„Es gibt ein neues Selbstbewusstsein!“

Im Gespräch: Fernand Fehlen (links) und Peter Gilles.
Im Gespräch: Fernand Fehlen (links) und Peter Gilles.
Guy Jallay

Interview von Birgit Pfaus-Ravida

Im Unesco-Atlas der bedrohten Sprachen war Luxemburgisch vor genau einem Jahr als „gefährdet“ eingestuft worden. Diese Einordnung hatte damals für große Aufregung gesorgt. Wie am Donnerstag berichtet, wurde dieser Online-Atlas jetzt in einem wesentlichen Punkt geändert: Nicht schätzungsweise 300 000 Menschen sprächen Luxemburgisch, sondern 390 000. Mit dieser Zahl liegt die Unesco nun viel näher an der Schätzung „400 000“, mit der die Universität Luxemburg arbeitet. Sprachwissenschaftler Professor Peter Gilles und Sprachensoziologe Fernand Fehlen im Gespräch über Zahlen und Tendenzen rund um die luxemburgische Nationalsprache.

390 000 Luxemburgisch-Sprecher – wie kommt diese Zahl zustande? Warum schätzt die Uni sogar 400 000? Zählen nur Muttersprachler dazu? Oder auch im Land lebende Ausländer und Grenzgänger?

Fernand Fehlen: Unsere Zahl 400 000, die ich in meinen „Baleine“-Studien verwendet habe, beruht auf Umfragen bei Luxemburgern und Ausländern. Ich kam auf 280 000 Menschen mit luxemburgischer Nationalität, davon etwa 270 000, die wirklich Luxemburgisch sprechen. Dazu kommen etwa 220 000 Ausländer, von denen die Hälfte, also 110 000, Luxemburgisch spricht. Außerdem etwa 150 000 Grenzgänger, von denen zwischen 20 000 und 30 000 Luxemburgisch können. Interessant ist, dass in anderen mehrsprachigen Ländern solche Zahlen bei Volkszählungen abgefragt werden. Das ist hierzulande nicht der Fall, wäre aber sinnvoll. Doch die Chancen stehen gut, dass das bald gemacht wird.

Peter Gilles: In ihrem Atlas der bedrohten Sprachen stützt sich die Unesco übrigens auf die Quelle „Ethnologue“, die in einer privaten religiösen linguistischen Organisation in den USA verankert ist. Die Quelle ist, sagen wir es vorsichtig, nicht immer zuverlässig.

Im vergangenen Jahr hatte die Unesco Luxemburgisch auf der ersten von fünf Stufen, die zum Aussterben einer Sprache führen, angesiedelt. Ist Luxemburgisch jetzt wirklich nicht mehr im „unsicheren Status“? Laut Unesco und auch im persönlichen Empfinden Vieler steht sie ja in starker Konkurrenz zum Französischen und zum Deutschen ...

Peter Gilles: Luxemburgisch war nie auf einem „unsicheren Status“. Natürlich gehen durch fremdsprachliche Einflüsse Worte verloren beziehungsweise werden durch andere ersetzt. Das findet man als Sprachwissenschaftler auch schade. Doch solange die Struktur, die Grammatik nicht betroffen ist und sich nur der Wortschatz verändert, ist die Sprache nicht in Gefahr. Es ist unangebracht, solche Dinge zu politisieren. Es gab in Luxemburg schon immer Regionen, in denen der „Kéisecker“ „Igel“ hieß. Und: In allen Sprachen gibt es viele Varianten. Man kann nicht sagen: „Es gibt nur ein Luxemburgisch.“ Luxemburgisch ist so komplex wie andere Sprachen auch. Und Sprachpuristen gibt es wiederum in jedem Land. Übrigens hat Peter Klein schon im 19. Jahrhundert gesagt, Luxemburgisch sei so „französisiert“, dass bald „niemand mehr Luxemburgisch spricht.“ Jetzt sind wir 150 Jahre später – und Luxemburgisch ist immer noch nicht ausgestorben. Das zeigt: Geschichte und Argumente wiederholen sich.

Fernand Fehlen: Rein soziologisch gesehen ist es aber hierzulande schon immer noch so, dass sich die gebildete Schicht durch ihre Mehrsprachigkeit von der Masse abhebt und abheben wil, beispielsweise, indem man sich generell schnell dem fremdsprachigen Gesprächspartner anpasst oder bei offiziellen Gelegenheiten Französisch spricht – die „Bildungssprache“.

Apropos Bildung: Tut der Staat nach der gesetzlichen Verankerung als Nationalsprache im Jahr 1984 heute wirklich genug dafür, das Luxemburgische zu schützen, mehr noch, es zu pflegen?

Fernand Fehlen: Es gibt zwar Ansätze, aber ich sage immer noch: Nein, das ist nicht genug. Luxemburgisch ist im Primärschulunterricht und in den Lyzeen nicht ausreichend verankert. Es wird nicht systematisch gelehrt. Doch trotzdem hat es sich in einigen Fächern, auch inoffiziell, etabliert. Kinder, die nicht Muttersprachler sind, haben dann Nachteile, weil ihnen die Systematik der Sprache fehlt und sie dem Unterricht nicht so gut folgen können.

Peter Gilles: Zwar wird die Rolle der Schriftlichkeit für Sprachen oft überbewertet, und in Luxemburg ist definitiv der mündliche Gebrauch der Sprache wichtiger. Doch ohne Schriftlichkeit geht es eben nun mal nicht. Darum muss gerade der Schulbereich gesondert betrachtet werden. Die Kinder müssen eine normierte Form des Luxemburgischen kennenlernen.

Eine normierte schriftliche Form des Luxemburgischen, also die exakte Rechtschreibung, kennen viele Luxemburger nach eigenen Angaben selbst nicht hundertprozentig. Und doch kann man heute viel öfter Luxemburgisch lesen als noch vor einigen Jahren.

Peter Gilles: Ja, dazu tragen vor allem die sogenannten Neuen Medien bei. Ob Handy-SMS, Internet-Chat oder Facebook: Luxemburger benutzen hier ganz selbstverständlich ihre Sprache. Und auch, wenn die Rechtschreibung nicht immer stimmt, ist das ein eindeutiges Zeichen: Es gibt ein neues Selbstbewusstsein. Gerade die Jungen finden das Benutzen „ihrer“ Sprache ganz selbstverständlich. Ich habe mal meine Studenten gefragt, in welcher Sprache der Spruch auf ihrem Anrufbeantworter ist. Die Antwort war bei allen Luxemburgern: „Luxemburgisch“.

Fernand Fehlen: Ja, Luxemburgisch wird in immer mehr Funktionen gebraucht, da findet ein Wandel statt, was das Selbstbewusstsein angeht. Trotzdem insistiere ich: Luxemburgisch soll endlich die „Aura“ einer Hochsprache beziehungsweise einer Kultursprache bekommen und also auch in der Schule gelehrt werden.

Immer wieder kommt die oft emotionale Debatte auf, ob Luxemburgisch eindeutig eine Sprache ist oder doch ein Dialekt. Wie viele Merkmale einer Sprache hat Luxemburgisch, wie viele eines Dialektes?

Peter Gilles: Das kann man nicht aufschlüsseln. Wenn man sich eine Sprache linguistisch gesehen als Objekt ansieht, dann macht es sprachwissenschaftlich gesehen keinen Sinn, zwischen Dialekt und Sprache zu differenzieren. Alles, was wir als Dialekt bezeichnen, ist wissenschaftlich gesehen so funktional wie Hochfranzösisch oder Hochdeutsch. Es gibt keine Sprachform ohne vollständige Grammatik. Man kann allerdings den Punkt „Wortschatz“ anbringen. Wie flexibel ist der? Kann ich damit auch komplizierte Sachverhalte ausdrücken? Kann ich nicht nur über Essen und Wetter, sondern auch über Atomkraft und Identitätskrisen reden? Wenn ich das mit „Ja“ beantworte, dann zeigt das, dass Luxemburgisch über die Kapazitäten verfügt, als vollwertige Sprache angesehen zu werden.

Fernand Fehlen: Aus soziolinguistischer Sicht gebe ich diesen Anstoß: Sprache ist das, was Leute als Sprache ansehen.