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"Eines Landes wie Luxemburg nicht würdig"
Lokales 3 Min. 10.07.2020

"Eines Landes wie Luxemburg nicht würdig"

Der Großteil der Menschen, die Hilfe bei Médecins du Monde suchen, lebt unter der Armutsgrenze.

"Eines Landes wie Luxemburg nicht würdig"

Der Großteil der Menschen, die Hilfe bei Médecins du Monde suchen, lebt unter der Armutsgrenze.
Foto: Luc Deflorenne
Lokales 3 Min. 10.07.2020

"Eines Landes wie Luxemburg nicht würdig"

Rita RUPPERT
Rita RUPPERT
Das Hilfswerk Médecins du Monde beklagt menschenunwürdige Zustände und fordert einen gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem.

Wegen Alkoholkonsums hat der 44-jährige Pedro seinen Führerschein, seinen Arbeitsplatz und seine Wohnung verloren. Weil er weniger als sechs Monate sozialversichert war, hat er weder ein Anrecht auf Arbeitslosengeld, noch auf medizinische Versorgung. 


Bei der Stëmm vun der Strooss in Esch wird das Essen vom Fenster aus an die Menschen verteilt. Am Dienstag passierten dort 67 Personen.
Esch/Alzette: Umstellung in Sozialstrukturen
Für manche Menschen ist die Einhaltung der Quarantäne noch um einiges schwieriger - Obdachlose, Drogenabhängige und Mittellose.

Ein Schicksal von vielen, das sich hinter den Zahlen der Hilfsorganisation „Médecins du Monde Luxembourg“ (MdM) verbirgt. Unter dem Titel „Soigner aussi l'injustice“ haben die Verantwortlichen jetzt die Jahresbilanz 2019 veröffentlicht. 

Medizinische Versorgung ist gratis

Bei MdM werden Bedürftige kostenlos medizinisch versorgt. Die Nachfrage ist so groß, dass die Sprechstunden regelmäßig überzogen werden. 

Die Betreuung soll so komplett wie möglich sein, weshalb auch zahn- und augenärztliche Behandlungen angeboten werden. Die Nachfrage ist so groß, dass die Wartezeit mittlerweile bei drei Monaten liegt. Auch Konsultationen bei einem Psychologen, einem Sozialarbeiter, Behandlungen durch einen Physiotherapeuten und medizinische Fußpflege werden viel in Anspruch genommen. 

Schweres Los für Obdachlose während der Corona-Pandemie

Was den Verantwortlichen seit Beginn der Corona-Pandemie Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass vor allem Menschen ohne Obdach riskieren, besonders von der Krankheit getroffen zu werden. 


Dr. Bisdorff,médecin du monde. Foto:Gerry Huberty
Menschen im Mittelpunkt: Helfen aus Überzeugung
Soziales Engagement ist für Dr. Marie-Anne Bisdorff kein leeres Wort. Die Allgemeinmedizinerin setzt sich bei "Médecins du Monde" in Bonneweg unentgeltlich im Dienst an den Nächsten ein. Ein Porträt.

„Diese Personen können sich nur begrenzt über die Präventionsmaßnahmen informieren und diese umsetzen. Ein Obdachloser kann auch keine Quarantänemaßnahmen einhalten“, betont David Pereira, zuständig für die nationalen Programme von MdM. 

In diesem Zusammenhang weist er auf die Rundgänge durch das Stadtzentrum, Bonneweg und das Bahnhofsviertel durch MdM und Inter-Actions hin, um die Betroffenen zu informieren und für die Abstandsregeln zu sensibilisieren

Ganzjährige Aufnahmestruktur könnte Abhilfe schaffen

Vizepräsident Dr Bernard Thill fordert, dass eine Aufnahmestruktur geschaffen werden soll, die ganzjährig geöffnet ist. Die sogenannte Wanteraktioun genüge nicht, auch wenn sie, wie in diesem Jahr, aufgrund der Corona-Pandemie bis Ende Juni verlängert wurde. 

Vizepräsident Dr Bernard Thill befürchtet, dass die Zahl der Obdachlosen durch die Folgen der Corona-Pandemie ansteigen wird.
Vizepräsident Dr Bernard Thill befürchtet, dass die Zahl der Obdachlosen durch die Folgen der Corona-Pandemie ansteigen wird.
Foto: Luc Deflorenne

Das Motto „Bleift doheem“ könne schlicht und einfach nicht umgesetzt werden, wenn man kein Zuhause habe, sagt Dr Thill. 

So haben die Médecins du Monde 25 Institutionen in Luxemburg kontaktiert, um eine Unterkunft für acht sehr vulnerable Personen zu finden. Dies sei äußerst schwierig gewesen, weil es sich um Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung, Sozialversicherung und vor allem ohne Geld handele. Mittlerweile haben sechs von ihnen ein Obdach, zwei eine provisorische Bleibe. 

Die Corona-Pandemie hat aber auch Auswirkungen auf die Funktionsweise der Centres d'accueil, de soins et d'orientation von MdM. So gibt es dort keinen Wartesaal mehr. Die Besucher müssen draußen in sicherer Entfernung voneinander warten. Falls die Pandemie anhält, müssen für die Herbst- und Wintersaison andere Lösungen gefunden werden. 

Kein Wartesaal, reduzierte Teams

Die Teams mussten reduziert werden: Es arbeiten jeweils ein Arzt und ein Krankenpfleger zusammen. 

Die Vereinigung verlangt, dass den Personen ohne Krankenversicherung ein gleichberechtigter Zugang zum Gesundheitssystem gewährt wird. Ihnen soll eine Hilfestellung angeboten werden, die ihren Lebensbedingungen entspricht. 

In diesem Zusammenhang spricht Dr Bernard Thill von aktuellen Zuständen, die für ein reiches Land wie Luxemburg unwürdig seien. 

Aus der Klinik auf die Straße entlassen 

So berichtet er von einem 60-jährigen Mann, der nach einer dringend notwendigen Operation und einem anschließenden einmonatigen Krankenhausaufenthalt entlassen wurde. Ihm sei nichts anderes übrig geblieben, als bis zum Beginn der Wanteraktioun am 1. Dezember auf der Straße zu schlafen. 

„Es ist menschenunwürdig, wenn man aus der Klinik auf die Straße entlassen wird“, so Thill. Angesichts der aktuellen sanitären Krise und deren noch nicht absehbaren wirtschaftlichen Konsequenzen, befürchtet er, dass die Obdachlosenzahlen noch ansteigen werden.

 

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Dr. Bisdorff,médecin du monde. Foto:Gerry Huberty