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Eine skeptische Betrachtung der Homöopathie: Der Glaube an die Globuli
Lokales 5 Min. 25.04.2015 Aus unserem online-Archiv

Eine skeptische Betrachtung der Homöopathie: Der Glaube an die Globuli

Homöopathische „Globuli“ sind kleine Pillen aus Milchzucker, die aufgrund der extrem hohen Verdünnung der Ausgangssubstanz meist gar keine Wirkstoffe enthalten.

Eine skeptische Betrachtung der Homöopathie: Der Glaube an die Globuli

Homöopathische „Globuli“ sind kleine Pillen aus Milchzucker, die aufgrund der extrem hohen Verdünnung der Ausgangssubstanz meist gar keine Wirkstoffe enthalten.
Guy Jallay
Lokales 5 Min. 25.04.2015 Aus unserem online-Archiv

Eine skeptische Betrachtung der Homöopathie: Der Glaube an die Globuli

Vor über zehn Jahren gab das Parlament grünes Licht für die Erstattung homöopathischer Medikamente durch die Krankenkassen. Dass die Homöopathie im Gegensatz zu anderen komplementärmedizinischen Praktiken eine privilegierte Stellung genießt, ist jedoch bis heute schwer verständlich.

VON MICHEL THIEL

Vor etwas mehr als zehn Jahren gab das Parlament grünes Licht für die Erstattung homöopathischer Medikamente durch die Krankenkassen, nachdem diese zwei Jahre lang aufgrund einer Anpassung der nationalen Gesetzgebung an europäisches Recht ausgeschlossen worden waren – aus Mangel an einem wissenschaftlichen Nachweis, was die Wirkung solcher Mittel betrifft. Dass die Homöopathie im Gegensatz zu anderen komplementärmedizinischen Praktiken eine privilegierte Stellung genießt, ist jedoch bis heute schwer verständlich.

Die Homöopathie ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als die evidenzbasierten, also auf naturwissenschaftlichen Prinzipien basierenden Heilkünste selbst noch in den Kinderschuhen steckten. Wie heute waren auch im Jahr 1810 die Methoden der allgemein praktizierten Medizin alles andere als makellos und rational begründet, als der deutsche Arzt, Übersetzer und Unternehmer Samuel Hahnemann, mit der Veröffentlichung seines berühmten Werks „Organon der rationellen Heilkunde“ die Homöopathie begründete und schon bald darauf die skeptischeren unter seinen Kollegen mit dem Kampfbegriff „Schulmediziner“ bedachte.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Anhänger der Homöopathie sehen diese gerne als „sanfte“ und „natürliche“ Alternative an, frei von den Auswüchsen einer als übermäßig technisiert und als unmenschlich empfundenen modernen Schulmedizin und einer profitorientierten Pharmaindustrie mit ihren chemischen Arzneimitteln, die offensichtlich trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts immer noch nicht in der Lage sind, den Traum von ewiger Gesundheit zu erfüllen.

Dabei wird all zu oft aber übersehen, dass die so genannte „Alternativmedizin“ unlängst zu einem Millionen Euro schweren Zweig der Pharmaindustrie geworden ist, deren Betreiber mit weitaus zweifelhafteren Methoden arbeiten, als dies in der evidenzbasierten Medizin der Fall ist.

Das lukrative Geschäft mit dem Nichts

Der Kampf um die wissenschaftliche Legitimierung der Homöopathie ist daher für die Hersteller solcher Präparate besonders wichtig, wenn auch aussichtslos. Allein in Deutschland und Frankreich, den beiden Ländern in welchen der höchste Konsum an homöopathischen Mitteln zu verzeichnen ist, machen die Hersteller solcher Präparate Umsätze von jeweils weit über 250 Millionen Euro jährlich. Lobbyisten sind damit beauftragt, Kritiker zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen. Methoden also, die ironischerweise von Anhängern der Homöopathie der „bösen Pharmaindustrie“ und der Schulmedizin zugeschrieben werden. Doch trotz wiederholter und hartnäckiger Gegendarstellungen homöopathischer Interessengruppen gilt die Wissenslage mittlerweile als klar: Es gibt trotz tausendfacher Studien immer noch keinen reproduzierbaren, wissenschaftlich glaubhaften Nachweis dafür, dass homöopathische Präparate eine Wirksamkeit besitzen, die über jene eines Placebos hinausreichen würde. Wer das Gegenteil behauptet, lügt schlichtweg und klammert sich an pseudowissenschaftliche Erklärungsansätze und statistische Kunstgriffe, deren wissenschaftliche Qualität nicht ausreicht, um einen Durchbruch zu erzielen. Fakt bleibt: An die Wirksamkeit homöopathischer Präparate zu glauben ist so, als ob man an Zauberei, Telepathie oder Gespenster glaubt.

„Scharlatanerie im weißen Kittel“

Auch das luxemburgische Ärztekollegium, welches als Aufgabe hat, die Einhaltung deontologischer Regeln in der medizinischen Praxis zu überwachen und Gutachten zu erstellen, hält von Homöopathie rein gar nichts. Während der Generalsekretär der Ärztevereinigung AMMD die alternativen Methoden nicht radikal verteufeln will, geht der Präsident des „Collège médical“ Dr. Marc Buchler in seinen Aussagen etwas weiter: „Die allermeisten Schulmediziner halten von Homöopathie rein gar nichts. In diesen Produkten ist keine chemisch wirksame Substanz enthalten und die Einnahme bewirkt gar nichts. Das ist Stand der Wissenschaft. Und an den haben wir Ärzte uns zu halten, das ist sogar unsere Pflicht.“ Der Präsident des Kollegiums wiederholt damit den Standpunkt, der bereits 1998 in einem eigenen Gutachten vertreten wurde: Es handelt sich um Scharlatanerie im weißen Kittel.

Den Konsumenten homöopathischer Präparate stört dies zunächst kaum. Denn oft findet die Inanspruchnahme dieser Form von Behandlung ihre Quelle eher im Glauben als in der Wissenschaft. Daran ist nichts auszusetzen, doch sollte die Frage erlaubt sein, ob auch „Ungläubige“ die Wiedererstattung solcher Präparate mit tragen sollten. Eine Diskussion also, die jener über die staatliche Unterstützung von Glaubensgemeinschaften nicht unähnlich ist.

Die Erstattung homöopathischer Präparate durch die Krankenkassen mag in der Summe der Gesamtleistungen nur einen geringen Anteil ausmachen: 2014 wurden 62 000 Euro erstattet, als rund 0,03 Prozent der Gesamtleistungen. Das sind zehn Prozent weniger als 2005, zur gleichen Zeit stieg jedoch die Zahl der Patienten, die sich homöopathische Mittel erstatten ließen leicht an. Dass 8 500 Patienten hierzulande jedes Jahr einer pseudowissenschaftlichen Komplementärbehandlung ihr Vertrauen schenken, liegt sicherlich auch an einer der größten Schwächen der modernen, evidenzbasierten Medizin: Sie nimmt sich nicht genug Zeit für den Menschen, der oft nicht in seiner Gesamtheit, sondern nur Patient mit einem bestimmten Leiden wahrgenommen wird. „Genau in diese Lücke sind die alternativen Methoden gestoßen“, so Dr. Büchler. Der Mensch verlange nach Zeit und Aufmerksamkeit, und die wird ihm dort gegeben. Zudem habe der Mensch immer auch eine „mystische, versteckte Seite“, so Büchler. Genau dort gehöre auch die Homöopathie hin: in den Bereich des Mystischen. Nicht aber in die Wissenschaft.

Kommentar: Freifahrtschein für Quacksalberei

Seit fast zwei Jahren wird im parlamentarischen Gesundheitsausschuss über ein Gesetz zum Schutz des Berufs des Psychotherapeuten und die Erstattung entsprechender Leistungen durch die Krankenkassen diskutiert. Ein komplexes Thema, bei dem zu Recht Wert auf wissenschaftlich fundierte Meinungen gelegt wird. Ein Ansatz, den man sich bei der Debatte über die Erstattung homöopathischer Mittel vor rund zehn Jahren ebenfalls gewünscht hätte. Stattdessen wurde damals ein Gesetz durchgewunken, das weniger Wert auf Wissenschaftlichkeit legte, sondern mehr darauf abzielte, den zahlreichen Anhängern der Homöopathie gefällig zu sein. Viel schwerwiegender als der vernachlässigbare Einfluss auf das Budget der Gesundheitskasse ist dabei die Tatsache, dass eine Gleichbehandlung echter Arzneimittel und von Präparaten, deren Wirksamkeit jener eines Placebos entspricht, in den Augen des Patienten als Legitimierung gilt – nach dem Prinzip „was erstattet wird, muss auch wirksam sein“. Es gibt jedoch bis heute kein echtes Argument, das eine derartige medizinische Hochstapelei rechtfertigt. Wer sich eine homöopathische Behandlung wünscht, sollte diese bekommen. Doch bezahlen sollte er dann aus eigener Tasche.

Michel Thiel


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