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Ein Viertel in der Findungsphase
Nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch urbanistisch habe sich mit der Tram in Kirchberg so einiges verändert, findet Infrastrukturminister François Bausch.

Ein Viertel in der Findungsphase

Foto: Guy Jallay
Nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch urbanistisch habe sich mit der Tram in Kirchberg so einiges verändert, findet Infrastrukturminister François Bausch.
Lokales 6 Min. 09.07.2018

Ein Viertel in der Findungsphase

Diane LECORSAIS
Diane LECORSAIS
In Kirchberg sollen Fehler der Vergangenheit behoben werden – und die Avenue Kennedy mit Leben gefüllt. Ein Ziel, dem der Fonds Kirchberg in den kommenden Jahren durch zahlreiche Projekte näherkommen will.

Hier ein neuer Rohbau, dort eine weitere Großbaustelle: In Kirchberg gibt es ständig Neues zu entdecken, und wer die Avenue Kennedy schon länger nicht mehr entlang gefahren ist, der wird sich wundern. Viele große Bauvorhaben stehen kurz vor der Fertigstellung, viele weitere werden demnächst in Angriff genommen. Und mit diesen möchte man auch ein paar Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit aus dem Weg räumen, wie am Montag bei der Vorstellung der Jahresbilanz des Fonds Kirchberg deutlich wurde.

„Das größte Problem in Kirchberg besteht heute darin, dass wir ein krasses Defizit an Einwohnern im Vergleich zu den Arbeitsplätzen haben“, brachte Infrastrukturminister François Bausch es gleich zu Beginn auf den Punkt. Denn während laut Angaben des Fonds Kirchberg aktuell etwa 40.600 Menschen auf dem Plateau arbeiten, liegt die Einwohnerzahl gerade einmal bei 3.600.

Mehr Mixität, mehr Dichte

In den kommenden Jahren soll der Wohnungsbau daher erheblich vorangetrieben werden. Allein auf den Arealen genannt Kuebebierg und Laangfur, gelegen hinter dem Boulevard Pierre Frieden, sollen langfristig Tausende Wohnungen entstehen. „Und diese Wohnungen müssen im Sinne einer ordentlichen Mixität zu erschwinglichen Preisen angeboten werden, schließlich gehören viele Grundstücke dem Fonds Kirchberg“, so Bausch. Dem Minister zufolge müsse man sich in Kirchberg aber auch die Frage nach der Dichte stellen. Gerade entlang der Avenue Kennedy müsse dichter gebaut werden – bei hoher Qualität.

Wie Fonds-Präsident Patrick Gillen erläuterte, habe die Urbanisierungs- und Entwicklungsgesellschaft ihre Vorgehensweise unter der aktuellen Regierung dahingehend geändert, dass bei Projekten, die von Privatpromotoren auf Grundstücken des Fonds realisiert werden, nun ein maximaler Quadratmeterpreis von 4.200 Euro fixiert worden ist. Bei den Wohnungen, die der Fonds zusammen mit der Société des habitations à bon marché (SNHBM) schafft, wurde er indes auf 3.250 Euro pro Quadratmeter festgelegt. 

Viele Einsprüche gegen Kennedy-Süd

Die Wohnungen werden über Erbpachtverträge mit einer Laufzeit von 99 Jahren vergeben, der Fonds genießt ein Vorkaufsrecht und Anwärter müssen gewisse Kriterien erfüllen. Dies betrifft zum Beispiel die 820 Wohneinheiten, die derzeit in Kiem entstehen.

 Der Fokus liegt somit ganz klar auf dem Verkauf. Zur Miete wolle der Fonds laut Patrick Gillen etwa zehn Prozent der Objekte, die die Gesellschaft selbst vergibt, anbieten. Hinzu kommen jene Einheiten, die die SNHBM vermietet.

Insgesamt befinden sich laut Gillen derzeit rund 4.000 Wohneinheiten im Bau beziehungsweise in Planung. Mittelfristig soll die Zahl der Bewohner auf 14.800 steigen, langfristig mit den erwähnten Vierteln Kuebebierg und Laangfur sogar auf 22.100. Dazu gehört auch das neue Gebiet genannt Kennedy-Süd zwischen dem Bestehenden Viertel Weimershof und der Avenue Kennedy. Wegen mehrerer Einsprüche sei dieses Vorhaben jedoch etwas ins Stocken geraten – ab Herbst soll es dort wieder vorangehen.

EU-Institutionen dehnen sich aus

Wenngleich die Zahl der Büros künftig weniger stark vorangetrieben werden soll als bisher, werden aber auch weiterhin Arbeitsplätze geschaffen. Die Zahl der Beschäftigten dürfte mittelfristig von 40.600 auf 61.600 und langfristig auf 64.000 steigen. Unmittelbar vor der Fertigstellung befindet sich der Neubau für das EU-Parlament, nächstes Jahr sollen die Beamten einziehen. Das alte, asbestverseuchte Robert-Schuman-Gebäude wird dann nicht mehr benötigt; was mit ihm passieren wird, ist unklar.

François Bausch zufolge gebe es in diesem Gebäude ein erhaltenswertes Element – den Plenarsaal. Ein Architektenwettbewerb soll Klarheit darüber bringen, inwieweit dieser bewahrt werden kann und in ein neues Projekt integriert. Bausch zufolge könnte sich dort etwa die Maison de l'Europe ansiedeln oder ein kleines Museum entstehen.

Der Busverkehr in der Avenue Kennedy konnte deutlich reduziert werden. Zudem wurde ein neuer Radweg 
angelegt.
Der Busverkehr in der Avenue Kennedy konnte deutlich reduziert werden. Zudem wurde ein neuer Radweg 
angelegt.
Foto: Guy Jallay

Abgesehen vom Parlament werden sich aber auch noch andere EU-Institutionen ausbreiten. Der dritte Goldturm des EU-Gerichtshofs hat schon deutlich Form angenommen und wird Mitte nächsten Jahres fertiggestellt. Auch die EU-Kommission erhält einen gigantischen Neubau, das ebenfalls asbestverseuchte Jean-Monet-Gebäude wird abgerissen. Ferner wird die Europäische Investitionsbank um ein Gebäude erweitert.

Nicht weit von den Institutionen entfernt bekommt das Plateau aber auch einen Neuzugang: Neben dem Héichhaus errichtet ArcelorMittal seinen neuen Hauptsitz.

Großes Interesse von kleinen Ladenbetreibern

Doch auch kulturell tut sich etwas in Kirchberg. Die neue Nationalbibliothek soll das kulturelle Angebot um Mudam, Musée Dräi Eechelen und Philharmonie erweitern. Die Arbeiten sind bereits weit fortgeschritten, Patrick Gillen zufolge soll das Gebäude Ende des Jahres beziehungsweise Anfang 2019 fertiggestellt sein.

Überhaupt schwebt den Planern vor, mehr Leben in den Stadtteil zu bringen. Eine Rolle spielt dabei auch die Umgestaltung der Place de l'Europe zwischen Hochhaus, Philharmonie und Bâtiment Schuman, die bisher ein eher tristes Dasein fristet. Hier wird eine Bühne für Konzerte unter freiem Himmel aufgerichtet, die Philharmonie plane zudem eine Erweiterung ihres Restaurants. Vom 20. bis zum 22. September wird auf dem Platz ein Food-Truck-Festival veranstaltet, das die Besucher auf den Geschmack bringen soll.

Ein Hotel im Viertel Gründewald

Das dänische Planungsbüro Gehl, das dieses Projekt ausgearbeitet hat und diverse Verbesserungsvorschläge für die Gestaltung der Avenue Kennedy eingereicht hat, wurde nach dieser laut Bausch positiven Erfahrung zudem damit beauftragt, den kompletten Stadtteil zu überarbeiten – „mit dem Hauptziel, einen besseren Urbanismus zu schaffen mit belebten Vierteln und Plätzen, Aktivitäten im Freien und einer fußgängerfreundlichen Umgebung“.

Patrick Gillen zufolge lassen sich auch immer mehr Geschäfte auf dem Plateau nieder. „Anfangs war es schwierig, Läden für die Erdgeschosse der Bürogebäude zu gewinnen. Heute haben wir beim Pôle d'échange Serra, wo 10 000 Quadratmeter Bürofläche entstehen, bereits mehr Anfragen für die kleinen Ladenflächen als für die Büros“, so Gillen. In Höhe des Viertels Grünewald soll übrigens auch ein Hotel erbaut werden – bislang gebe es in diesem Bereich des Viertels noch keines.

Das Infinity-Projekt wird durch einen Privatinvestor finanziert. Es begreift Büros, ein Einkaufszentrum und Wohnungen.
Das Infinity-Projekt wird durch einen Privatinvestor finanziert. Es begreift Büros, ein Einkaufszentrum und Wohnungen.
Foto: Guy Jallay

Zukunft der Luxexpo ungewiss

Für eine wesentliche Erweiterung des kommerziellen Angebots dürfte im Übrigen das Infinity-Projekt an der Avenue Kennedy, direkt gegenüber der Place de l'Europe, sorgen. Dieses wird durch einen Privatinvestor umgesetzt und begreift neben Wohnungen und Büros auch ein Einkaufszentrum, das Ende 2019 die ersten Kunden empfangen soll.

Langfristig könnte in dem Stadtteil übrigens noch viel Raum für Neues frei werden: Laut François Bausch führt die Regierung derzeit eine Marktanalyse zum zehn Hektar umfassenden Luxexpo-Gelände durch. Damit wolle man herausfinden, ob das Konzept, wie es heute besteht, überhaupt zukunftsfähig ist.

„Meiner Ansicht nach ist es komplett verrückt, an solch einem zentralen, urbanen Ort Hallen zu haben, in denen lediglich ein paar Mal im Jahr eine Veranstaltung stattfindet“, so Bausch. Vielmehr gehöre dort eine gemischte Struktur hin mit Wohnungen, Geschäften – und mehr.


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