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Ein Straßenname erhitzt die (Escher) Gemüter
Lokales 5 Min. 22.04.2014 Aus unserem online-Archiv

Ein Straßenname erhitzt die (Escher) Gemüter

Ein Straßenname erhitzt die (Escher) Gemüter

Foto: Gerry Huberty
Lokales 5 Min. 22.04.2014 Aus unserem online-Archiv

Ein Straßenname erhitzt die (Escher) Gemüter

Am 25. April wird der Escher Gemeinderat in einer eigens anberaumten Sitzung über das Schicksal der Brillstraße entscheiden. Dieser traditionsreichen Kultstraße droht nämlich eine Umbenennung in „rue Nelson Mandela“.

Am 25. April wird der Escher Gemeinderat in einer eigens anberaumten Sitzung über das Schicksal der Brillstraße entscheiden. Dieser traditionsreichen Kultstraße droht nämlich eine Umbenennung in „rue Nelson Mandela“.

Mag sein, dass die bevorstehende Ausstellung „Nelson Mandela, from Prisoner to President“ im Musée de la Résistance den Schöffenrat dazu bewogen hat, diese zeitlich begrenzte Ehrung Mandelas durch eine Straßenwidmung zu verewigen. Hoffentlich werden am 25. April nicht solch impulsive Gedanken die Oberhand gewinnen, sondern eine nüchterne Betrachtung der folgenden Punkte: Soll die Brillstraße umbenannt werden? Wie steht die Bevölkerung dazu?  

  Soll eine andere Straße im Quartier Brill umbenannt werden?     Warum gerade eine „rue Nelson Mandela“? Soll die Brillstraße umbenannt werden?Generell sollte eine Straße nur aus wichtigen notwendigen Anlässen umbenannt werden, z.B. wenn sich herausstellen sollte, dass ein Namensgeber doch nicht so ehrenhaft war. Des Weiteren ist zu beachten, dass jede Änderung von Straßennamen mit Kosten für die Gemeinde (neue Straßenschilder, neue Stadtpläne usw.) und für die Bewohner (neue Visitenkarten, Benachrichtigung von Freunden, Banken, Versicherungen, Behörden) verbunden ist.

Somit gehört es zur Fürsorgepflicht einer Gemeinde, ihre Bürger vor solch unnötigen Scherereien zu schützen.Was nun die Brillstraße im Speziellen betrifft, so haben wir es hier nicht mit einer „normalen“ Straße zu tun. Für viele Escher ist die „Brillstrooss“ eine Kultstraße. Früher ging man auf die „Grenz“ zum Tanzen und in die „Brillstrooss“ zum Essen.

Die „Brillstrooss“ ist zwar nicht mehr das, was sie mal war, hat aber immerhin noch viele traditionelle und neue Restaurants. Die Gemeinde realisiert gerade ein Programm zur Revitalisierung der „Brillstrooss“. Dazu sollte auch gehören, dass das „Gi mir haut den Owend an d'Brillstrooss iessen“ wieder ein geflügeltes Wort, nicht nur in Esch, wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute sagen werden „Haut den Owend gi mir an d'Nelson-Mandela-Strooss iessen“. Nelson Mandela wäre nicht gedient, wenn viele Leute „seine“ Straße weiterhin „Brillstrooss“ nennen würden. Wie steht die Bevölkerung zur Umbenennung der Brillstraße?

Auf den Stammtischen und Kaffeekränzchen, bei privaten Treffen mit Eschern und Nicht- Eschern, überall gab es nur mehr oder weniger geharnischte Kritik an einer Umbenennung der Brillstraße. Die Artikel vom 3. April in Online-Zeitungen, in denen die bevorstehende Umbenennung angekündigt wurde, haben 60 Leser kommentiert.

Alle haben sich mit meist drastischen Formulierungen gegen eine Umbenennung der Brillstraße ausgesprochen. „Mumpitz“, „Wat e Blödsinn“, „Si fleeten op vox populi“ gehören zu den gemäßigten Überschriften. Als dann am 4. April die Meldung kam, dass die Entscheidung vertagt sei, gab es ein Aufatmen in den Kommentaren, wie z.B. „Kéier nach kritt“.

In der Brillstraße formiert sich auch schon der erste Widerstand. In einem Schaufenster hängt demonstrativ ein altes blaues Straßenschild „Rue du Brill / Brillstraße“. Ich frage mich, ob der Schöffen- und Gemeinderat die Hausbesitzer, Geschäftsinhaber und Bewohner der Brillstraße überhaupt befragt hat, ob sie zukünftig ihr Restaurant, ihr Geschäft oder ihre Wohnung gerne in der „rue Nelson Mandela“ haben wollen. Soll eine andere Straße in „rue Mandela“ umbenannt werden?

Als unsere Bürgermeisterin mitgeteilt hat, dass die Entscheidung zur Umbenennung der Brillstraße auf den 25. April vertagt sei, hat sie sogleich hinzugefügt, dass es in Esch auf jeden Fall eine „rue Nelson Mandela“ geben werde und dass sie im Quartier Brill sein werde. Mein Demokratieverständnis hat da Probleme, wenn eine Entscheidung zwar vertagt wird, damit Zeit für eine „ehrenhafte“ Diskussion sei, das Ergebnis der Diskussion aber gleich vorbestimmt wird.

Der rwähnte allgemeine Einwand, dass man eine Straße nur aus wichtigem, notwendigen Grund umbenennen sollte, gilt natürlich für alle Straßen des Brillviertels. In der rue des Boers könnte man allerdings einen Kandidaten für eine Umbenennung sehen, weil die Buren die schlimmsten Verfechter der Apartheid waren. Als Namensgeber sollte man aber vorrangig an eine Persönlichkeit aus dem Bereich „Kultur“ denken, um dem vor einigen Jahren versprochenen „Carré Culturel“ im Quartier Brill wenigstens bei Straßennamen gerecht zu werden (nachdem man die Gelegenheit nicht genutzt hat, in den frei gewordenen Flügel neben dem Musée eine Kultureinrichtung anzusiedeln und stattdessen das Sozialamt dorthin verlegen wird).

Warum gerade eine „rue Nelson Mandela“?Die bevorstehende Wanderausstellung im Musée de la Résistance gilt als Anlass für die Benennung einer Escher Straße nach Nelson Mandela. Danach werden bestimmt weitere Ausstellungen über verdiente Persönlichkeiten kommen. Soll dann auch jedesmal eine Escher Straße umgetauft werden?

Von den Gegnern einer Umbenennung der Brillstraße hört man oft den Kompromissvorschlag, man könnte ja in einem neuen Viertel eine Straße nach Nelson Mandela benennen. Im Prinzip ist dies richtig und Nelson Mandela wäre eine würdige Person. Aber es gibt auch noch andere würdige Personen. Und weil Esch sich das Image einer Universitäts- und Kulturstadt geben will und unser Potenzial an neuen Straßen sehr begrenzt ist, sollten wir neue Straßen eher nach Persönlichkeiten der internationalen Wissenschaft und Kultur benennen.

Wir haben in unseren Straßennamen zwar Einstein, Henri Tudor, Laura Bassi, Ada Lovelace, Marie Curie, Frédéric und Irène Joliot-Curie geehrt, aber nicht Pascal, Descartes, Newton, Max Planck usw. Auf dem Kultursektor haben wir als Namensgeber neben einigen Luxemburgern wie Michel Rodange, Dicks, Batty Weber als Ausländer nur Victor Hugo und Karl Marx, die mir einfallen, aber keine Molière, Goethe, Shakespeare, Verdi, Mozart, Beethoven (aus dessen neunter Sinfonie immerhin die Europahymne entnommen ist)...

Roby Kremer

Esch/Uelzecht, Quartier Brill