Ein Krieg ohne klare Fronten

Serie zu Stay Behind, Teil 1: ein historischer Überblick

Nato-Sitzung der Staats- und Regierungschefs 1952: Auch Luxemburg baute als Gründungsmitglied des Atlantischen Bündnisses eine „Stay Behind“-Truppe auf.
Nato-Sitzung der Staats- und Regierungschefs 1952: Auch Luxemburg baute als Gründungsmitglied des Atlantischen Bündnisses eine „Stay Behind“-Truppe auf.
(Foto: NATO)

(mth) - Könnte hinter der Anschlagsserie der 1980er-Jahre in Luxemburg das geheime Stay Behind-Netzwerk stecken, also jene für den Fall einer sowjetischen Invasion nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute Geheimarmee der Nato?

Die Verteidigung vertritt diese These, in der Anklageschrift dagegen wird sie ausgeschlossen. Ein komplexes Thema, über das nur wenig bekannt ist und dem wir deshalb eine Serie von vier Artikeln widmen. Im ersten Teil betrachten wir den Ursprung der geheimen Organisation und ihre offizielle Aufgabenstellung.

Die Geschichte von Stay Behind ist untrennbar mit jener des Kalten Kriegs verbunden: Von seiner Entstehung 1950 bis zu seiner Auflösung nach 1990 existierte das geheime Netzwerk nur so lange, wie die Konfrontation der beiden Supermächte USA und Sowjetunion die Welt in zwei Blöcke spaltete.

Die Idee, eine geheime Untergrundorganisation zu schaffen, die im Fall einer Invasion den Feind hinter den Linien bekämpfen, strategische Ziele sabotieren und Informationen beschaffen könnte, war nicht neu, als sich führende Köpfe des US-Geheimdiensts CIA im Jahr 1948 Gedanken darüber machten, wie man dem sowjetischen Aggressor im Ernstfall auf geheimdienstlicher Ebene begegnen könnte.

„Home Guard“

Als Vorbild diente die französische Résistance, aber vor allem auch die britischen „GHQ Auxiliary Units“, eine paramilitärische Einheit, deren Schaffung Premierminister Winston Churchill im Sommer 1940 angesichts einer drohenden deutschen Landung in Großbritannien in Auftrag gab. Rund 3 500 Mann, meist aus den Einheiten der „Home Guard“ rekrutiert, wurden darauf vorbereitet, im Fall einer Invasion einen Guerillakrieg zu führen. Die Organisation wurde unter höchster Geheimhaltung aufgebaut, Ausrüstungslager angelegt und geheime Operationsbasen gebaut. Die „Operation Seelöwe“ fand nie statt, aber auch wenn die deutsche Invasion ausblieb, hatten die Briten wertvolle Erfahrungen im Aufbau einer solchen Schattenarmee gesammelt, die sie schon bald mit ihren amerikanischen und europäischen Verbündeten im Rahmen des Nordatlantikpakts teilen sollten.

Ein Kampf mit allen Mitteln

Die Idee, eine ähnliche Schattenarmee in Europa aufzubauen, kam aus dem „Office of Policy Coordination“ (OPC), einem geheimen Gremium aus US-Militär- und Geheimdienstvertretern, das auf verdeckte Operationen sowie psychologische Kriegsführung spezialisiert war und später als „Office of Special Operations“ in die CIA integriert wurde. Die Ideologie hinter dem Projekt war eben so pragmatisch wie skrupellos: Angesichts einer aggressiven Expansionspolitik der Sowjets galt es, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Interessen der USA zu verteidigen, sowie in einem geringeren, diesem höchsten Ziel untergeordneten Maße jene seiner Alliierten.

Desinformation und psychologische Kriegsführung

Operationen, die gleich einem zweischneidigen Schwert einerseits die Ausbreitung des Kommunismus verhindern sollten, andererseits kommunistische Regimes und marxistische Kräfte in alliierten Nationen schwächen oder zersetzen sollten. Die angewandten Methoden beinhalteten explizit sowohl offensive Mittel wie verdeckte militärische Operationen oder die Herbeiführung von Staatsstreichen, aber auch defensive oder präventive Ansätze wie Desinformationskampagnen und psychologische Kriegsführung.

In Zusammenarbeit mit alliierten Militärgeheimdiensten wurden Agenten ausgebildet, die im Fall einer Besetzung des jeweiligen Landes durch Truppen des Warschauer Pakts Guerillaoperationen und Sabotage durchführen sollten. Erst Anfang der 1990er- Jahre wurde bekannt, dass es in 14 Nato-Mitgliedsstaaten sowie in Finnland, Schweden, Österreich und der Schweiz „Stay Behind“- Truppen gab.

Zu diesem Zweck wurden europaweit geheime Depots angelegt, die Waffen, Munition, Funkausrüstung und andere Ausrüstungsgegenstände enthielten. Keiner der Agenten kannte die Identität seiner Kameraden, die Koordination der nationalen Zellen wurde von den jeweiligen Geheimdiensten übernommen.

Die Koordination der nationalen „Stay Behind“- Truppen übernahm ab 1951 ein an das militärische Oberkommando der Nato (Shape) angegliedertes Gremium namens „Clandestine Planning Commitee“ (CPC), das aus Vertretern der Geheimdienste beteiligter Staaten sowie Repräsentanten des CIA und des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 bestand. Die Mitglieder des Koordinationsgremiums arbeiteten unter strengster Geheimhaltungsstufe und mussten eine Erklärung ablegen, in der sie zusicherten, „niemals Informationen außerhalb einer gesicherten Umgebung zur Sprache zu bringen oder mit unbefugten Personen zu teilen, auch nicht nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst, es sei denn, ich erhalte eine spezifische, unmissverständliche und kategorische Anordnung, dies zu tun“.

Eine Doktrin des begrenzten Vertrauens

Die meisten Offiziere, die in dieser Abteilung des Shape im belgischen Mons arbeiteten, waren Briten oder US-Amerikaner – Europäern wurde offenbar nicht getraut. Es gab offenbar eine Doktrin des begrenzten Vertrauens aufgrund der Ansicht, verschiedene europäische Regierungen würden nicht ausreichend gegen Kommunisten vorgehen und sollten daher nicht über die Aktivitäten der geheimen Truppen informiert werden.

Ein Grund für diese Vorgehensweise war offenbar die Tatsache, dass trotz des Bündnischarakters der Nato während des gesamten Kalten Kriegs die Abteilung für verdeckte Kriegsführung stark von den USA dominiert wurden.

Ein Umstand, der wohl erklärt, warum diese geheimen Strukturen sich von vielen unbemerkt zu verändern begannen, als sich gegen Mitte der 1960er-Jahre in vielen europäischen Ländern eine Machtverschiebung zugunsten der politischen Linken abzeichnete.

Die Einsatzphilosophie des „Stay Behind“ wurde vom CIA aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen umgewandelt, was zu einer Kette von Vorfällen führte, die noch heute zu den dunkelsten Geheimnissen der Nato zählen.

Denn aus einer Partisanen-Truppe, die nur im Ernstfall einer Invasion aktiv werden sollte, wurde eine bewaffnete Macht, die vor allem dem neu definierten Ziel des US-Geheimdienstapparats dienen sollte: Mit allen Mitteln verhindern, dass kommunistische Parteien in Europa durch demokratische Wahlen an die Macht kommen.

Die Mittel zu diesem Zweck waren alles andere als heilig, denn wie die Vorfälle der folgenden Jahre vor allem in Italien, aber auch in anderen europäischen Ländern zeigen sollten, ging es vor allem darum, durch Terror in der Bevölkerung Angst vor dem Feind aus dem Osten zu schüren.