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"Ënnert de Schwarz-Wäissen wore mir di faarwegst!"
Lokales 7 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

"Ënnert de Schwarz-Wäissen wore mir di faarwegst!"

Lokales 7 Min. 15.03.2012 Aus unserem online-Archiv

"Ënnert de Schwarz-Wäissen wore mir di faarwegst!"

Die Nachricht schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe: Am 25. November 2007 verkündete der damalige Bezirksstaatsanwalt Robert Biever, dass zwei Verdächtige in der Affäre „Bommeleeër“ verhaftet wurden. Schnell wurde bekannt, dass es sich dabei um die beiden Ex-Gendarmen Marc Scheer und Jos Wilmes handelt. Mit dem LW haben Scheer und Wilmes über ihre Verhaftung, die Verhöre und ihren derzeitigen Gemütszustand gesprochen.

Die Nachricht schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe: Am 25. November 2007 verkündete der damalige Bezirksstaatsanwalt Robert Biever, dass zwei Verdächtige in der Affäre „Bommeleeër“ verhaftet wurden. Schnell wurde bekannt, dass es sich dabei um die beiden Ex-Gendarmen Marc Scheer und Jos Wilmes handelt. Nach der Entscheidung der Ratskammer des Appellationshofs von letzter Woche steht fest, dass sich beide nun wegen der Attentate vor Gericht verantworten müssen. Mit dem LW haben Scheer und Wilmes über ihre Verhaftung, die Verhöre und ihren derzeitigen Gemütszustand gesprochen.

Am 25. November 2007 verkündete der damalige Bezirksstaatsanwalt Robert Biever, dass man zwei Verdächtige in der Affäre „Bommeleeër“ verhaftet habe. Seit diesem Tag sind Ihre Namen der Öffentlichkeit bekannt. Wie gehen Ihre Familien mit dieser Affäre um?

Marc Scheer: Schlecht, ganz schlecht. Vor allem die Kinder hat das Ganze sehr getroffen. Meine jüngste Tochter ist noch letzte Woche nach der Entscheidung der Ratskammer des Appellationshofs zusammengebrochen. Das trifft einen als Vater doch sehr.

Was hat sich für Marc Scheer und Jos Wilmes an diesem Tag geändert?

Jos Wilmes: Der Glaube an die Luxemburger Justiz ist mir verloren gegangen. Und dieser Justiz habe ich 30 Jahre lang gedient.

Marc Scheer: Bei der letzten Sitzung des Appellationshofs habe ich noch betont, dass einzig noch die Wahrheit uns helfen kann. Die richtige Wahrheit und nicht jene, die jetzt zusammengesponnen wird. Die feigen Täter sollen sich endlich melden. Sie waren mutig genug, Attentate zu verüben. Dann sollen sie jetzt auch den Mut aufbringen, dazu zu stehen.

Besteht für Sie beide denn noch Hoffnung, dass der Prozess die „richtige Wahrheit“ ans Licht bringt?

Marc Scheer: Hätten wir keine Hoffnung mehr, könnten wir uns beide genauso gut von der roten Brücke stürzen ...

Wie geht man mit einem solchen Druck um? Schaffen Sie es, sich abzulenken?

Jos Wilmes: Die meiste Zeit läuft man mit einem Schleier vor den Augen herum. „Träumst du? Was passiert gerade? Wann hat das endlich ein Ende?“. Diese Fragen beschäftigen dich den ganzen Tag.

Marc Scheer: Vor allem nun, da wieder über die Affäre berichtet wird, hat man das Gefühl, als würden alle Menschen mit dem Finger auf dich zeigen.

Sie wurden in der Folge vom Dienst suspendiert. Wie haben Sie darauf reagiert?

Marc Scheer: Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Man sitzt nur herum und denkt nach. Man fragt sich, wie so etwas nur möglich ist. Man sucht nach Erklärungen, die es nicht gibt. Ich habe mich heute immer noch nicht damit abgefunden. An Schlaf ist gar nicht zu denken, denn es vergeht kein Tag, an dem man nicht damit konfrontiert wird. Wütend macht mich einfach der Umstand, dass wir es nicht waren und trotzdem angeklagt wurden. Und ich bin mir sicher, dass die Justiz die wahren Hintermänner kennt.

Jos Wilmes: Inzwischen sind mehr als vier Jahre vergangen. Dabei leben wir doch in einem Rechtsstaat. Doch die menschlichen Aspekte werden einfach ignoriert.

Marc Scheer: Jetzt haben sie zwei Verdächtige gefunden und lassen sie nicht mehr los. Koste es, was es wolle. Zwei Bauernopfer, um die Kritiker ruhig zu stellen. Brot und Spiele fürs Volk. Und die Justiz kann sich mit der Gewissheit zurücklehnen, etwas unternommen zu haben. So kommt es uns vor! Ich habe in den Vernehmungen herumgeblödelt, Jos Wilmes hat einige Bemerkungen gemacht und schon lassen sie uns nicht mehr los. Zu keinem Moment wurde zu unserem Gunsten ermittelt. Die Staatsanwaltschaft kann wirklich nicht von sich behaupten, Ermittlungen durchgeführt zu haben. Weil einige Spuren, wie Stay behind, Gladio oder CIA wurden einfach nicht weiterverfolgt.

Jos Wilmes: Wir wollen nicht vom eigentlichen Thema ablenken. Doch hat man sich regelrecht geziert, anständig in verschiedene Richtungen zu ermitteln. Es wurde nur das absolute Minimum getan.

Marc Scheer: In einem Steinbruch nahe Hosingen wurden Ende der 70er-Jahre 30 kg Luxite entwendet. Nur kurze Zeit später explodierten vor einem Café und vor der Gendarmerie in Hosingen zwei Sprengsätze. Der gleiche Modus Operandi, wie im Dezember 85 vor dem Konferenzzentrum auf Kirchberg: Ein Auto verlangsamt seine Fahrt, jemand wirft einen Sprengsatz aus dem Fenster und der Wagen fährt davon.

Wie oder wann hat die Affäre „Bommeleeër“ für Sie beide ihren Anfang genommen?

Marc Scheer: Das müsste 2003 oder 2004 gewesen sein, als man uns um eine DNA-Probe gebeten hatte. Dann fingen die Verhöre an. Im Laufe dieser Ermittlungen ist die „Brigade mobile de la Gendarmerie“ immer mehr in den Fokus gerückt. Bis dahin war ich immer der Überzeugung, dass es sich um Erpressung handelte. Schließlich hatten die „Bommeleeër“ die Cegedel im Visier. Ich erfuhr erst während der Verhöre von der Gendarmerie-Spur. Doch von all den Leuten, die mit mir oder unter mir gearbeitet haben, kommt niemand in Frage für die Attentate! Wir haben so eng zusammengearbeitet, dass es aufgefallen wäre. Und wir haben auch nicht auf Anweisung von Oben gehandelt. Wir hätten eher noch unsere Vorgesetzten an den Pranger gestellt, als solche Befehle auszuführen. Doch einen solchen Befehl haben wir nie erhalten und wir hätten ihn auch niemals befolgt.

Ab welchem Zeitpunkt hatten Sie das Gefühl, dass die Ermittlungen sich konkret auf Sie konzentrierten?

Jos Wilmes: Während der Verhöre. An der Art und Weise der Fragen erkannte ich, dass die Ermittlungen sich plötzlich gegen uns richteten.

Marc Scheer: Mir hat ein Ermittler gesagt: „Wärst du nicht Polizist, müsstest du jetzt schon ins Gefängnis“. Und im Zusammenhang mit dem Attentat in den Kasematten wurden mir plötzlich Bemerkungen unterstellt, die ich so nie getätigt hatte. Zum Beispiel hätte ich gesagt: „Das war einfach. Wir sind hingegangen und haben die Kanister abgestellt“. Das habe ich so nie gesagt. Mir wurde unterstellt, ich hätte mich damit verraten. Die Ermittler haben jede Aussage so gedreht, wie es ihnen passte. Jede Frage war zweischneidig …

Jos Wilmes: Die Ermittlungen sind stets gegen uns gelaufen. Nie wurde zu unseren Gunsten ermittelt. All die Elemente, die unsere Unschuld beweisen könnten, wurden einfach ignoriert.

Sie waren also nicht überrascht, als Sie am 23. November 2007 verhaftet wurden?

Marc Scheer: Doch! Ich wurde ins Büro meines Vorgesetzten bei der UGRM bestellt und dort standen bereits die Männer der Spezialeinheit. Ich dachte noch, da stünde eine größere Mission ins Haus, bei der meine Hilfe benötigt wurde. Doch da wurde mir bereits der Haftbefehl unter die Nase gehalten. Ich konnte es kaum glauben!

Jos Wilmes: Ich wurde ins Büro des Direktors der Polizeischule bestellt, an der ich damals tätig war. Ich nahm Platz, hinter mir betraten die Beamten der Spezialeinheit und der Kriminalpolizei den Raum und ich wurde verhaftet.

Herr Scheer, Sie haben einige Male angedeutet, dass manche Aussagen in den Vernehmungen falsch interpretiert wurden. Können Sie uns Beispiele nennen?

Marc Scheer: Ich habe das Ganze am Anfang nicht ernst genug genommen. Im Zusammenhang mit dem Attentat auf das Schwimmbad – am Tag der Pensionierung von Colonel Wagner – habe ich mich zu dem Witz hinreißen lassen, dass jeder seine Art hätte, solche Gelegenheiten zu feiern. Auf solche Aussagen sind die Ermittler sofort gesprungen. Als mir die Täterbeschreibung eines Zeugen in der Nähe des Findels vorgelesen wurde – ein großer, hagerer Mann und ein kleinerer, untersetzter Mann – habe ich gescherzt: „Das waren Jos Wilmes und ich“. Verschiedene Merkmale trafen zu, jedoch trug der große Mann keine Brille. Und ohne Brille könnte Jos nicht mal die Straße überqueren.

Jos Wilmes: Im Zusammenhang mit dem Anschlag in den Kasematten wurden ja auch Täter beobachtet. Und die Beschreibung passt gar nicht zu uns.

Marc Scheer: Außerdem befanden wir uns zu diesem Zeitpunkt nahe Blascheid bei der „Booby Trap“. Wir waren die zweite Einheit vor Ort. Wir wurden noch von der ersten Einheit auf die Sprengfalle hingewiesen. Ansonsten wären wir wohl in die Falle getappt.

Herr Wilmes, wurden Ihrer Auffassung nach auch Aussagen von Ihnen aus dem Zusammenhang gerissen?

Jos Wilmes: Was die Täterbeschreibung auf Findel angeht, so hatten mir die Ermittler mitgeteilt, dass Herr Scheer zugegeben hätte, dass es sich bei den zwei Männern um uns beide handele. Etwas später habe ich mich zu der sarkastischen Bemerkung hinreißen lassen, dass Herr Scheer in dem Fall über ein hervorragendes Gedächtnis verfüge, da ich mich nicht an dergleichen erinnern könnte. Auch diese Aussage wurde aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert.

Marc Scheer: Gegenüber von Kollegen ist mir der Humor auf jeden Fall vergangen...