Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Eine besondere Konstellation: In dieser Familie zählt nur eine Stimme
Lokales 4 Min. 05.06.2015

Eine besondere Konstellation: In dieser Familie zählt nur eine Stimme

Bei Familie Vansteenkiste/Keller darf nur die 19-jährige Estelle wählen. Mutter Anne ist auf dem Papier Belgierin und Bruder Philip laut Gesetz noch zu jung.

Eine besondere Konstellation: In dieser Familie zählt nur eine Stimme

Bei Familie Vansteenkiste/Keller darf nur die 19-jährige Estelle wählen. Mutter Anne ist auf dem Papier Belgierin und Bruder Philip laut Gesetz noch zu jung.
Fotos: Guy Wolff
Lokales 4 Min. 05.06.2015

Eine besondere Konstellation: In dieser Familie zählt nur eine Stimme

Am Sonntag wird die 19-jährige Estelle beim Referendum mitbestimmen, ob ihre belgische Mutter und Jugendliche wie ihr 16-jähriger Bruder ein umfassendes Wahlrecht erhalten. Ob jetzt der große Familienzwist ausbricht?

Von Kerstin Smirr

Bei Familie Vansteenkiste/Keller gibt es eine besondere Konstellation: Mutter Anne würde gerne an den Parlamentswahlen und den Referenden teilnehmen, darf aber nicht. Sie lebt seit ihrer Geburt in Luxemburg, besitzt aber nur die belgische Staatsangehörigkeit.

Sohn Philip ist 16 Jahre alt, hat eine klare Meinung zu den Referendumsfragen, aber auch er hat keine Aufforderung erhalten, seine Stimme abzugeben. Schließlich ist er laut Gesetz noch zu jung.

Bleibt Estelle, die 19-jährige Tochter von Anne. Sie wird am Sonntag beim Referendum mitentscheiden, ob ihre Mutter als Ausländerin und Jugendliche im Alter ihres Bruders demnächst ein umfassendes Wahlrecht erhalten.

Die Diskussion um das Ausländerwahlrecht fand Anne Vansteenkiste, die seit ihrer Geburt in Luxemburg lebt, verzerrend und unausgewogen. Die Lehrerin schrieb daher einen Leserbrief an das "Luxemburger Wort", den Sie hier nachlesen können. Anschließend trafen wir sie und ihre beiden Kinder. Sie erklärten uns, ob das Referendum schon zu Familienstreitigkeiten geführt hat und wie sie auf die beiden Fragen der Volksabstimmung, die sie betreffen, antworten (würden).

Mutter Anne, 40 Jahre:

Anne hat mit ihren Schülern über das Referendum gesprochen. Sie bedauert, dass die politische Bildung im Lehrplan zu kurz kommt.
Anne hat mit ihren Schülern über das Referendum gesprochen. Sie bedauert, dass die politische Bildung im Lehrplan zu kurz kommt.

"Ich bin Luxemburgerin mit belgischem Pass. Wenn das Ausländerwahlrecht kommen sollte, würde ich mich auf der Wählerliste einschreiben. Klar verstehe ich, wenn Leute sagen, dass ich doch die luxemburgische Staatsangehörigkeit annehmen könnte.

Vor zwanzig Jahren fing ich einmal an, die nötigen Dokumente zu sammeln. Aber bevor ich alles zusammen hatte, waren die Stempel auf manchen Unterlagen schon wieder drei Monate alt und damit nicht mehr gültig.

Für den Job musste ich nicht Luxemburgerin werden. Daher habe ich später wenig Sinn darin gesehen, diesen riesigen Aufwand zu betreiben. Heute ist es einfacher, die doppelte Nationalität zu erhalten. Ich will nicht ausschließen, dass ich es noch einmal in Angriff nehme. 

Mit meinen Kindern habe ich über das Referendum gesprochen. Meiner Tochter möchte ich keine Meinung aufdrücken. Sie soll für sich selbst entscheiden.

Als Lehrerin habe ich im Unterricht das Referendum behandelt, ohne eine Meinung vorzugeben. Ich habe den Eindruck, dass sich die Schüler ihre Informationen auf Facebook holen und dort rufen die "Nein"-Sager am lautesten. Einige lassen sich leicht beeinflussen. In meiner Klasse wussten manche noch, dass es beim Referendum auch um das Wählen ab 16 geht. Von der Mandatsbegrenzung hatte noch niemand etwas mitbekommen. Ich hoffe, die Schüler nehmen etwas aus dem Unterricht mit. 

Den Leserbrief habe ich geschrieben, weil in der Diskussion um das Ausländerwahlrecht von Gegnern ein stereotypes Bild von Ausländern gezeichnet wird. Der Portugiese, der nur portugiesisch spricht. Dieses Bild ist so falsch! Im Lehrerzimmer diskutieren die Kollegen über das Referendum. Und wenn ich dann eine kurze Bemerkung mache und sage, dass ich den belgischen Pass besitze, kommt als pauschale Antwort: "Bei dir ist das aber etwas anderes." Nein, eben nicht!"


Sohn Philip, 16 Jahre:

Selbst wenn sich das Wählen ab 16 Jahren durchsetzt, wird es aller Voraussicht nach nicht vor Philips 18. Geburtstag umgesetzt. Er muss sich also noch etwas gedulden, bis er abstimmen darf.
Selbst wenn sich das Wählen ab 16 Jahren durchsetzt, wird es aller Voraussicht nach nicht vor Philips 18. Geburtstag umgesetzt. Er muss sich also noch etwas gedulden, bis er abstimmen darf.

"Ich bin realistisch. Beim Ausländerwahlrecht wird es zu einem "Nein" kommen. Das finde ich schrecklich. Dieser Nationalismus ist der größte Quatsch. Wenn du ins Restaurant gehst, sind dort hundertprozentig auch Ausländer. Auf der Straße höre ich Leute Englisch sprechen.

Die 35.000 Ausländer, die bisher schon an Kommunal- oder Europawahlen teilgenommen haben, kümmert es, was im Land passiert. Deren Stimme ist  relevanter als die Stimme eines Luxemburgers, der nur zur Wahl geht, weil er muss. Es ist traurig. Da gibt es einen Vorstoß für mehr Demokratie und dann sagen die Leute "Nein" dazu.

Am Sonntag würde ich gerne mitwählen. Wenn ich sehe, wie wenige Gedanken sich andere machen, die ein bisschen älter sind... Da werden bei Wahlen nur die Namen angekreuzt, die sie kennen. Den Altersunterschied zwischen einem 16- und einem 18-Jährigen empfinde ich als nicht so groß."


Tochter Estelle, 19 Jahre:

Estelle kann die Argumente von Bruder und Mutter gut nachvollziehen. Ihre Stimme sei aber ihre eigene, sagt sie.
Estelle kann die Argumente von Bruder und Mutter gut nachvollziehen. Ihre Stimme sei aber ihre eigene, sagt sie.

"Am Anfang hatte ich keine richtige Meinung zum Ausländerwahlrecht. Nun habe ich darüber nachgedacht und finde, dass es logisch ist, "Ja" zu sagen.

Im Unterricht wurde das Referendum nicht aufgegriffen. Nur einmal, als einige Parteivertreter in die Schule kamen. Ich finde, es müsste im Unterricht mehr über Politik gesprochen werden. Bei mir in der Klasse sind alle über 18 Jahre alt, aber keiner hat Ahnung. 

Unter Freunden diskutieren wir wenig über das Ausländerwahlrecht. Wenn ich ein Argument hinterfrage bei jemandem, der dagegen ist, höre ich die typischen Antworten. Wenn ich dann auf meine Mutter verweise, kommt das Gleiche wie bei ihr im Lehrerzimmer: "Das ist doch etwas ganz anderes." Und dann ist das Gespräch schnell zu Ende.

An den Diskussionen auf Facebook beteilige ich mich nicht. Die Debatte dort ist mir zu blöd. Da schreiben Leute, die Argumente anderer übernehmen, ohne selbst nachzudenken. Darauf zu antworten, ist der Mühe nicht wert.

Beim Wahlrecht mit 16 bin ich der gleichen Meinung wie mein Bruder. Ich habe das ja selbst erlebt. Diejenigen, die mit 18 das erste Mal wählen dürfen, beschäftigen sich nicht unbedingt mit Politik. Warum sollte ein 16-Jähriger nicht abstimmen dürfen, der sich interessiert?


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Auslänner a Bierger vu Lëtzebuerg
Ech sinn „Auslänner“. Ech sinn ee Bierger vu Lëtzebuerg. Ech hu keng duebel Nationalitéit, ech si Belge. Ech sinn also Auslänner. Ech sinn zu Ettelbréck op d’Welt komm...