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Eine Frau, ein Wörterbuch
Lokales 4 Min. 22.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Eine Frau, ein Wörterbuch

Der ehemaligen Viandener Bürgermeisterin Gaby Heger (r.) wurde der Dienst an der Allgemeinheit zweifellos mit in die Wiege gelegt. In ihren Sprachkursen hat sie so auch jenseits von Politik und Vereinen eine erfüllende Herausforderung gefunden.

Eine Frau, ein Wörterbuch

Der ehemaligen Viandener Bürgermeisterin Gaby Heger (r.) wurde der Dienst an der Allgemeinheit zweifellos mit in die Wiege gelegt. In ihren Sprachkursen hat sie so auch jenseits von Politik und Vereinen eine erfüllende Herausforderung gefunden.
Foto: John Lamberty
Lokales 4 Min. 22.12.2018 Aus unserem online-Archiv

Eine Frau, ein Wörterbuch

John LAMBERTY
John LAMBERTY
Das Erlernen einer Sprache gilt als Schlüssel der Integration. Damit sich die Tür zur neuen Heimat öffnet, bedarf es aber auch guter Lehrer. So wie Gaby Heger, die ihren Novizen mit Leidenschaft das ABC des Lëtzebuergeschen beibringt.

Das Centre Oasis an einem verregneten Freitagabend im Dezember: In der Begegnungsstätte der Caritas in Wiltz sitzen ein gutes Dutzend Menschen beisammen und singen gemeinsam „Léiwe Kleeschen, gudde Kleeschen“. So kurz nach dem Nikolaustag an sich nichts Ungewöhnliches, würde es sich nicht um den internationalsten Chor handeln, der dieses alte Luxemburger Volkslied wohl jemals angestimmt hat.

In einem eigentümlichen Mix aus arabischen, portugiesischen, slawischen, französischen und afrikanischen Akzenten kämpft sich die bunte Sängerschar durch die Zeilen – bis der wackelige Melodienzug an der Stelle mit dem „Hee“ und dem „Iesel“ plötzlich aus den Fugen gerät und in einem herzhaften Gelächter zum Stehen kommt.

„Learning by speaking“

Auch Gaby Heger lacht, schließlich ist die Frau an der Tafel nicht Dirigentin, sondern Sprachkursleiterin. Will heißen, ihre Schützlinge müssen beim „Kleeschen“ nicht unbedingt den guten Ton treffen. Vielmehr sollen sie neue Wörter und Verben auf Lëtzebuergesch kennen und verstehen lernen. Dies nicht mit schulmeisterlicher Strenge, sondern mit Freude und erfrischendem Mut zum Sprachgebrauch.

„Entscheidend ist nicht, jeden Accent aigu richtig zu setzen. Es geht zunächst einmal darum, das Luxemburgische im Alltag weitestmöglich verstehen und anwenden zu können“, erklärt Gaby Heger.

Entsprechend praxisnah geht es denn auch im Unterricht zu: „Een, zwee, dräi, mee fir d'éischt, fir d'zweet, fir d'drëtt,“, „Wat fir een Dag ass haut, ass muer, war gëschter?“, „Ech leien, du läis, hie läit ...“ Zahlen, Vokabeln und Verben lernt man bei ihr vor allem im Frage-und-Antwort-Spiel. Und natürlich dank ständiger Wiederholung. Denn ein Prinzip gilt wohl für Schüler jedes Kulturkreises: Steter Tropfen höhlt den Stein ...

Ob aus Syrien, Portugal, Belgien oder Nigeria: Der Eifer, die luxemburgische Sprache zu erlernen und auch in der Fremde nicht fremd zu bleiben, vereint in den Sprachkursen im Centre Oasis letztlich alle Teilnehmer.
Ob aus Syrien, Portugal, Belgien oder Nigeria: Der Eifer, die luxemburgische Sprache zu erlernen und auch in der Fremde nicht fremd zu bleiben, vereint in den Sprachkursen im Centre Oasis letztlich alle Teilnehmer.
Foto: John Lamberty

Heimatkunde inklusive

Hunderte von Migranten aus aller Herren Länder hat Gaby Heger so in den zurückliegenden Jahren schon an die luxemburgische Sprache und zugleich auch an die Traditionen und die Kultur, die Eigenarten und Schönheiten der Regionen und an die Köpfe und Koordinaten des Großherzogtums herangeführt. Eine Aufgabe, die sie immer noch mit der Dynamik des ersten Tages angeht.

Hatte die ehemalige Bürgermeisterin von Vianden nach den Kommunalwahlen 2011 zunächst die Gemeindepolitik und in der Folge auch ihr Engagement bei der Verwaltung des Schlosses an den Nagel gehängt, so wurde der ewig Rastlosen doch schon bald eines klar: Ruhestand ist nichts für sie.

„Ich lechzte damals einfach nach einer neuen Herausforderung und so ergriff ich nach einem einjährigen Muttersprachenstudium an der Uni Luxemburg kurzerhand die Einladung, im Auftrag der Caritas, der Landakademie und anderer Institutionen selbst Luxemburgisch-Kurse zu leiten.“ Sie werden rasch zur Herzensangelegenheit einer Frau, welcher der Dienst am Nächsten, aber auch die Neugier an anderen Ländern und Kulturen zweifellos mit in die Wiege gelegt worden ist.

Steter Tropfen höhlt den Stein: Im Unterricht setzt Gaby Heger auf regelmäßige Wiederholung des Gelernten - und auf Humor und Herzlichkeit.
Steter Tropfen höhlt den Stein: Im Unterricht setzt Gaby Heger auf regelmäßige Wiederholung des Gelernten - und auf Humor und Herzlichkeit.
Foto: John Lamberty

Alles außer Ruhestand

„In meiner Jugend hatte ich immer von einem Engagement in der Entwicklungshilfe geträumt, das sich dann aber irgendwie nie ergeben hat“, schmunzelt Gaby Heger, deren Interessen sich dennoch deutlich in ihrer beruflichen Karriere als Beamtin bei der EU-Kommission und in ihrem langjährigen Einsatz in der Politik und der Vereinswelt spiegeln. In ihrer neuen Tätigkeit haben diese nun neue Nahrung erhalten, denn wer Sprachkurse hält, der lehrt und lernt oftmals in gleichem Maße.

„Die Menschen, die vor mir sitzen, bringen eben nicht nur ihre Bücher oder Hefte mit, sondern auch ihr Leben und ihre Erfahrungen, ihre Sorgen und ihre Träume“, erzählt Gaby Heger. Im Unterricht dreht sich demnach auch bei weitem nicht alles nur um Grammatik und Sprachübungen.

Man bringt eben nicht nur Bücher und Hefte mit, sondern auch Erfahrungen, Sorgen und Träume“

Man erzählt sich gegenseitig – und bestenfalls auf Luxemburgisch – von den kleinen und großen Tücken des Alltags, von Familie und Freunden, von den Eigenheiten der jeweiligen Herkunftsländer und mitunter eben auch von schönen Erlebnissen wie von harten Schicksalsschlägen. Finden sich in den Sprachkursen von Migranten über Jugendliche aus Einwandererfamilien bis hin zu Grenzgängern auch Schüler jedweder Couleur zusammen, so sind es denn auch die Flüchtlinge aus Kriegsgebieten und notgebeutelten Ländern, die oft mit besonders schwerem „Gepäck“ im Kursraum sitzen.

Auf Heimatsuche im Klassensaal

„Manche haben schreckliche Dinge erlebt, andere wissen nicht, wie es ihren Familien in der Ferne geht, und wiederum andere plagt die bange Frage, ob sie bleiben oder in das Elend ihrer Herkunftsländer zurückgeschickt werden“, sagt Gaby Heger. „Natürlich lässt einen das nicht kalt und so hilft man eben auch jenseits des Sprachenunterrichts, wo man kann.“

Was sie ihren Schützlingen zu Weihnachten wünscht, liegt denn auch auf der Hand: „Ich wünsche allen Betroffenen, dass ihre Länder wieder zur Ruhe kommen und sie irgendwann ohne Furcht in ihre Heimat zurückkehren können. Jenen, für die dies bis auf Weiteres ein frommer Traum bleibt, wünsche ich derweil, dass ihnen die Integration soweit gelingt, dass sie Freunde und Bekannte finden, um auch dieses Land Heimat nennen zu können.“ Mehr Worte braucht es an dieser Stelle wohl auch auf Lëtzebuergesch nicht ...

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