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„Es kann jeden treffen“
Romain Juncker, Präsident der Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ und ehemaliger pathologischer Casino-Besucher, kennt die Sorgen und Ängste der Spielsüchtigen.

„Es kann jeden treffen“

Guy Jallay
Romain Juncker, Präsident der Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ und ehemaliger pathologischer Casino-Besucher, kennt die Sorgen und Ängste der Spielsüchtigen.
Lokales 4 Min. 15.03.2012

„Es kann jeden treffen“

Experten rechnen mit 4 500 Glücksspielsüchtigen in Luxemburg. Dabei ist vielen von der Spielsucht Betroffenen nicht bewusst, dass es in dieser aussichtslos scheinenden Situation auch Hilfe und Hoffnung gibt. Seit 2003 bietet die Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ Beratung und Unterstützung für spielsüchtige Menschen an.

von Heng Barone

Experten rechnen mit 4 500 Glücksspielsüchtigen in Luxemburg. Dabei ist vielen von der Spielsucht Betroffenen nicht bewusst, dass es in dieser aussichtslos scheinenden Situation auch Hilfe und Hoffnung gibt. Seit 2003 bietet die Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ Beratung und Unterstützung für spielsüchtige Menschen an. Ihr Präsident Romain Juncker, selbst langjähriger Spieler, kennt die Sorgen und Ängste der Betroffenen.

Glücksspiele haben eine lange Tradition und gehören seit jeher zur Kultur der Menschen. Die Möglichkeit des Gewinnens, die Vorstellung vom plötzlichen Reichtum, aber auch das gewisse Risiko machen den Reiz des Glücksspiels aus. Seit Beginn der 1980er-Jahre sind es vermehrt die Geldspielautomaten in Casinos, die für eine beachtliche Gruppe von Menschen zur „Glücksfalle“ werden. Doch auch das Internet bietet heutzutage ein riesiges Spektrum an Glücksspielen an.

Schätzungsweise 4 500 Menschen sind in Luxemburg spielsüchtig. Statistiken, die diese Aussage belegen, existieren zurzeit noch nicht, jedoch zeigen ausländische Studien, dass z.B. im deutschsprachigen Raum ein Prozent der Bevölkerung glücksspielabhängig ist. Fachleute gehen von einer ähnlichen Situation in Luxemburg aus.

Wer ist gefährdet?

Grundsätzlich ist jeder gefährdet, der mit Glücksspielen in Verbindung kommt. Ein größeres Risiko besteht allerdings bei Menschen, die bereits mit Problemen in ihrem sozialen Umfeld zu kämpfen haben. War das Glücksspiel vor 20 Jahren größtenteils auf das Casino beschränkt und so für Jugendliche nicht erreichber, so hat heutzutage jeder Minderjährige über das Internet Zugang zu Glücksspielen.

Das Angebot ist riesig: Ob Geldspielautomaten, Roulette, Black Jack, Lotterie-Spiele, Sportwetten und Online-Poker – um nur diese zu nennen: für jeden könnte etwas dabei sein. Aucht mit Rollenspiel-Süchtigen hatte Romain Juncker, Präsident der „Anonym Glécksspiller“-Vereinigung, bereits zu tun. Die Konsequenzen psychischer wie physischer Art seien in allen Fällen die gleichen, untermauert Juncker. Konzentrationsprobleme, Ess- und Schlafstörungen, Angstzustände und Depressionen sowie Kopf- und Bauchschmerzen seien nur einige Folgen der Spielsucht. Tatsache sei aber, dass nicht nur die Opfer selbst, sondern auch Familienangehörige oder Partner unter der Sucht ihrer Nächsten litten, erklärt der ehemalige Casino-Stammkunde. Diese seien überfordert mit der Situation, würden sich oft zuviel auf ihre leidenden Mitmenschen konzentrieren, sich selbst aber vernachlässigen.

2002, so Juncker, entstand die Idee, eine Anlauf- und Beratungsstelle für glücksspielsüchtige Menschen in Luxemburg zu gründen. Ansporn dazu lieferte die Tatsache, dass es in Luxemburg eine derartige Vereinigung nicht gab. 2003 wurde die Asbl „Anonym Glécksspiller“ gegründet. Romain Juncker erinnert sich: „Als ehemaliger Glücksspielabhängiger kenne ich die Ängste der Betroffenen. Mir war wichtig, den Leuten klar zu machen, dass es sich bei der Spielsucht um eine Krankheit handelt, die behandelt werden kann. Vielen ist nicht bewusst, dass die Krankenkasse eine therapeutische Behandlung übernimmt und dass es überhaupt Hilfe in der oft aussichtslos scheinenden Situation für Spielsüchtige gibt. Selbst wenn man sich darüber im Klaren ist, fehlt oft der nötige Mut, den ersten Schritt in Richtung Behandlung zu tun.

Falsche Vorstellungen über den Besuch beim Psychologen oder die Angst vor einer Therapie halten die Opfer davon ab, sich ausführlicher mit ihrer Krankheit zu befassen und den richtigen Weg einzuschlagen.“

Zahl der Spielsüchtigen steigt

Laut Juncker hat die Zahl der Anrufe von Spielsüchtigen in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Waren es anfangs zwei Telefongespräche pro Woche, so greift der Präsident momentan bis zu dreimal täglich zum Telefon, um Suchtopfern beizustehen oder sie zu einem persönlichen Beratungsgespräch einzuladen. Pro Jahr führt er bis zu 70 Beratungsgespräche und wird zwischen 200 und 300 Mal von Bekannten des Betroffenen oder von Spielsüchtigen selbst telefonisch um Hilfe gebeten.

Seit der Gründung der Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ im Jahr 2003 wurden 30 krankhafte Glücksspieler zur Behandlung in der deutschen „Psychosomatische Fachklinik Münchwies“ begleitet und unterstützt. Dieses Jahr plane man die Therapiebehandlung von sechs neuen Suchtpatienten in der Münchwiesner Klinik, so Romain Juncker.

Was tun gegen die Sucht?

Da Spielsüchtige sich oft für ihre Situation schämen oder Angst vor einer Therapie haben, dient die Vereinigung „Anonym Glécksspiller“ als Anlauf- und Beratungsstelle. In drei Schritten wird versucht, den Opfern zu helfen. In einem ersten Gespräch erklären die Familienmitglieder, Partner oder die Betroffenen selbst ihre Lage.

Darauf folgt ein Beratungsgespräch, bei dem das Problem der besagten Glücksspieler genau analysiert, erklärt und eingestuft wird. Stellt sich heraus, dass der Hilfesuchende ein krankhafter Spieler ist, stehen ihm zwei Möglichkeiten offen. Je nach Fall wird dem Spielsüchtigen geraten, an der wöchentlich stattfindenden Selbsthilfegruppe teilzunehmen, die von der Vereinigung der „Anonymen Glécksspiller“ veranstaltet wird. Handelt es sich um einen schwerwiegenderen Fall, wird schnellstmöglich eine psychologische Behandlung oder Therapie in die Wege geleitet. Kontakt aufnehmen oder sich über das Beratungsangebot informieren kann man telefonisch unter der Nummer 621 655 444. Beratungsgespräche ohne Termin werden jeden Montag von 9.30 bis 12 Uhr bei der „Patientevertriedung“ in der Rue Dicks in Luxemburg abgehalten. Eine Selbsthilfegruppe versammelt sich jeden Dienstag von 18.30 bis 20.30 Uhr ebenfalls in der Rue Dicks.