg: Leben wie in Gefangenschaft
Stefano Polignano hat sich bei einem Krankenhauspraktikum mit dem Corona-Virus infiziert. Im Interview mit dem LW berichtet er von seiner Zeit in Isolation.

Die Anzahl der Personen, die zu Médecins du monde kommen, ist seit dem Ausbruch der Pandemie um ein Drittel gesunken. Dr. Perreira geht davon aus, dass die Patienten Angst haben, sich anzustecken. 

Es sei daher enorm wichtig, die Menschen, die keinen Zugriff auf das Internet haben, zu informieren und auch die, die keine Krankenversicherung haben, zu versorgen, so der Arzt. Ansonsten laufe der Betrieb weiter, denn 30 Prozent der Patienten haben eine chronische Erkrankung und brauchen ihre Medikamente. 


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