Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Empty-Nest-Syndrom“: Wenn Eltern sich einsam fühlen
Lokales 3 Min. 13.09.2016 Aus unserem online-Archiv

„Empty-Nest-Syndrom“: Wenn Eltern sich einsam fühlen

Die Tatsache, dass einige Eltern sich in ihrer Elternrolle gar überflüssig fühlen, kann einigen Experten zufolge bis hin zur Depression führen.

„Empty-Nest-Syndrom“: Wenn Eltern sich einsam fühlen

Die Tatsache, dass einige Eltern sich in ihrer Elternrolle gar überflüssig fühlen, kann einigen Experten zufolge bis hin zur Depression führen.
(Foto: Shutterstock)
Lokales 3 Min. 13.09.2016 Aus unserem online-Archiv

„Empty-Nest-Syndrom“: Wenn Eltern sich einsam fühlen

Laurence BERVARD
Laurence BERVARD
Es sind unterschiedliche Gründe, die 173 Anrufer vergangenes Jahr dazu brachten, beim „Elterentelefon“ um Rat und Hilfe zu fragen. Einer davon ist die Verlustangst, die Eltern empfinden, nachdem ihre Kinder aus dem Familienhaus ausziehen.

(lb) - Für junge Eltern steht September für Schulanfang. Für Eltern mit erwachsenen Kindern wird der Monat zum Neuanfang – etwa dann wenn die Kinder zur Uni gehen oder für den ersten Job aus dem Familienhaus ausziehen. „Endlich wieder Zeit für uns“, könnten die Eltern denken. Doch mischt sich diese anfängliche Freude oft mit Sehnsucht, Trauer und Verlust eines Teils des Lebensinhalts, wenn Eltern sich nicht mehr um ihre Sprösslinge kümmern können. Im Fachjargon ist vom „Empty-Nest-Syndrom“ die Rede, das leere Nest also, aus dem die Kinder ausgeflogen sind und in dem die Eltern nun plötzlich alleine sind.

Mögliche Adaptationsschwierigkeiten, die der Auszug für Eltern mit sich bringen kann, werden oft unterschätzt, sagen Experten. „Eltern sind oft traurig, weil die Kinder so lange unter ihrer Obhut waren und sie sich bewusst werden, dass sie jetzt loslassen müssen“, berichtet Aline Hartz, Psychologin beim „Kanner-Jugendtelefon“, der auch das „Elterentelefon“ operiert. Immer wieder bemerken sie und ihre Mitarbeiter, dass dieses Syndrom sowohl Mutter als auch Vater auf den Prüfstand stellen kann und diesbezüglich vermehrte Anrufe auf ihrer Hotline eingehen.

Zuviel Leere und Ruhe

Der Auszug der Kinder geht für die Eltern mit veränderten Gewohnheiten einher – Gespräche beim Abendbrot, gemeinsames Einkaufen oder Streitereien um die Ausgehzeiten gehörten nun einmal zum Alltag. Plötzlich fehlen sie. Die Ruhe im Haus ist einem dann ganz fremd. „Plötzlich ist weniger Leben im Haus und der physische Kontakt zu den Kindern fehlt den Eltern sehr“, so die Psychologin. Einige Therapeuten beschreiben, dass die Eltern sich regelrecht in Rente geschickt fühlen. „Die Mutter- und Vaterrolle ist jetzt auf den zweiten Platz gerutscht.“ Die Tatsache, dass einige Eltern sich in ihrer Elternrolle gar überflüssig fühlen, kann einigen Experten zufolge bis hin zur Depression führen. Deshalb raten sie zum Gespräch.

Das „Empty-Nest-Syndrom“ kann in manchen Fällen zu familiären Konflikten führen, weil Kinder sich autonom fühlen, Eltern aber denken, dass sie für den Auszug noch nicht bereit sind. „Oft geht den Eltern der ganze Prozess zu schnell. Das lässt die Eltern spüren dass sie älter werden und jetzt auch für sie ein neuer Lebensabschnitt beginnt“.

Kampf gegen den Kontrollverlust

Dabei vernachlässigen Eltern oft ihr eigenes Verdienst. „Einerseits sind die Eltern stolz, dass ihre Kinder ihren eigenen Weg gefunden haben, und dass sie ihnen dabei helfen konnten, diesen einzuschlagen. Andererseits bedrückt sie die Angst, dass jetzt etwas schief laufen könnte“, beschreibt Hartz.

Als symptomatisch gilt der Kampf gegen den Kontrollverlust – Kinder sollen doch bitte noch ihren Wäschekorb am Wochenende mit nach Hause bringen – so wie exzessive Kontakte. „Einige Eltern würden am liebsten jeden Tag mehrere SMS verschicken, um sich nach dem Wohlergehen des Kindes zu erkundigen“, erläutert Hartz.

Wichtig sei es dann, sich mit den Eltern über die Triftigkeit ihrer Sorgen zu unterhalten. Oft würde ihnen dann bewusst, dass ihre Sprösslinge sehr wohl bereit für diese neue Herausforderung sind. „Manchmal vertuscht diese Angst einfach das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, loslassen zu müssen und auf ,Standby‘ zu sein“, meint Hartz.

Konstruktive Lösungsansätze

Eltern müssten das Vertrauen erlernen, dass die Kinder sich bei ihnen melden, falls sie sie brauchen. Kompromisslösungen sollten die Kinder am besten gleich selbst mit den Eltern aushandeln. Für Zuhause gilt der Rat, dass Paare wieder zueinanderfinden und Freizeitaktivitäten aufnehmen, die sie möglicherweise wegen der Kinder vernachlässigt hatten und einen neuen Zugang zu ihren jetzt immer unabhängigeren, erwachsenen Kindern finden. Stichwort: „Endlich wieder Zeit für uns haben ...“


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Hilfe, meine Eltern haben sich getrennt: Tipps für Scheidungskinder
Trennen sich Mama und Papa als Paar, bricht für die Kinder eine Welt zusammen. Eltern bleiben sie trotzdem. Wenn sich Jugendliche nicht in den Streit einmischen und offen über ihre Gefühle sprechen, können sie die schwere Zeit überwinden und gestärkt in die Zukunft blicken.
Immer wieder Streit, eine Trennung steht an: Jugendliche sollten in so einer Situation offen mit ihren Eltern über ihre Gefühle sprechen.