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Engpass am Impfmarkt
Ein seltenes Gut: der Grippeimpfstoff war Ende vergangenen Jahres komplett aufgebraucht.

Engpass am Impfmarkt

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Ein seltenes Gut: der Grippeimpfstoff war Ende vergangenen Jahres komplett aufgebraucht.
Lokales 5 Min. 19.01.2019

Engpass am Impfmarkt

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres kann man sich in Luxemburg nicht mehr gegen die Grippe impfen lassen. Der Gesundheitsminister erklärt dies mit der hohen Nachfrage.

Wer sich Ende vergangenen Jahres vor der saisonalen Grippeepidemie schützen lassen wollte, blickte in die Röhre: Selbst Ärzte beklagten, dass es seit November schwierig geworden sei, an den Impfstoff zu kommen. Anfang Dezember waren die Lager dann ganz leer. In der Antwort auf eine parlamentarische Frage bestätigt Gesundheitsminister Etienne Schneider die Informationen, welche dem „Luxemburger Wort“ zugetragen wurden: Einer der beiden verbliebenen Hersteller, der Pharmakonzern Mylan, war in letzter Minute abgesprungen. Deswegen konnten rund 30.000 Dosen, die der Hersteller liefern sollte, nicht an die luxemburgischen Abnehmer verteilt werden. Und dies obwohl sich der Hersteller bereits im Februar vergangenen Jahres dazu verpflichtet hatte.

Einer steigt aus

Laut Schneider sei man am 2. Oktober per Brief darüber informiert worden. Schließlich habe der zweite Zulieferer, GSK Glaxo᠆SmithKline, sich bereit erklärt, die fehlenden Dosen zu liefern. Damit seien insgesamt 73.000 Dosen nach Luxemburg geliefert worden, der Ausfall habe dadurch komplett kompensiert werden können. Weshalb der Impfstoff trotzdem ab Dezember in den Apotheken fehlte, erklärt Schneider mit der ungewöhnlich hohen Nachfrage: Obwohl die Menge an geliefertem Impfstoff 35 Prozent über der Durchschnittsmenge der vergangenen Jahre gelegen habe, habe man die Nachfrage nicht stillen können. Die Gründe für dieses enorme Ansteigen der Impfwilligen seien noch nicht klar, so Schneider in seiner Antwort.


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Schneider erklärt weiter, dass der Hersteller Mylan wegen produktionsbedingter Probleme und wegen des zu niedrigen Preises auf dem belgisch-luxemburgischen Markt beschlossen habe, die Impfstoffe entgegen seiner Zusage in anderen Staaten zu vermarkten. Oder besser gesagt: Es ging ums Geld. Als auch GSK Anfang Dezember an seine Grenzen stieß, leerten sich die Lager. Zwar hätten die luxemburgischen Gesundheitsbehörden nach dem Lieferstopp Anfang Dezember noch versucht, Lieferungen bei anderen Herstellern zu bestellen. Wegen der hohen Nachfrage in ganz Europa sei dies bisher aber erfolglos geblieben. Die Gesundheitsbehörden hätten hier keine wirkliche Handhabe. Zwar sei die Zulassung für einen nationalen Markt wohl mit Auflagen verbunden.

So müsste der Hersteller, der den Zuschlag bekommt, während der gesamten Nachfragezeit liefern können. Diese Regelung bliebe aber folgenlos, wenn das Produkt gar nicht erst auf diesem Markt verkauft werden würde oder wenn der gesamte europäische Markt bereits leer geräumt wurde. Zudem könne aus nachvollziehbaren Gründen kein Hersteller dazu verpflichtet werden, ein bestimmtes Produkt herzustellen. Weil der freie Markt das Problem offensichtlich nicht lösen kann, wäre laut Schneider auch eine europaweite öffentliche Ausschreibung denkbar. Der staatliche Abnehmer würde dann eine Mindestabnahmemenge garantieren, so wie dies bei verschiedenen Kinderimpfstoffen bereits der Fall ist. Dieses Modell steht und fällt aber mit der Anzahl der interessierten Hersteller. Die Preise riskierten dann allerdings kräftig zu steigen.

Auf der anderen Seite könnten dann aber auch Strafen für die Hersteller ausgesprochen werden, die sich nicht an die Abmachungen halten.

Klage wäre kontraproduktiv

Theoretisch könnte der luxemburgische Staat sogar den Hersteller GSK verklagen, weil dieser die Lieferungen ab Dezember stoppte. Dies wäre laut Schneider aber kontraproduktiv, weil genau dieser Hersteller den Gesundheitsbehörden sozusagen aus der Patsche half und Zusatzmengen lieferte. Aber auch wenn Strafen nicht möglich sind, so könnte man Zulieferer, welche sich nicht an ihre Verpflichtungen halten, auch anders bestrafen. „Sie verkaufen doch andere Medikamente nach Luxemburg. Die könnte man dann ja auch bei der Konkurrenz bestellen, so Alain de Bourcy, Präsident des Apothekerverbands. „Da es ohnehin nur um Gewinnmaximierung geht, könnten solche Nadelstiche die Konzerne eventuell zum Umdenken bewegen.“

Einige Fragen bleiben trotzdem offen: Wohl stimmt es, dass auch Frankreich, Belgien und Deutschland erhöhte Impfquoten verzeichneten und die Reserven auch dort ab Mitte Dezember erschöpft waren. Wenn Mylan seine 30 000 Dosen aber wie versprochen geliefert hätte, hätte der Engpass dann nicht von vornherein verhindert werden können? Auch in dem Fall hätte man ja bei gestiegener Nachfrage noch eine Nachbestellung bei GSK anfragen können.

Künftig ein Monopol?

Zudem bleibt weiterhin die große Frage, wer den Grippeimpfstoff für die Saison 2019/2020 denn nun liefern soll. Dies dürfte vor allem von der Preisgestaltung der belgischen Behörden sowie der Anzahl der interessierten Konkurrenten abhängen. Zwar hat sich laut Gesundheitsministerium Mylan in einem Schreiben dazu verpflichtet, dieses Jahr wieder zu liefern.

Dass deswegen kein De-facto-Monopol entstehen würde, wie in der Antwort dargestellt wird, stimmt unseren Informationen nach zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nicht. Laut dem Präsidenten des Apothekerverbands, Alain de Bourcy, bestelle man die künftigen Grippeimpfungen zurzeit nämlich nur bei einem einzigen Hersteller: GSK. Sollte dieser Hersteller Produktionsprobleme bekommen, stünde Luxemburg vor einem echten Problem. Dass die Gesundheitsbehörden zumindest nervös geworden sind, zeigt auch deren Druck auf die Apotheker: Bereits vor Weihnachten, also deutlich früher als in den vergangenen Jahren, wurden sie dazu aufgefordert, ihre Bestellungen einzureichen.



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